Wohnunterkünfte in Hamburg | Integration oder Segregation?

Wohnunterkünfte in Hamburg | Integration oder Segregation?

Aufgrund ihrer bemerkenswerten Funktion als Hafenmetropole steht die Stadt Hamburg in einem regen, internationalen Austausch und zieht Menschen aus aller Welt an. Hamburg hat einen relativ hohen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund, die ungleich über das Hamburger Stadtgebiet verteilt sind. Es leben in der Stadt 1.720.632 Menschen aus 180 Ländern, von denen 258.225 Einwohner einen ausländischen Pass haben, das bedeutet rund 15 % aller Hamburgerinnen und Hamburger.
Der Hamburger Senat stellt sich den Herausforderungen einer zunehmenden Globalisierung und Internationalisierung, um das Leitbild „ Metropole Hamburg - Wachsende Stadt“ umzusetzen. Dieses Leitbild verfolgt das Ziel, Hamburg zu einer wachsenden und pulsierenden Metropole zu entwickeln. Der Internationalisierung Hamburgs und dem Thema der Zuwanderung wird eine besondere Wertschätzung entgegengebracht. Das Regierungsprogramm formuliert dies folgendermaßen: „ Wir schaffen ein integrationsfreundliches Klima für Migrantinnen und Migranten in unserer Stadt. Die erfolgreiche Arbeit des Integrationsbeirats werden wir weiterführen.“
Es ist jedoch zu hinterfragen, inwiefern es gelingt, Zugewanderte und ihre Familien in das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Stadtgefüge zu integrieren. Im Mittelpunkt steht die kritische Betrachtung der Bedingungen der Erstunterbringung von Flüchtlingen und Asylsuchenden in Hamburg. Die zentrale  Frage ist also:

 Inwiefern beeinflussen Wohnunterkünfte Integration bzw. Segregation von Einwanderern in das    städtische Leben Hamburgs?

