Deutschland – meine zweite Heimat

Deutschland – meine zweite Heimat

Wir müssen lernen, entweder als Brüder miteinander zu leben oder als Narren unterzugehen. (Martin Luther King)

„ Die schöne weiße Traum“ ,Young-Nam mit Nationaltracht vierte von rechts
Dieser Winter ist grau und matschig – genau wie 1974, als Young-Nam am Frankfurter Flughafen steht und sich fragt, wo all die Menschen sind, während es regnet und der Himmel voller dunkler Wolken hängt.  Es war vor 37 Jahren, als Young-Nam einem Aufruf in einer Zeitung in Seoul folgte, der koreanische Krankenschwestern für die BRD gesucht wurden.
„Ich war das jüngste von vier Kindern. Als Mädchen geboren, sollte ich eigentlich als Junge zur Welt kommen“, sagt Young–Nam heute. „Nach den Regeln des Konfuzianismus wird ein Junge immer bevorzugt, so dass meine Zukunft als Bäuerin eigentlich schon feststand.“  Young-Nams Eltern sind damals Bauern in einer Provinz in Kong-ju, 300km von der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, die landwirtschaftlich geprägt ist. Während Young-Nams Eltern auf dem Markt sind, bleibt Young-Nam alleine zu Hause. „Ich bin meiner Mutter immer gefolgt und, weil ich nicht so schnell folgen konnte, blieb ich weinend auf der Strasse zurück, bis ich schließlich einschlief.“ Young-Nam sieht sehr traurig aus, wenn sie vom Leben ihrer Mutter spricht. „Als ich älter wurde und die gezeichneten Hände meiner Mutter sah, schwor ich mir, nie so leben zu wollen.“
Es war ein hartes Leben  um 1956 in Korea. Das Land war noch stark geprägt von den Folgen des Koreakrieges, der erst 1953 zu Ende ging. Die Straßen waren voller Bettler und invalider Menschen, gezeichnet von Hunger und Hoffnungslosigkeit.
Um diesem Schicksal zu entkommen, will die junge Young-Nam unbedingt Lehrerin werden, aber ihr Bruder rät ihr dazu, Krankenschwester zu werden. „Mit 50 Bewerbungen in der Hand geht sie nach Seoul, um alle Krankenhäuser und Arztpraxen von Tür zu Tür abzuklopfen.“ Ich habe förmlich um eine Stelle gebettelt, weiI ich das Geld dringend brauchte, um meinem Vater, der meine Ausbildung finanziert hatte, das Geld zurückzuzahlen.“ Young-Nams Augen leuchten voller Stolz,als sie erzählt, dass sie als Erste ihres Ausbildungsjahrgangs eine Stelle als Krankenschwester in Seoul bekam.
 Seit 1960 bbestand ein großer Bedarf an Pflegekräften in der BRD. Es waren dort 30.000 Stellen offen, so dass die BDR  Korea bat, ausgebildete Krankenschwestern und Krankenpflegehelferinnen nach Deutsthland zu senden.
1974 folgt auchYoung-Nam dem Aufruf einer Zeitung in Seoul und kommt mit 155 Koreanerinnen in einem Flugzeug nach Deutschland . Damit ist Young–Nam eine von 12000 Krankenschwestern und Krankenpflegehelferinnen, die 1974 nach Deutschland kommen. Bis 1976 sollten in mehreren Abständen immer mehr koreanische Krankenschwestern nach Deutschland migrieren. Von 1960 bis 1976 kamen insgesamt 10.000 Krankenschwestern nach Deutschland gekommen, circa 5000 davon leben heute noch in Deutschland. Bei vielen aber waren das Heimweh und die psychische Belastung zu groß. Sie gingen wieder zurück oder wanderten in ein Drittland weiter.
Bereits in Korea wurde Young-Nam auf Deutschland vorbereitet. Drei Monate vor ihrem Abflug bekam sie Deutschunterricht. In Deutschland angekommen, geht der Unterricht vier Monate weiter.  „Trotzdem war es am Anfang ein Kulturshock“, erzählt sie.
In Hamburg wohnt sie zunächst in einem Schwesternheim, wie  die meisten anderen Krankenschwestern aus Korea auch. „In unserem Kurs sind wir sogar gemeinsam einkaufen gegangen und haben praktische Tipps erhalten, wie man z.B. ein Konto eröffnet. Trotz allem war der Anfang schwer.“ Die 500 DM Monatsgehalt, die in Korea in den 70ern einem Ministergehalt entsprechen, sind für Young-Nam sehr viel Geld. 70 DM behält sie für sich selber,  den Rest schickt sie zu ihrer Familie nach Korea. Besonders ihre Mutter und  Ihr Tuberkulose-kranker Bruder können dadurch die dringend benötigte Behandlung erhalten, wogegen ihre Mutter bereits wenige Monate nach Young-Nams Ankunft in Deutschland stirbt. „Damals hatte ich großes Heimweh, es gab ja auch noch keine E-Mails. Telefonate nach Hause waren sehr teuer, so dass die einzige Verbindung nach Hause mein koreanisches Essen am Abend war.“
