Dauerhaftes Provisorium - Ein Besuch der Asylbewerber-Gemeinschaftsunterkunft in Oberursel

Einem neugierigen Schüler fällt im Gruppenraum der Gemeinschaftsunterkunft Oberursel als erstes der mit ungelenker Schrift gemalte Regelzettel auf : Wir respektieren einander. Wir lassen uns ausreden. Wir strecken einander nicht die Zunge raus. „Das ist ja wie in der Schule“, entfährt es ihm.
Eingerahmt von weitmaschigen mannshohen grünen Metallzäunen liegt die Gemeinschaftsunterkunft Oberursel, die zentrale regionale Unterkunftstelle für Asylbewerber und Asylberechtigte  am Rande des städtischen Gewerbegebietes. Von wo man im Sommer vermutlich noch dem bunten Treiben des Hessentags zusehen und den Klängen der Band Ich+Ich lauschen konnte, die das Hessentags-Festzelt füllte, blickt man an diesem regnerischen Dezembernachmittag auf freies Feld, schulische Zweckbauten und weitere neu entstehende Gewerbeeinrichtungen. Dreht man sich um, fällt das Auge auf lang gestreckte metallene Containerbauten der Gemeinschaftsunterkunft Oberursel. Ein verlassener Kinderspielplatz lockt nicht zum Spiel – es ist regnerisch und kalt. Kein Kind ist zu sehen.

Im Eingang des Verwaltungstrakts findet sich auf einer Tafel die Hausordnung in sechs verschiedenen Sprachen.
Werner Pohl, ein Endfünfziger mit kurzgeschnitten-schütteren weißen Haaren leitet das Gemeinschaftswohnheim in Oberursel seit zwei Jahren. Sich durch Kleidung und Habitus als Leiter zu kennzeichnen, daran scheint ihm nicht zu liegen. Er trägt einen abgetragenen Troyer und ausgebeulte Stoffhosen. Er wirkt ein wenig erschöpft und müde – oder ist es eher die Unerschütterlichkeit von jemandem, der schon viele und vieles gesehen hat? Jedenfalls redet er ruhig und langsam, sorgt dafür, dass man ihn auch gut versteht. Ihm ist es wichtig, dass keine Halbwahrheiten verbreitet werden, die seine Arbeit und die Situation im Wohnheim falsch darstellen, sondern eine seriöse Recherche betrieben wird. Auf seine Aufgaben angesprochen sagt er nur: ,,Das Heim muss funktionieren.“ Er sei Sozialarbeiter, Hausmeister und eben alles, was gerade gebraucht werde. Zum Beispiel kümmere er sich um die Finanzierung, um Gas und Wasser und darum, dass so wenig Energie, wie möglich verbraucht werde. Die Gemeinschaftsunterkunft Oberursel ist eine Unterkunft auf Abruf. Wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, wäre die Einrichtung schon geschlossen. Werner Pohl verschweigt nicht die Kritik von Kirchengemeinden und Organisationen wie ProAsyl, die die Lebensumstände der Oberurseler Einrichtung für unmenschlich halten. Dass er sich durch diese Kritik ungerecht behandelt fühlt, verhehlt er gleichfalls nicht. Man glaubt ihm, dass er tut, was er kann, aber es scheint, als fühlte er seine Bemühungen zur Lösung eines Bergs von Problemen nicht ausreichend gewürdigt.

Ein enger, hell beleuchteter Flur zieht sich durch die Container, an den die Zimmer der Bewohner grenzen. Auf einer Fläche von 15 Quadratmetern leben 2 Personen streng getrennt nach Männern und Frauen und nach einer ziemlich komplizierten ethnischen oder religiösen Arithmetik. Keine afghanischen Sunniten und Schiiten zusammen, keine christlichen und muslimischen Libanesen. Darauf zu achten, so Herr Pohl, das lerne man hier schnell. Die Einrichtung der jeweiligen Containereinheit besteht aus einer dünnen Matratze, einem kleinem Schrank, einem Tisch und einem Kühlschrank. Einen Fernseher müssen sich die Bewohner selbst besorgen. Das scheint vielen zu gelingen, wenn man von den vielen Satellitenschüsseln ausgeht, die das Dach zieren.
Es gibt aber nicht nur Wohnräume in der Gemeinschaftsunterkunft, sondern auch eine Art Klassenraum, in dem die Bewohner Deutsch lernen können. Ein mit Buntstiften gemalter dreiköpfiger Drache in tischdeckengroßem Format fällt schon wegen seiner Größe ins Auge. Voll gekritzelte Wände, Resopaltische und Regale, alte Stapelstühle, viele beschädigt oder schmutzig, in der Mitte ein Tisch, an dem 10 Personen Platz finden. Die Ausstattung ist heruntergekommen, nichts wirkt gemütlich oder lädt zum Verweilen ein. Alle Asylbewerber, die mit einem Flugzeug oder auf dem Landweg nach Hessen kommen, werden zunächst der Zentralen Aufnahmestelle des Landes Hessen in Gießen zugewiesen. Nach dem ersten Gespräch mit den Behörden, in dem die Beweggründe zur Flucht und der Situation im Heimatland dargelegt werden, wird im Verteilungszentrum in Darmstadt nach Quoten entschieden, in welchen Landkreis der Asylbewerber zugewiesen wird. Dort verweilen sie bis zur Annahme des Antrags auf Asyl oder der Ablehnung des Antrags und der damit verbundenen Abschiebung, was in der Regel an die zwei Jahre dauert.

