Ein langer Weg

Wo seine Familie schon nicht überall gelebt hatte. Im 19.Jahrhundert mussten Boris seine Ur-Großeltern auf Anweisung von Katharina der  II. Deutschland verlassen und in die heutige Ukraine gehen. Im Jahre 1938 wurde Boris Hefner im Großliebental in der nähe von Odessa geboren. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges und nach fünf Jah-ren Aufenthalt im Großliebental  wurden er, sein kleiner Bruder und seine Mutter nach Deutschland evakuiert. Sie fuhren acht lange Tage im Zug. „Es war sehr kalt, anstren-gend und es stank in dem Zug sehr nach Vieh“, sagte Boris zu mir. Nach einer langen Fahrt kamen sie in der Nähe von Leipzig, in Seehausen, endlich an. Sie wurden herzlich von einer Bäuerin empfangen, da sie als Deutsche galten und wurden  auf einen Bauernhof gebracht. Es gab viel Arbeit zu verrichten, da der Ehemann von der Bäuerin in den Krieg gezogen war. 1944 wurde Boris mit sechs Jahren einge-schult. „Wir schrieben auf Schiefertafeln mit einem Stück Kreide und wischten das Geschriebene mit einem Schwamm weg, sowas hatte ich nie zuvor gesehen und wenn ich heutzutage Holz rieche, erinnert es mich immer wieder an meine Schulzeit in Deutschland. Die Schulbänke rochen in unserem Klassenzimmer so.“
Doch schon nach einem Jahr in Deutschland kamen die russischen Mächte und nahmen die Familie mit. Sie fragte keiner, ob sie mit gehen wollten, sie mussten es. Sie ver-sprachen der Familie, sie dahin zurück zu bringen, wo sie herkamen. Doch sie hielten  ihr Versprechen nicht. Sie brachten die Familie in den Süden Russlands, in die Taiga. „Wir wurden wie Tiere behandelt, in den Zügen gab es kein warmes Wasser und kein richtiges Essen.“
Es ist 18 Uhr und Boris muss die vom Arzt verschriebenen Tabletten einnehmen. Er leidet an einer unheilbaren Krank-heit. Nach dem er sie schluckte, sagte er zu mir: „Die Tab-letten sind wirklich sehr bitter.“ Dann fuhr er fort: „Hunder-te Menschen, vorwiegend Frauen mit Kindern, schliefen in der Kälte auf dem Boden im Zug“, erinnerte er sich. Nach zehn kalten Nächten kamen sie irgendwo im Süden an, wurden in Kutschen an verschiedene Orte gebracht. Diese Fahrt dauerte fast noch eine Woche. „Die Nächte verbrach-ten wir in alten Hütten ohne Strom, Betten und fließendes Wasser“, sagte Boris zu mir. Als sie irgendwo noch tiefer im Süden ankamen, war dies ihre Endstation, mitten im Wald, im Nirgendwo. „Unser Leben mussten wir uns wieder neu aufbauen“, sagte er mir und schaute traurig. Boris kam wieder in die erste Klasse, da er kein Wort Russisch konnte. Ich fragte ihn, ob die russischen Bürger ihn und seine Fami-lie gemocht haben. Er lachte und sagte daraufhin: „ Ge-mocht? Nein, auf keinen Fall, sie haben uns gehasst wie die Pest, beleidigten uns und nannten uns ‚Nazis‘ oder mich haben sie ‚Franz‘ genannt, da es  ein typisch deutscher Name war“.
Doch nach einigen Monaten lebten sie sich ein und nie-mand verlor ein schlechtes Wort über die Familie, denn seine Mutter war eine von drei Ärzten in dem Dorf und half vielen  Menschen. Boris musste nach der siebten Klasse arbeiten gehen, denn die nächste Schule war zu weit weg, um sie zu besuchen und sich weiter zu bilden. Er markierte Bäume und fällte sie anschließend, dies war seine Arbeit. Vier Jahre später, nach dem Tod Stalins, durfte die Familie die Siedlung verlassen. Sie machten sich auf den Weg nach Litauen. „Wir wurden menschlich empfangen, bekamen eine Arbeit und eine Wohnung“, sagte Boris. Noch in dem-selben Jahr musste Boris der Armee beitreten. In dieser Zeit war er in der Südlichen Flotte tätig.
Vier Jahre später machte sich Boris mit seinen damaligen  Freunden auf den Weg in die Ukraine, um sich weiter zu bilden. „Ich habe damals begriffen, dass man ohne eine Ausbildung oder ohne studiert zu haben in seinem Leben nicht vorankommt“. Er hat seinen Schulabschluss in der Abendschule noch gemacht. Daraufhin beginnt er an einer Universität,  Elektrik  zu studieren. 1964 heiratete er seine Frau Nadine, mit der er jetzt noch glücklich verheiratet ist. Nach dem Ereignis fängt er auf einem Flughafen in Sever-donetzk zu arbeiten an. Bis zum Jahre 2003 arbeitete er dort, bis die Übersiedlung zurück nach Deutschland erfolg-te.
Boris fügte hinzu: „Nach dem Tod meines Sohnes wollte ich meinen Enkelkindern eine Zukunft ermöglichen“. Für ihn war es sicherlich kein leichtes Leben. Am Ende sagte Boris: „Ich hatte ein aufregendes, zwar nicht immer ein schönes Leben, aber ich bin voll und ganz zu frieden damit“.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein langer Weg
Autor
Julia Schuralew
Schule
Lessinggymnasium Plauen, Plauen
Klasse
9b von 2011/2012
Quelle
Frankurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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