Kein Mensch passt in eine Schublade

Kein Mensch passt in eine Schublade

Am Abend des 02.12.2011 wird der 35 jährige Memmet S. aus Pinneberg mit dem Rettungswagen in ein Hamburger Krankenhaus gebracht. Er klagte seit mehreren Stunden über Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit. Nach der Übergabe des Patienten an den diensthabenden Krankenpfleger hört der begleitende Rettungsassistent diesen zu seinem Kollegen abfällig sagen: „Schon wieder so ein Fall von Morbus Mediterraneus.“
Als sich der Rettungsassistent am nächsten Tag nach dem Befinden von Memmet S. erkundigt, wird ihm mitgeteilt, dass dieser noch in der Nacht verstorben sei.

Kann die „Verdachtsdiagnose“ des Pflegers mit dem Tod des Patienten in Verbindung gebracht werden?

Um eine Antwort auf diese Frage finden zu können,soll zunächst der Begriff „Morbus Mediterraneus“ erläutert werden. Die Bezeichnung „Morbus“ ist in diesem Zusammenhang irreführend, weil sie suggeriert, eine Erkrankung zu beschreiben.
Tatsächlich aber handelt es sich um einen Ausdruck für eine beobachtete Verhaltensweise.
Der sogenannte „Morbus Mediterraneus“ oder auch „Morbus Bosporus“ beschreibt eine in unseren Breiten als eher ungewohnt und überzogen empfundene Form der Schmerzäußerung von Menschen aus südlichen Ländern.
Während man im mitteleuropäischen Raum seine Schmerzen eher ruhig und still ertrage, brächten Menschen südeuropäischer und orientalischer Kulturen diese oft sehr lautstark und für ihre Umgebung sichtbar zum Ausdruck. Studien belegen in diesem Zusammenhang kulturelle Unterschiede in Umgang und Äußerung von Schmerz.
Eine solche Beobachtung wird von einem Großteil des medizinischen Personals tatsächlich nicht hinterfragt und als gegeben hingenommen. Es wird keine weitere Differenzierung der einzelnen Menschen aus dem „Herkunftsgebiet Mittelmeer“ vorgenommen.
In der Verwendung des Begriffs „Morbus Mediterraneus“ kann man bereits erste Anzeichen einer Diffamierung erkennen. Eine unzureichende medizinische Versorgung von Patienten orientalischer Herkunft könnte die Folge dieser unreflektierten Verallgemeinerung sein.

Worin liegen die Ursachen dafür, wenn medizinisches Personal Patienten aus anderen Kulturen offen oder verdeckt diskriminiert?
Seit vor 50 Jahren die ersten türkischen Gastarbeiter in die Bundesrepublik einreisten, veränderte sich die Zusammensetzung der hier lebenden Bevölkerung grundlegend. Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund liegt heute bei mehr als 18 Prozent.
Damit machen diese auch einen großen Teil der in deutschen Krankenhäusern behandelten Patienten aus. Diese Situation wirft Fragen auf und stellt das Fachpersonal vor Anforderungen, die offen diskutiert und bewältigt werden müssen. Gerade weil der „Patient aus dem Süden“ kein Einzelfall mehr ist, müssen auftretende Probleme angesprochen werden und drängen auf eine Lösung. Diskriminierung im Krankenhaus steht klar im Widerspruch zum Berufsbild der Mediziner und wird aus diesem Grund oft tabuisiert.

Diesem Verhalten liegen sicherlich eine Vielzahl von Ursachen zugrunde. Zum einen sind Ärzte, Schwestern und Krankenpfleger erheblichem beruflichen Stress ausgesetzt und wollen oft einfach nur, dass alles reibungslos funktioniert. Da wird ein unvorhergesehener Zwischenfall schnell zum Problem. Eine solche Störung könnte zum Beispiel eine Sprachbarriere zwischen Patient und behandelndem Personal sein. Es kostet Zeit und Mühe, sich mit jemandem zu befassen, dessen Sprache man nicht spricht. Dieser Umstand wird noch dadurch gefördert, dass Krankenhäuser nur selten auf Dolmetscher zurück greifen können. Die Argumentation von Klinikleitungen, dass sie ohnehin Mitarbeiter mit Migrationshintergrund beschäftigten, die dolmetschen könnten, erweist sich in der Praxis als unzutreffend. Denn die Mitarbeiter ohne medizinische Ausbildung, wie zum Beispiel das Reinigungs- und Küchenpersonal, sind häufig nicht in der Lage fachspezifische Begriffe hinreichend zu übersetzen.

Zum anderen bestehen auch bei Mitarbeitern im Gesundheitswesen Vorbehalte und Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund. Diese Haltung führt oft zur Distanzierung vom Patienten und einer „Dienst-nach-Vorschrift-Mentalität“.

Ein weiterer Grund ist, dass Migranten teilweise eine andere Schmerzäußerung zeigen und das Personal mit ungewohnten Erwartungen konfrontieren.