Es leben 160 bis 170 Menschen in der Wohnunterkunft für Asylbewerber von Oberursel. Doch es seien nicht nur Asylbewerber, die dort leben, meint Herr Pohl. Viele von ihnen hätten schon länger ihre Anerkennung in der Tasche, seien aber geblieben. Eigentlich sollte nach spätestens zwei Jahren über einen Asylantrag entschieden sein, ein Großteil aller Bewohner bleibt jedoch weitaus länger. Dass die Aufenthaltsdauer im Durchschnitt fünf Jahre betrage, liege unter anderem daran, dass die meisten „Abgelehnten“ Revision gegen diese Entscheidung einlegen würden, meint Pohl. Dass auch die Asylberechtigten sich nur ungern auf den Wohnungsmarkt begeben, erklärt Herr Pohl für durchaus nachvollziehbar. Wer Arbeit hat, der bezahlt lieber die 180 Euro für die Gemeinschaftsunterkunft. Nur wer keine Arbeit hat, versucht, sich auf dem freien Markt eine Mietwohnung zuzulegen, weil das Wohngeld dann erstattet werde.

Jeder Asylbewerber erhält im Monat 41 Euro Taschengeld und im Frühjahr und Herbst einen Bekleidungsgeld-Zuschuss. Die medizinische Grund-Versorgung sei frei. Was hier genehmigt werde sei unterschiedlich.

Die Wohngemeinschaft in Oberursel ist noch längst nicht gefüllt. Pohl sagt, dass noch weitaus mehr Kapazitäten zur Verfügung stehen, die derzeit längst nicht ausgenützt würden. Im Durchschnitt seien es Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, jedoch würde jeder aufgenommen werden, der über 18 ist. Kinder gebe es keine mehr. Viele, so Pohl, kämen aus nachvollziehbaren wirtschaftlichen Gründen und hofften in Deutschland auf eine bessere Zukunft. Andere fliehen wegen Bürgerkriegen, nur die wenigsten würden tatsächlich politisch verfolgt.
Werner Pohl erzählt, dass er nach wie vor vieles nicht versteht. Am Anfang seien noch viele Interessierte zum angebotenen Deutschunterricht im Heim gekommen, doch es würden jede Woche weniger. Er verstehe nicht, wieso Menschen die in einem Land leben wollen kein Interesse an der Sprache zeigten. Auch zu anderen freiwilligen Veranstaltungen würden viele gar nicht erst erscheinen. Werner Pohl stellt klar, dass es beinah unmöglich sei, Regeln, die man in Deutschland kennt, einzuführen, denn die Bewohner würden sich sowieso nicht daran halten. “Das schont meine Nerven“, sagt er.

Eine längerfristige Planung für die Anlage gebe es nicht und könne es nicht geben, so Werner Pohl. Da das Betreiben der Gemeinschaftsunterkunft jährlich ausgeschrieben wird, wird auch immer nur von Jahr zu Jahr geplant. Die maroden Stellen könnten dann mal gestrichen werden, aber eine ordentliche Wärmedämmung sei in einem einjährigen Finanzplan nicht drin.
Wo die größten Probleme liegen? Zweifellos in der Substanz des Gebäudes und in der Bewältigung des Alltags. Man könne nur den allgemeinen Rahmen des Zusammenlebens regeln: jede Kultur hat unterschiedliche Vorstellung von Sauberkeit und von Regeln des Zusammenlebens. Und gelegentlich, so Herr Pohl, sei die „Ausländerfeindlichkeit“ der Menschen aus den verschiedenen Herkunftsländern untereinander größer als die, die den Asylbewerbern von Deutschen entgegen gebracht werde. Ob Sport nicht eine gemeinsame Basis und eine beliebte Form der Freizeitbeschäftigung sein könne, wird gefragt. Herr Pohl zuckt mit den Schultern. Er habe versucht, einen Sportraum mit Tischtennis einzurichten und im Außenbereich einen Basketballkorb. Wenn sich jemand mit voller Wucht auf die Tischtennisplatte werfe oder wenn viele Menschen den Basketball-Dunk mit spektakulärem Hängen am Korb versuchten, dann halte das Material das nicht lange aus. Mehr sagt Herr Pohl nicht dazu, aber man ahnt, dass das Sportprojekt sich zur Zeit eher in einer existenziellen Krise befindet.

Gerne würde man auch die Bewohner des Heimes selbst befragen. Aber der ungefähr 20-jährige junge Mann aus Togo, der kurz den Kopf durch die Tür streckt, lässt sich ebenso wenig über seine Ansichten und Lebensumstände befragen wie die anderen Asylbewerber, denen man an diesem späten Nachmittag in der Gemeinschaftsunterkunft auf dem Flur begegnet.
Herr Pohl hinterlässt bei all dem nicht den Eindruck, als möge er die Menschen nicht, um deren Wohl er sich zu kümmern hat – ganz im Gegenteil. Er wirkt wie Sisyphus – aber der ist nur bei Albert Camus ein glücklicher Mann.  

Dauerhaftes Provisorium - Ein Besuch der Asylbewerber-Gemeinschaftsunterkunft in Oberursel /Ts.

Informationen zum Beitrag

Titel
Dauerhaftes Provisorium - Ein Besuch der Asylbewerber-Gemeinschaftsunterkunft in Oberursel
Autor
Kaiserin (13 SuS)
Schule
Kaiserin Friedrich Gymnasium, Bad Homburg
Klasse
EAPW01 von 2011/2012
Quelle
Frankurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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