Generationen ohne Heimat

Die Geschichte der deutschen Siedlungsbewegung fängt schon im frühen Mittelalter an und erstreckt sich über Jahrhunderte. Im 8 Jahrhundert gab es bereits erste Siedlungsbewegungen.  Der Grund hierzu lag hauptsächlich auf missionarischem Gebiet, wollte man doch den slawischen Heiden das Christentum bringen. Der Deutsche Orden hatte hierbei den größten Einfluss. Er wurde vom polnischen Herzog Konrad I. von Masowien zur Hilfe gebeten, um das heidnische Baltenvolk der Pruzzen zu bekämpfen. Als Gegenleistung sollte der Orden Gebiete in Polen bekommen. So begann im Jahre 1226 die Christianisierung des Gebietes, aus dem später Ostpreußen, Lettland und Estland entstehen sollten. Die Urbarmachung des Bodens und gute Ernten hatte zur Folge, dass die Bevölkerung westlich der Elbe stark im Wachsen begriffen war. Ostelbische Fürsten lockten Siedler in den Osten, durch Aussicht auf eigene Höfe und weitest gehende Abgabefreiheit. Daraus entstanden die sogenannten Neustämme: Mecklenburger, Pommern, Ostpreußen und Schlesier. Mit der Pest, die große Teile der Bevölkerung  Mitteleuropas im 14. Jahrhundert dezimierte, endete vorerst die Ostsiedlung. Erst im 17 Jahrhundert bekam diese wieder Aufschwung durch gezielte Aufbaumaßnahmen der Aufnahmeländer. Auch wie in vergangenen Jahren wurden Ansiedler mit Vergünstigungen gelockt. So entstanden deutsche Siedlungsgebiete in Banat, in der Batschka, der Bukowina, der Dobrudscha und in Bessarabien. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts siedelten Deutsche auch im Russischen Reich, vor allem an der Wolga, am Schwarzen Meer und in Wolhynien. Das politische Bild wandelte sich mit der französischen Revolution 1789. Das nationale Selbstwertgefühl der europäischen Staaten wuchs, gleichzeitig erschwerte es die Stellung von Minderheiten. Dieses Konfliktpotenzial war mit einer der Gründe für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Sieger dieses Krieges förderten den Drang der Völker zur Gründung von Nationalstaaten. Die Teilung Polens zwischen Deutschland, Russland und Österreich wurde annulliert, Polen wurde wieder ein einiger Staat. Aus der Erbmasse der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn entstanden unter anderem die neuen Länder Ungarn und Tschechoslowakei. Eine angesetzte Volksabstimmung sollte helfen, gerechte Grenzen zwischen den einzelnen Volksgruppen zu finden. Die Unmöglichkeit der Durchführung dieses Ziels barg für die Zukunft neue Konflikte. Zu viele Angehörige verschiedener Kulturen lebten Nebeneinander. So blieben weiterhin in den neu entstandenen Nationalstaaten deutsche Minderheiten. Die Sudetendeutschen lebten im größten zusammenhängenden Gebiet außerhalb Deutschlands. Der Aufstieg Hitlers und des Nationalismus verschärfte die Konflikte in Europa. Hitler verstand es, sich der Welt als Mann zu präsentieren, der nur die Ungerechtigkeiten der Siegermächte des Ersten Weltkriegs revidieren wollte. Erster Erfolg dieser Politik war die Wiedereingliederung des Saarlandes 1935 in das Deutsche Reich. 1936 marschierten deutsche Truppen in das bis dahin entmilitarisierte Rheinland ein. Die Sieger des Ersten Weltkriegs schwiegen. Mit dem Münchner Abkommen 1938 setzte Hitler mit Hilfe Frankreichs und Großbritannien den Anschluss des Sudetenlandes an Deutschland durch. Für viele Deutsche und Europäer war dies ein großer Erfolg und berechtigt. Welchen Weg Deutschland in Zukunft gehen sollte machte allerdings die politische Zerschlagung  Tschechoslowakei und die Errichtung der Protektorats Böhmen und Mähren deutlich. 