Den Mitarbeitern des Gesundheitswesens sind solche Schmerzäußerungen der Patienten fremd. Sie lehnen sie bewusst oder unbewusst als nicht normal ab und kategorisieren die Schmerzwahrnehmung eines Menschen fälschlicherweise als rassen- oder ethnienabhängig.
Ebenso fragwürdig ist es, das vielschichtige Phänomen Schmerz und den Umgang mit diesem nur auf die Kultur zu schieben. Dabei werden häufig die eigene Wahrnehmung sowie Vorurteile außer acht gelassen. Auch dass ihr eigenes Verhalten bei dem Patienten eine Reaktion auslöst, wird gelegentlich von den Mitarbeitern vernachlässigt.

Welche Folgen kann Diskriminierung von Patienten für diese haben?

Für einen Patienten, welcher der deutschen Sprache nicht oder nur bedingt mächtig ist, ergibt sich eine doppelt schwierige Situation. Zu den Verständigungsschwierigkeiten kommen die ungewohnten, und für ihn oft nicht nachvollziehbaren Abläufe eines Krankenhausbetriebes hinzu. Dies verstärkt die eventuell bestehende Angst um die eigene Gesundheit zusätzlich.

Diskriminierende Pseudodiagnosen wie „Morbus Bosporus“ oder ähnliche werden in der Regel nicht dem Patienten gegenüber, sondern im Gespräch zwischen Kollegen zum Ausdruck gebracht wird.
Von solcher Diffamierung betroffene Patienten haben häufig Angst, diese offen anzusprechen um so Hilfe zu bekommen. Angst und Unsicherheit auf Seiten des Kranken können zu Aggressionen führen und ziehen unter Umständen eine weitere Ablehnung durch das Personal nach sich. So entwickelt sich eine Dynamik von gegenseitigem Unverständnis und Misstrauen. Die aus diesem ungünstigen Verhältnis resultierende psychische Verfassung des Patienten wirkt sich negativ auf seine gesundheitliche Verfassung aus. Es geht hierbei nicht nur darum, dass sich der Patient in der Umgebung des Krankenhauses unwohl fühlt, sondern dass auch ein erheblicher gesundheitlicher Schaden daraus resultieren kann.

Die eingangs gestellte Frage, ob der Tod des Patienten Memmet S. etwas mit der Äußerung und dem anschließenden Verhalten des Pflegers zu tun hat oder nicht, kann hier nicht abschließend beantwortet werden. Der Patient, im oben nach einer wahren Begebenheit beschrieben Fall, verstarb an einer zu spät diagnostizierten Hirnblutung. Der Fall lässt die Frage zu, ob Memmet S. überlebt hätte, wenn sein Zustand rechtzeitig erkannt worden wäre. Haben die Äußerung und die damit eventuell verbundenen Vorbehalte des Pflegers dazu geführt, dass das CCT nicht oder zu spät durchgeführt wurde und so eine rettende Operation nicht mehr helfen konnte?
Hat das Schubladendenken des Pflegers dazu geführt, dass der Patient in einen Raum „abgeschoben“ wurde, in dem er mit Schmerzmedikamenten behandelt wurde, wodurch das Leitsymptom Schmerz unterbunden wurde, bis es zu spät für eine Intervention war?
Keinesfalls möchte ich den im Krankenhaus arbeitenden Menschen pauschal unterstellen ihre Arbeit nicht richtig zu machen. Ich möchte aufzeigen wie wichtig es ist, sich auch dort darüber bewusst zu sein, woher solche unreflektierten Verallgemeinerungen kommen, was sie auslösen und welche Folgen sie haben.
Dies sollte bereits in der Ausbildung gelehrt und in Fortbildungen zum Thema „Interkulturelle Pflege“ vertieft werden. Auch der Austausch mit Kollegen, die ebenfalls aus einem anderen Land kommen, kann neue Einblicke bringen.

Gerade Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten und den Anspruch haben ihren Beruf professionell ausüben zu wollen, sollten offen für das Verhalten von anderen Menschen und den Besonderheiten ihrer Kulturen sein.
 

Kein Mensch passt in eine Schublade - Diskriminierung von Patienten mit Migrationshintergrund im Gesundheitssystem

Die Ausgrenzung von Fremden kommt in vielen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens vor. Diskrimierung im Gesundheitswesen lässt sich aber nicht dadurch rechtfertigen, dass es sich hierbei um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt. Sie ist in jedem Fall ein eklatanter Verstoß gegen die im Grundgesetz allen Menschen zugesprochenen Menschenrechte. (Kasten) Das Wissen um diese Problematik und ständige Selbstreflexion, sowie ein offener Umgang Fremden gegenüber bauen Vorurteile ab und fördern das Zusammenwachsen von Menschen verschiedener Herkunft.

Kein Mensch passt in eine Schublade - Diskriminierung von Patienten mit Migrationshintergrund im Gesundheitssystem

Informationen zum Beitrag

Titel
Kein Mensch passt in eine Schublade
Autor
Philipp Nowack
Schule
Staatliche Schule Gesundheitspflege W1, Hamburg
Klasse
FOS 11-1 von 2011/2012
Quelle
Frankurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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