Axel Matuchniak ist für die Unterbringung von Zuwanderern und wohnungslosen Menschen zuständig und ist in der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration  in Hamburg tätig.
E.: Was sind Ihre Aufgaben in der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration?
Axel Matuchniak: Unsere Abteilung ist zuständig für die öffentliche Unterbringung von Zuwanderern und Wohnungslosen. In unserem Aufgabenbereich haben wir zusätzlich niedrigschwellige Hilfen für Obdachlose. Dazu gehört jetzt auch das angelaufene Winternotprogramm. Der andere Teilbereich unserer Abteilung beschäftigt sich mit Hilfen zur Integration in die Gesellschaft  von Menschen, die aus der Gesellschaft „ rausgefallen “  sind z.B. Haftentlassene. Das sind die wesentlichen Themen, mit denen wir uns in unserer Abteilung beschäftigen.
E.: Wie sieht speziell Ihr Arbeitsalltag aus? Arbeiten Sie grundsätzlich alleine oder eher im Team?
Axel Matuchniak: Wir sind hier ein kleines Referat aus drei Personen. Eine Kollegin befasst sich mit den niedrigschwelligen Hilfeangeboten für Obdachlose und ein anderer Kollege befasst sich mit finanziellen Grundlagen und Haushaltsfragen. Ich bin für die Steuerung und Planung der Wohnungs- oder der öffentlichen Unterbringung von Zuwanderern und Wohnungslosen zuständig. Schlussendlich arbeiten wir alle am selben Thema. Die Arbeiten sind übergreifend, also sind wir Teamplayer und keine Einzelarbeiter! Grundsätzlich ist die Hauptaufgabe hier, den Träger  „Fördern und Wohnen“, der ja der einzige Träger in Hamburg ist, der öffentliche Unterbringungen für Zuwanderer  anbietet, zu beauftragen, die gegebenen Probleme zu lösen. Wir unterstützen die Behördenleitung für ihre Planung in der öffentlichen Vertretung, diesbezüglich sorgen wir dafür, dass die finanziellen Mittel zu Verfügung gestellt werden. Außerdem gibt es noch den Bereich der zielgruppenspezifischen Angebote, die jetzt angegangen worden sind, beispielsweise das Jungerwachsenenprojekt in der Hinrichsenstraße. Wohnungslose junge Erwachsene, zwischen 18 und 25, sollen sowohl in Wohnungen, als auch in die Arbeit integriert werden. Es gibt noch andere zielgruppenspezifische Angebote, die jetzt angegangen werden sollen. Wir haben im Moment zwei Projekte laufen.
E.: Wie wird ein Zuwanderer in Hamburg aufgenommen? Wie sieht so ein Prozess aus?
Axel Matuchniak: Grob: Wenn Sie in Hamburg einen Asylantrag stellen wollen, müssen Sie sich an die entsprechende Stelle der Behörde wenden. Nach dem der Asylantrag grob geprüft wird, wird man Sie in eine Erstaufnahmeeinrichtung bringen, z.B. Osdorf. Nach drei Monaten Aufenthalt in einer Erstunterbringung ist jeder Asylbewerber, der noch im Asylverfahren steckt, berechtigt in die Folgeunterbringung zu gehen. Das kann bei Verwandten oder Bekannten sein, es kann aber auch in den öffentlichen Unterbringungen für Zuwanderer und Obdachlose sein.
E.: Welche Kapazitäten bietet Hamburg für Erstunterbringungen?
Axel Matuchniak: In der Regel sind die Kapazitäten nicht ganz ausgenutzt, im Moment ist die Entwicklung was die Zuwanderer und die Obdachlosen angeht, leicht gestiegen. Früher war es mit dem Schiff BiBi Altona alles gelöst.  Als ich damals hier anfing, war die Situation sowieso eine ganz andere. In Ende 80 - er Anfang 90 - er Jahre wurden in Hamburg  20.000 Menschen untergebracht, die meisten waren Flüchtlinge. Der Bereich der Obdachlosen hat sich seit dem zwar ein bisschen nach unten entwickelt, aber  nicht sehr viel verändert. Während der Bereich der Flüchtlinge bis Mitte des letzten Jahres  abgeschmolzen ist. Jetzt haben wir wieder einen Schub nach oben erfahren. Die Anzahl der öffentlichen Unterbringungen ist deshalb zurück gegangen, weil die Flüchtlingszahlen nach unten gegangen sind. Das ist der Grund gewesen, warum wir die Unterkünfte von 20.000 auf ca. 8.565 Plätze reduziert haben.
E.: Sie haben gesagt, dass aufgrund der zurückgegangenen Zahlen an Zuwanderern viele Unterkünfte geschlossen wurden. Konnte man es nicht vorausahnen, dass die Zahlen wieder steigen werden?
Axel Matuchniak: Nein definitiv nicht, man hätte es nicht kommen sehen können. Man muss dazu sagen,  am Anfang hätten wir noch einen leichten Anstieg an Obdachlosen durchaus verkraften können. Da hatten wir noch Luft nach oben. Dann aber kam der Zustrom von Zuwanderern und unter diesen Voraussetzungen kamen wir nicht weiter.
E.: Wie sieht so eine Unterkunft aus?
Axel Matuchniak: Es gibt seit 2007 keine getrennten Wohnunterkünfte mehr. In einer Unterkunft wohnen also  wohnungslose Menschen und Zuwanderer zusammen. Es gibt Container und Sammelunterkünfte. Beide Unterkünfte sind mit Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsbad ausgestattet. Die Zimmer dort sind nicht verschließbar. Dann gibt es noch kleine, abschließbare Wohnungen.
E.: Wurde früher auf die Verteilung der Nationalitäten in den Unterkünften geachtet?
Axel Matuchniak: Leider nicht. Die Zuwandere kamen dorthin, wo gerade Platz war. Und da es sowieso eine vorrübergehende Unterkunft sein sollte, stand es auch nicht im Vordergrund.
E.: Finden Sie, dass die Integration eher gefördert wird, wenn die Wohnunterkünfte in Gegenden wie z.B. Blankenese gebaut werden?
Axel Matuchniak: Man kann das natürlich nicht pauschal beantworten. Es gibt immer wieder Menschen die sich massiv gegen solche Einrichtungen wenden. Solche Wohnunterkünfte werden als ein Fremdkörper angesehen. Es gibt aber natürlich auch Menschen die sich dort ehrenamtlich engagieren und für die Integration sind. Es gibt also zwei Seiten: Integrationswille, aber auch die Abgrenzung. Unsere Problematik ist die, dass wir seit fast einem Jahr um Wohnunterkünfte kämpfen. Und zwar geht es darum, dass wir jetzt diesen Anstieg an Zuwanderern haben und wir unbedingt die Unterkunftsplätze brauchen. Es sagt leider keiner „ Hier“, das heißt, man muss um jeden Platz, den man zusätzlich erwirtschaften will kämpfen. Es ist dann auch egal, um welche Gegend es sich handelt.
E.: Und das Wichtigste zum Schluss. Wie  kann eine Wohnunterkunft die Integration der Zuwanderer beeinflussen?
Axel Matuchniak: Es wäre wünschenswert, kleine Einrichtungen zu haben, die in Hamburg gerecht verteilt sind. Eine gesunde Mischung von verschiedenen Nationalitäten in den Wohnheimen herzustellen, wäre meiner Meinung nach auch sehr wichtig. Es wird sehr schwierig, wenn wir darauf angewiesen sind, in Gewerbegebieten die Unterkünfte anbieten zu müssen, die fernab vom Schuss sind und keine Anbindungen zu den Stadtteilen haben. Ob so eine Kommunikation stattfindet, bezweifle ich sehr. Aus meiner Sicht wäre das die Faustformel für eine erfolgreiche Integration.

Interview mit Axel Matuchniak am 06.12.2011
Quellen: Regierungsprogramm 2004 – 2008: „Hamburg im Aufwind - die Zukunft der Wachsenden Stadt gestalten“. URL: http://www.wachsender-widerstand.de/regierungsprogramm-2004-2008.pdf, geöffnet am 14.12.2011
 Interview mit Axel Matuchniak am  06.12.2011
 

Wohnunterkünfte in Hamburg | Integration oder Segregation?

Informationen zum Beitrag

Titel
Wohnunterkünfte in Hamburg | Integration oder Segregation?
Autor
Evgenia Polivtseva
Schule
Staatliche Schule Gesundheitspflege W1, Hamburg
Klasse
FOS 11-1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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