Deutschland, einig Vaterland

In Tagen der Döner-Morde mag die Karikatur etwas makaber wirken: Ein Neo-Nazi spaziert mit einem Döner aus einer „Dönerbude“. Doch in der Karikatur stecken zwei Symbole: Zum einen der Neo-Nazi als personifizierte Ignoranz gegenüber Immigranten und zum anderen der Döner als Galeonsfigur des türkischen Entrepreneurs.
 

Karikatur

Die Karikatur soll Augen öffnen, für das Gute, das uns der Reichtum an verschiedenen Kulturen hier in Deutschland bringt. Der Döner ist natürlich nur ein Sandkorn am Strand, denn es gibt so vieles, womit uns fremde Völker im eigenen Land bereichern.

Die Forderung nach bedingungsloser und endgültiger Integration, „Verdeutschung“ von Ausländern klingt für mich wie ein Problem eines starren Hoheitsprinzips: „Du kommst in mein Haus, also benimm dich, wie ich es dir vorschreibe.“ Selbstverständlich sollte jeder, der in Deutschland wohnt, auch die Amtssprache sprechen. Schließlich ist ein Ausländer der kein Deutsch kann fremd in diesem Land, sowohl für die Anderen, als auch vermutlich für sich selbst.

Doch in einer Gesellschaft von 82 Millionen Menschen, in deren Mitte ca. 8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben, und damit eine beachtlichen Rolle am Gesamtbild der „deutschen“ Bevölkerung haben, halte ich diese Einseitigkeit der Annäherung von Migranten an den deutschen Durchschnitt, in Form von Sprachkursen etc., als etwas zu konservativ.

Das starre Bild des klassischen Immigranten als drittklassiger Arbeiter ist längst überholt. Wir haben bereits Folgegenerationen dieser Gastarbeiter in deutschen Universitäten, in gut bezahlten Führungspositionen in großen Unternehmen und sogar im Bundestag, als Bundesvorsitzenden der Grünen. Diese Stereotypen und Vorurteile, dass Einwanderer dumm seien, oder zumindest ungebildeter als ein Durchschnittsdeutscher, und dass sie nur in diesem Land bleiben dürften, weil ihre Arbeitskraft billiger ist, als die eines normalen Bundesbürgers, scheinen sich dennoch in den Köpfen der Mitbürger festgefressen zu haben. Für diese Leute steht der Neo-Nazi, selbstverständlich als arg überspitztes Beispiel. Diese Menschen haben jedoch ihre Augen noch nicht geöffnet, sie haben die Vorteile unserer Multi-Kulti-Gesellschaft noch nicht begriffen. Deshalb verschließen sie sich vor anders aussehenden, oder nicht ganz akzentfrei sprechenden Mitmenschen.

Integration muss jetzt im Dialog geschehen, was nun nicht bedeuten soll, dass Sie sofort aufspringen sollen und sich den Russen Ihres Vertrauens schnappen sollen, um mit ihm bei jeweils einem Glas Vodka und Essiggurken Russisch zu lernen. Aber vielleicht kann man ja das Gespräch mit Leuten suchen, von denen man weiß, dass sie nicht so ganz fehlerfrei formulieren können und vom Plusquamperfekt und dem Konjunktiv noch nie etwas gehört haben.

Unsere Gesellschaft funktioniert im Dialog. Warum dann also diesen nicht mit jedem suchen?

Informationen zum Beitrag

Titel
Deutschland, einig Vaterland
Autor
Patrick Witkowski
Schule
Anne-Frank-Gymnasium , Rheinau
Klasse
J2 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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