Die moderne Muslimin

Die moderne Muslimin

„Ich möchte noch viel erreichen. Eine Frau ist nicht nur für den Haushalt und die Kinder zuständig; eine Frau kann mehr.“ Dies erzählt die Tochter eines irakischen Flüchtlings, in einer Bibliothek. Diese liegt in der Schule, die sie zurzeit besucht, um ihre Fachhochschulreife zu erlangen. Ihr Name ist Mrouwa Al- Zoubeidi, sie wirkt durch ihr Auftreten selbstbewusst und zielstrebig.

Im Alter von acht Jahren kommt Mrouwa mit ihren drei Geschwistern und ihrer Mutter nach Flensburg. Sie folgen ihrem Vater Salam Al Zoubeidi, der bereits ein Jahr zuvor nach Deutschland gekommen war. Aus politischen Gründen flüchtet der damals 35-jährige Mann aus seinem Heimatland. In Deutschland, so hat er von Freunden gehört, könne man gutes Geld verdienen und sicher leben. In Flensburg angekommen, findet er Unterschlupf in einem Asylheim. Zusammen mit 20 anderen Männern schläft er dort in einem Zimmer, arbeitet Tag und Nacht hart an einem Neuanfang; ein Neuanfang in einem fremden Land, ohne die Sprache und ohne die Kultur zu kennen. Tagsüber arbeitet der gelernte Einzelhandelskaufmann in einer Küche als Hilfskraft, abends liefert er Pizza aus. Die eigene Familie ist hunderte Kilometer entfernt. „Das war eine harte Zeit für uns alle“, berichtet mir die heute 23-jährige Irakerin.

Nach einem Jahr kommt dann endlich die Familie nach und sucht sich eine kleine Wohnung in Bad Oldesloe.

Mrouwa ist zu diesem Zeitpunkt ein Kind und hat in ihrem Heimatland schon die erste und zweite Klasse besucht. Doch in einem fremden Land, ohne Sprachkenntnisse, muss sie wieder in der ersten Klasse beginnen. Sie erzählt mir mit einem Lächeln im Gesicht von jener Zeit. „Es ist schon komisch an all das zurückzudenken“, sagt Mrouwa.

Nachdem normalen Unterricht bot die Schule, die sie besuchte, einen Deutschkurs für Kinder mit Migrationshintergrund an. Dort hat sie viel gelernt und schon bald hatte sie sich im Unterricht etabliert. „Das Einzige, was störte, waren die anderen Kinder, die mich auf Grund meines Kopftuches immer aufzogen“, berichtet Mrouwa. „Sie meinten, ich hätte keine Ohren und keine Haare.“ Also beschlossen die damalige Klassenlehrerin und die Eltern, dass Mrouwa einmal ihr Kopftuch abnehmen sollte, um zu zeigen, dass sie auch ein ganz normales Mädchen ist. Heute hat sie damit keine Probleme mehr, ganz im Gegenteil, sie ist eine sehr beliebte Schülerin in ihrer Klasse „und bei der Auswahl der Freunde kommt es auch nicht auf die Herkunft an, sondern ob wir uns verstehen“, ist sich Mrouwa sicher.

Nachdem Realschulabschluss beginnt für Mrouwa die schulische Ausbildung zur PTA (pharmazeutisch technische Assistentin) in Hamburg. Für die junge Frau kommt es trotz der Entfernung nicht in Frage vom Elternhaus wegzuziehen. Dafür ist ihr „der Dschungel“, wie sie ihre Familie liebevoll nennt, zu wichtig. In dieser Zeit lernt Mrouwa einen irakischen Mann kennen. Dieser wohnt mit seinem Vater in Berlin. Die beiden haben sich auf einer großen Familienfeier kennengelernt. Für Mrouwa ist diese Begegnung ein Glücksfall, sie möchte unbedingt einen Mann aus ihrem Vaterland als Partner haben. Die gleichen Wurzeln und eine ähnliche Geschichte scheinen gute Voraussetzungen zu sein.

Kurze Zeit später kommt es zur Verlobung. Alles scheint toll zu laufen. Doch ihr Verlobter unterstützt Mrouwa nicht in ihrem Plan eine Berufsausbildung in Hamburg zu beenden.

Doch die junge Frau hat ein klares Ziel: Sie möchte die Ausbildung erfolgreich beenden und auf eigenen Beinen stehen. Das habe sie von der deutschen Gesellschaft gelernt. Ihrer Familie ist nur wichtig, dass ihre Tochter glücklich ist. Nach einem ausführlichen Gespräch mit ihrem Vater über ihre Ängste und Sorgen kommt es schlussendlich zur Trennung. „In diesem Punkt sind auch meine Eltern westlich eingestellt und haben mich nicht zur Hochzeit gedrängt“.

Die Religion spielt in der Familie AL- Zoubeidi eine wichtige Rolle. Sie beten regelmäßig. Vater Salam AL- Zoubeidi machte 2006 eine Pilgerfahrt nach Mekka und die Frauen in der Familie tragen alle Kopftücher. Doch der ganzen Familie gefällt das Leben in Deutschland. Mrouwa selbst sieht ihr Geburtsland eher als einen Urlaubsort, in den man gerne reist. Aber aufgewachsen ist Mrouwa in Deutschland und sie hat eigene kulturelle Eigenschaften dieses Landes sehr wohl übernommen, ohne dabei zu vergessen, woher sie kommt und an welche Religion sie glaubt. Sie versucht ein Gleichgewicht zu finden zwischen ihren kulturellen Wurzeln und einer angemessenen Eingliederung.

Seit Sommer 2011 macht die junge Muslimin nun ihre Fachhochschulreife im Zweig Gesundheit in Hamburg. Sie hat sehr viel Spaß am Lernen und möchte noch viel erreichen, vielleicht sogar studieren.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Die moderne Muslimin
Autor
Sönke Drews
Schule
Staatliche Schule Gesundheitspflege W1, Hamburg
Klasse
FOS 11-1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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