12.3.1938 marschierten die deutschen Soldaten in Österreich ein ohne je einen Schuss abgegeben zu haben. Gegen den Anschluss Österreichs, dessen demokratischer Wunsch nach Vereinigungen mit Deutschland 20 Jahre zuvor von den Siegern des Ersten Weltkrieges vereitelt wurde, protestierten lediglich die USA und Mexiko. Die Vertreibung der Deutschen  begann 23.8.1939. An diesem Tag wurde das geheime Zusatzabkommen zum deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet. Hitler und Stalin steckten in diesem Vertrag ihre beidseitigen Interessensphären in Ost- und Südosteuropa ab und vereinbarten die Teilung Polens. Die deutsch-sowjetischen „Waffenbrüder“ besiegten Polen im September 1939 in wenigen Tagen und verabredungsgemäß fand ein Austausch der Bevölkerung im besetzten Gebiet statt. Die Deutschen aus dem nunmehr russisch besetzten Teil Polens mussten ihre Heimat verlassen und wurden im neu entstandenen Warthegau bzw. im Gau Westpreußen-Danzig angesiedelt. Von der Umsiedlung waren auch  noch andere Deutsche Minderheiten betroffen. Im Winter 1939/40 mussten 50.000 Wolhyniendeutsche die Ukraine verlassen. Sie wurden in Warthegau angesiedelt. Weitere 300.000 kamen aus dem Baltikum, aus Bassarabien und der Bukowina in den Warthegau und nach Danzig-Westpreußen. Polnische Bauern und Teile der Stadtbevölkerung  wurden in eine Art deutschbesetztes Restpolen abgeschoben, da die Neuansiedler Platz brauchten. Von der deutschen Vertreibung waren ungefähr eine Million Menschen betroffen. Aber es gibt noch viel mehr Bespiele für die Vertreibung und Umsiedlung ganzer Bevölkerungsgruppen.
Nun zu den Vertreibungsgebieten:
Ostpreußen: Aus diesem Gebiet kamen viele kulturelle Impulse.   Mehr als 2 Millionen Einwohner gab es. Über 1,6 Millionen Menschen davon sprachen deutsch, knapp 300.000 polnisch und etwa 100.000 litauisch. Die Hauptbevölkerung war also deutsch, die schon im Mittelalter hier angesiedelt wurde.  
Pommern: Pommern liegt heute auf dem Gebieten der Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sowie auf polnischen Woiwodschaften Westpommern. Es wurde von den slawischen  Einwanderern „Land am Meer“ genannt.  
Brandenburg: Es war das Stammland Preußens. Berlin bildete das Zentrum des Reiches mit über 4 Millionen Einwohnern. In den anderen Gebietsteilen lebten lediglich ca. 1 Million Menschen.    
 Schlesien: Es wird als „Begegnungs- und Durchgangsland“ bezeichnet. Schlesien war seit dem 13 Jahrhundert kein eigenständiges Gebiet und musste so oft Gebietsveränderungen hinnehmen.     
Sudetenland: Die Gruppe der Sudetendeutschen bildet zu keiner Zeit eine stammesmäßige Einheit. Der Name abgeleitet von dem Gebirgszug, ist vielmehr ein politischer Sammelbewegung, die mit der Entstehung der Tschechoslowakei an Bedeutung gewann. Als Sudetenland bezeichnet man das geschlossene Siedlungsgebiet der Deutschen in  Böhmen, Mähren und in dem ehemaligen  schlesischen Österreich.                                  
Russlanddeutsche: Durch Einladung des russischen Zaren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kamen meist Bauern nach Russland. Sie wurden vorwiegend im Wolgagebiet angesiedelt. Die aus wirtschaftlichen Motiven erfolgte Zuwanderung von Deutschen ergab das 1897 insgesamt 1,8 Millionen Russlanddeutsche in Russland lebten.
Sachsen und Schwaben: Die Niederlassung der Siebenbürger Sachsen, der ältesten deutschen Siedler auf dem Territorium des heutigen Rumänien, erfolgte  im 12. Jahrhundert  im Zuge der deutschen Ostkolonisation. Ungarn mussten ca. 213.000 Deutsche verlassen und 46.300 wurden allein nach Sachsen ausgewiesen.
