Kampf um die Anerkennung!

Kampf um die Anerkennung!

Irak 1995: Zahra Ismail ist gerade vier Jahre alt. Zusammen mit ihrer Familie flieht sie, nach den vielen Bombenanschlägen aus dem Irak, in die Türkei von dort aus weiter nach Deutschland.

Hamburg2011: Meine Mitschülerin Zahra Ismail, heute 20 Jahre alt, sitzt vor mir in der Fachoberschulklasse der Staatlichen Schule Gesundheitspflege in Hamburg. Rahmen des Unterrichtsprojekts „Migration“ möchte Zahra mir von ihren Erfahrungen erzählen.

Frage: Wie fühlst du dich als Deutsch/Irakerin in Deutschland so wie in Irak?

Zahra: In Deutschland fühle ich mich zum größten Teil akzeptiert, aber es kommt auch darauf an, wo man wohnt. Wohnt man zum Beispiel in Hamburg - Mümmelmannsberg oder   - Steilshoop, stecken viele deutsche Einwohner alle Migranten in eine Schublade, weil sich viele dort nicht integrieren und auch zu Gewalt neigen.

Für einen Moment hat Zahra einen nachdenklichen Blick, dann fährt sie fort: Im Irak hingegen fühle ich mich sehr wohl, trotz der ersten Einschätzung meiner Familie. Sie dachten am Anfang als wir wieder im Irak waren, wäre eingebildet, ich wäre eingebildet und hielte mich für was Besseres, nur weil ich aus Europa komme. Es ist so: Man wird dort nicht ausgegrenzt, aber die Menschen sagen, dass man sofort erkenne, wenn man nicht von dort komme. Wegen des Kleidungstils, der Redensart und des Verhaltens.

Frage: Findest du, dass sich hier in Deutschland Deutsche und Immigranten voneinander abkapseln?

Zahra guckt mich an und antwortet mit fester Stimme: Ich finde schon, denn sie versuchen nicht sich gegenseitig zu verstehen. Und wenn dann doch jemand was von dem anderen wissen will, kommen Kommentare wie:“ Ich könnte das gar nicht!“ oder „Die Fastenzeit würde ich nicht aus halten!“.  Sie müssen das doch auch nicht es würde reichen es zu verstehen und zu akzeptieren. Ich finde sowieso, an erster Stelle sollte stehen wie der Mensch ist und nicht, was er ist.

Frage: Bist du denn Meinung, dass du deine Religion hier in Ruhe ausleben kannst?

Zahra: Ich finde schon, dass ich meine Religion in Deutschland in Ruhe ausleben kann aber ich würde hier kein Kopftuch tragen, da man mit Kopftuch auffällt, und man möchte nicht auffallen. Dazu gehört nämlich eine große Portion Mut. Ich finde, dass es schwierig ist, mit Kopftuch einen Job oder eine Ausbildungsstelle zu finden.
 
 
*Optionszwang
Die CDU/ Regierung hatte das Gesetz eingeführt, dass sich Immigranten bis zum 23. Lebensjahr für eine von beiden Staatsbürgerschaften entscheiden müssen.
Frage: Die CDU- /- CSU Regierung meinte früher, dass die deutsche Bevölkerung nicht reif für eine Veränderung wie den Doppelpass wäre. Meinst du Deutschland wäre jetzt bereit für so eine Veränderung?

Zahra: Ich glaube nicht, dass die Deutschen dazu schon bereit sind. Ich glaube sogar, sie würden sagen, dass sich die Immigranten entscheiden sollen ob sie in Deutschland bleiben oder in ihre Heimat zurück  wollen.

Frage: Wie findest du es, dass du dich bis zu deinem 23 Lebensjahre entscheiden musst, ob du die Deutsche oder Irakische Staats Angehörigkeit annimmst?