Young-Nam wird nach vier Monaten im  Krankenhaus Altona eingesetzt. Die meisten Patienten sind Herzkranke und Diabetiker.  „Ich war die einzige Koreanerin auf der Station“ sagt Young-Nam. Sie hat bereits eine Ausbildung in Korea absolbiert und so fällt ihr das praktische Arbeiten nicht schwer, aber: „Ich hatte große Verständigungsprobleme und  Angst, die falschen Medikamente zu geben“. Dazu kamen kulutrelle unterschiede. Im Koreanischen bedeuten ein „Ja“ und ein Nicken mit dem Kopf nicht automatisch, dass man verstanden hat, was jemand sagt. Dort bedeutet ein „Ja“, dass man zuhört. Es gibt zu Beginn für sie nicht nur sprachliche Schwierigkeiten, sondern auch kulturelle Verständnisproleme. „Mit Messer und Gabel umzugehen, ist eine große Herausforderung. „Bei unserem Stationsfrühstück wollte ich ein Toast mit dem Messer schneiden, das Toast flog in die Luft und landetet auf dem Kopf meiner Kollegin. Alle lachten und ich schämte mich in Grund und Boden. Seitdem aß ich auf der Station nur noch selten. Acht Stunden waren wie 24 Stunden für mich. Es war ein richtiger Kampf“.
Doch jedem Anfang folgt ein zweiter Schritt, und so geht  es Young-Nam nach einem Jahr langsam besser. Sie hat sich an Deutschland und die deutsche Kultur gewöhnt. Nach drei Jahren in Deutschland erlaubt es ihr der deutsch-koreanische Vertrag  endlich, in die Heimat zu fliegen. Und so fliegt sie nach drei Jahren das erste Mal nach Hause. „Als ich jedoch in Korea war, war ich in einem Zwiespal, ob ich überhaupt bleiben wollte.“  Young-Nam merkt, dass das Leben in der BRD sie verändert hat. Und nach Zehn Monaten in Korea fliegt sie nach Deutschland zurück. Young-Nam hatte in Deutschland freie Meinungsäußerung und Gleichbereichtigung kennengelernt, die sie sehr schätzt.
Zurück in Deutschland arbeitet sie im UKE,  sie lernt ihren Mann kennen, der  als Arzt in anderem Krankenhaus praktiziert. „Viele Koreanerinnen haben einen deutschen Mann geheiratet, aber bilaterale Ehen waren damals nicht so anerkannt wie heute, in Korea wie gleicheramßen in Deutschland.“ Wie viele Koreanerinnen heiratet sie einen deutschen Mann. Sie bekommt zwei Kinder mit ihm. „Unsere Kinder haben wir deutsch-koreanisch erzogen. Auch wenn es nicht immer konfliktfrei war, stehen wir uns sehr nahe. Meine Kinder haben mir gesagt, dass sie sehr glücklich sind, zweisprachig aufgewachsen zu sein und sich gleichermaßen in beiden Kulturen zu Hause fühlen.“ Circa ein Drittel  dieser bilateralen Ehen sind jedoch in die Brüche gegangen.
Inzwischen ist Young-Nam 59 Jahre alt. Doch die Identitätsfrage stellt sie sich  heute genau wie damals. „Ich lebe länger in Deutschland als in Korea. „Bei meiner Ankunft in Deutschland war ich ja  erst 22“. Doch sozialisiert wurde ich in Korea und Korea wird daher immer meine Heimat bleiben.“ In beiden Ländern wird sie als Ausländerin betrachtet, doch sie hat beides in sich vereint und sieht sich inzwischen als „eine Koreanerin, die in Deutschland lebt“.
Korea wird immer ihre geistige Heimat bleiben und deswegen schlägt Young-Nam eine kulturelle Brücke zwischen beiden Ländern.  Als Krankenschwester nimmt Young-Nam seit 10 Jahren am „Congress für International Education“ und “internationalen Nursing Treffen“ teil, in denen sie viel von Deutschland berichtet.
LETZTES JAHR WURDE IN DEUTSCHLAND DER 40. JAHRESTAG DER KOREANISCHEN KRANKENSCHWESTERN IN DEUTSCHLAND IN VERSCHIEDENEN STÄDTEN GEFEIERT
 „Ich fühle mich in Deutschland sehr integriert und danke der deutschen Regierung, dass sie mir in einem reichen Land wie Deutschland so viele Möglichkeiten eröffnet hat. Wir sind so froh, dass Deutschland unsere Leistungen anerkannt hat, und doch haben wir die Politiker bei der Beglückwünschung unserer Feier vermisst.“ Young-Nam erzählt voller Stolz, dass nicht nur Deutschland ihr viel gegeben hat, sondern dass auch die hier lebenden Koreaner und Koreanerinnen Deutschland etwas zurückgeben möchten. „ Es gibt unter anderem den Han-sarang- Verein was übersetzt „ Eine Liebe“ bedeutet, in dem sich unsere Landsleute sozial engagieren. Wir helfen z.B. monatlich beim Kochen für die Obdachlosen, die ins Bethlehem- Haus kommen. Darüber hinaus sind viele Koreanerinnen wie ich in einem koreanischen Frauenchor, mit dem wir in der Vorweihnachtszeit in Altenheimen oder in Kirchen auftreten.“
Was sich Young-Nam noch wünscht?
Young-Nam möchte die kulturelle Brücke verstärken und ein Altenzentrum für die in Deutschland gebliebenen Koreanerinnen zur gegenseitigen Unterstützung eröffnen. Young-Nam möchte in ihrer neuen Heimat alt werden.



Yvonne Young-Soon Adam

Deutschland – meine zweite Heimat

Informationen zum Beitrag

Titel
Deutschland – meine zweite Heimat
Autor
Yvonne Young-Soon Adam
Schule
Staatliche Schule Gesundheitslehre, Hamburg
Klasse
FOS 2 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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