Nun zum meinem Heimatland Sachsen:
Nach Sachsen drängten infolge der Bevölkerungsverschiebungen durch den Zweiten Weltkrieg eine Million Menschen. Die Neuankömmlinge hatten großen Einfluss auf die bestehende Gesellschaft wie auch auf ihre Neustrukturierung. Vertriebene brachten ihre Erfahrung und ihrer eigenen Kultur mit ein. Eine Schlüsselposition hatte hierbei der ländliche Raum. Eine Art Sogwirkung entstand wegen der besseren Versorgungslage und Arbeitsmöglichkeiten in Land. Infolge der Bodenreform entstanden allein in Sachsen etwa 18.000 Neubauernstellen, davon wurden 7.000 (40 Prozent) an Vertriebene vergeben.

Dies alles erlebte auch Wolfgang Fiolka. Heute ist er Beisitzer im Landesvorstand von Sachsen, Vorstandsmitglied beim Kreisverband Dresden und Vorstandsmitglied für Sachsen im OMV. Ich interviewte ihn und es war ein sehr emotionaler Moment für mich und für ihn, da er sich noch einmal an das ganze erinnern musste.
D. König: Wie haben Sie das Ende des Krieges erlebt?
Fiolka: Wir lebten bis Januar 1945 in Breslau und danach wurden wir ins Sudetenland umgesiedelt. Kurz vor dem 8.Mai 1945 gingen wir nach Breslau zurück. Auf diesem Weg ist meine Mutter vier Mal vergewaltigt wurden. Dort angekommen konnten wir nur rund einen Monat bleiben.  Am 15. Juni kam der Befehl, dass wir in vier Stunden die Stadt verlassen müssen. Außer leichtes Handgepäck durften wir nichts mitnehmen. So kamen wir schließlich nach Dresden.
D. König: Was haben Sie dabei empfunden?
Fiolka: Ich war ja erst 13 Jahre alt. Aber trotzdem kam immer öfters die Frage auf „Warum mussten wir ausgerechnet unsere Heimat, unsere Freunde und unsere Verwandten verlassen?“  Breslau war doch eine urdeutsche Stadt. Und in Dresden nahmen uns die Menschen nur mit Wiederwillen auf. Es dachte eben jeder zuerst an sich.
D. König: Wie war die Lebenssituation?
Fiolka: Unser Dorf „Naundorf“ bei Ortrand war uns zur Verfügung gestellt worden. Wir hatten ein kleines Haus ohne Fenster und Türen. Lediglich große Dreckhaufen waren vorhanden. Möbel hatten wir nicht. Und ein Tier, das war eine Wunschvorstellung. So begann unser Neuanfang im neuen Deutschland.
D. König: Worum geht es den Vertriebenen heute?
Fiolka: Vor allem um Gerechtigkeit und die historische Wahrheit. Man sollte den Menschen, die es nicht miterlebt haben, erzählen, damit unsere Jugend gleich weiß, was in der Zeit passiert ist, um zu verhindern, dass die Geschichte verherrlicht wird. Und es als gut zu erheißen.
D. König: Sind eigentlich nur ältere Personen im BdV?
Fiolka: Nein, auf keinen Fall. Klar ist die Mehrheit der Mitglieder im gesetzten Alter, aber trotzdem kommen auch junge Menschen zu uns. Und das ist positiv, denn so weiß man, dass sich die Jugend auch noch für die vergangene Geschichte interessiert.  Denn die Geschichte darf man auch nie vergessen, weil es ein Bestandteil unseres Lebens ist.
D. König: Ich bedanke mich recht herzlich für das Interview.
Fiolka:  Gern geschehen! Ich freue mich, wenn sich die Jugend für meine Erlebnisse interessiert.

Als Resümee meiner Reportage kann ich sagen, dass mich dieses Thema sehr berührt hat und ich auch froh bin dieses Thema gewählt zu haben. Meine persönliche Empfehlung ist aus der Geschichte zu lernen und für die Zukunft Lehren daraus zu ziehen.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Generationen ohne Heimat
Autor
Doreen König
Schule
Lessinggymnasium Plauen, Plauen
Klasse
9b von 2011/2012
Quelle
Frankurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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