Zahra: Ich finde es schwierig, mich zum Beispiel für die deutsche Staatsangehörigkeit zu entscheiden, da Irak ein Teil Heimat für mich ist, andererseits könnte ich mir auch nicht vorstellen wieder in Irak zu leben wegen der Ungereimtheiten in der Politik dort.

Frage: Hätten deine Eltern etwas dagegen, wenn du die Deutsche Staatsangehörigkeit annehmen würdest?

Zahra: Sie hätten nichts dagegen, weil sie wüssten dass ich im Irak nicht leben könnte.

Frage: Die ehemalige SPD – Justizministerin Brigitte Zypries forderte für junge Einwanderer in Deutschland die Wahlfreiheit zwischen der Doppelpass- Staatsangehörigkeit oder der Einzel- Staatsangehörigkeit, weil sie hier leben aber auch ihre Wurzeln in ihrem Geburtsort haben. Was sagst du zu dieser Meinung?

Zahra: Ich bin ebenfalls der Meinung, dass man eine freie Wahl  haben sollte, da man seine Wurzeln in der Heimat hat. Man spricht ja auch die Muttersprache zu Hause, so hätte man mit dem Doppelpass etwas, was einen mit der Heimat verbindet.

Frage: Wie fändest du es zwei Pässe zu haben?

Zahra: Ich würde es toll finden, dann könnte ich in meine Heimat ohne Probleme vereisen und trotzdem hier bleiben.

Frage: Wie du weißt, war der türkische Ministerpräsident Erdogan hier in Deutschland. Dabei vertrat er die Ansicht, die Migranten sollten sich hier integrieren, aber dabei ihre Identität nicht aufgeben. Wie ist deine Meinung dazu?

Zahra: Sie blickt überlegend aus dem Fenster und antwortet dann: Also ich finde nicht das man seine Identität aufgeben muss um sich hier zu integrieren. Es kommt aber auch darauf an was man unter Integration versteht.
Frage: Was verstehest denn du unter Integration?

Zahra: Meiner Meinung nach gehört zur Integration sich anzupassen, Deutsch zu lernen und sich an die Gesetze zu halten. Aber das soll nicht heißen, sich von seiner Religion abzuwenden.
 
 
*Plastik Deutsche
Abfällige Bezeichnung für Immigranten, die die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen (den deutschen „Plastik“-Personalausweis), die von den meisten Menschen hier aber trotzdem nicht als Deutsche angesehen werden.
Frage: Wie fühlst du dich bei dem Begriff Plastik- Deutscher?

Zahra schaute zunächst irritiert, da sie diesen Begriff bisher noch nicht kannte, nach kurzer Begriffsklärung sagt sie dann: Das klingt für mich so, als ob wir Migranten unbedingt Deutsche werden wollen es aber nicht sein könnten. Es ist eine Ausgrenzung so, als ob es egal wäre, ob man den deutschen Pass hat. Man ist und bleibt ein Ausländer, und das nur wegen der Herkunft, nicht weil man etwas Falsches getan hat.


Frage: Wie lautet deiner Meinung nach die Devise für ein gutes Zusammenleben?

Zahra: Achte darau,f ob du dich mit deinem Gegenüber verstehst, und nicht auf die Herkunft, die Hautfarbe oder die Haarfarbe.
 
 
Das Interview führte Gülsüm Özer, Schülerin der Fachoberschulklasse 11/1 der Staatlichen Schule Gesundheitspflege Hamburg.

Quellen:
www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,642162,00.html
www.abendblatt.de/poltik/artikel1799284/erdogan-will-Doppepass-fuer-Tuerken-in-Deutschland erleichtern.html
www.arte.tv/de/3997458,CmC=3997942.html
Gespräch mit Frau Zahra Ismail am 22.11.11
 

Kampf um die Anerkennung!

Informationen zum Beitrag

Titel
Kampf um die Anerkennung!
Autor
Gülsüm Özer
Schule
Staatliche Schule Gesundheitspflege W1, Hamburg
Klasse
FOS 11-1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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