Der Traum von der Integration

Kommentar von Niklas Wick

Es sind diese Tage, an denen die Medien mit vermeintlich skandalösen oder wegweisenden Meldungen polarisieren. So passiert es, dass an einem Tag ein türkischer Ministerpräsident „Deutschkenntnisse“ als „Vergehen an der Menschlichkeit“ verschreit. Anderntags gelingt es erstmals einer türkischstämmigen Politikerin einen Stellvertreterposten auf Bundesebene in einem Parteivorstand zu ergattern. Ohne Frage gibt es Beides. Trotzdem wird der Begriff Migration meist in einer eher negativ besetzten Dimension wahrgenommen. So berichten beispielsweise private Fernsehanstalten bereitwillig über die Gewalttätigkeit von türkischstämmigen Jugendlichen, welche demnach auch in einer Parallelgesellschaft zu leben scheinen.

Migration stammt vom Lateinischen „migrare“ und bedeutet so viel wie „Aus-bzw. Einwanderung“. Nach Deutschland sind einer Statistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge aus dem Jahr 2010 zufolge unterm Strich „nur“ rund 3800 aus der Türkei migriert. Es ist insofern eine Schandtat gegenüber 174.000 Migranten anderer Herkunft, dass der Migrationshintergrund oftmals negativ mit einem muslimisch-türkischen Hintergrund belegt wird. Experten sind sich freilich darüber einig, dass die Grundlage für eine erfolgreiche Integration die deutsche Sprache ist. Wie sonst sollte eine Kommunikation in der Gesellschaft und Teilhabe an der Gesellschaft funktionieren? Herr Erdogan, Sie diskreditieren somit Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund. Leider schüren Sie außerdem eine vollkommen unangebrachte Skepsis und letztlich fördern Sie das Bild einer deutsch-türkischen Problemjugend. Der kleine Achmed wird aufgrund seines Namens anders behandelt oder aber verwundert angesehen, wenn er mit geschliffenen Manieren und gutem Deutsch auftritt. Zudem sind gerade diese Achmeds diejenigen, welche dank ihres hohen Bildungsgrades sowie ihrer hervorragender Deutschkenntnisse ein gefragtes Gut auf dem türkischen Arbeitsmarkt sind. Die Säulen der Integration sind also Bildung, Sprachkenntnisse und ein gesunder „Wertemix“. Gemeint ist damit beispielsweise die deutsche Pünktlichkeit gepaart mit türkischer Kreativität. Es ist dabei nicht notwendig die eigenen Werte einer türkischen Kultur und Tradition zu leugnen, vielmehr ist eine Vereinbarung mit den deutschen Grundwerten gefordert.

Wir müssen uns auch im Interesse eines vereinten Europas von der Wahrnehmung einzelner Gruppierungen lösen. Eine Teilhabe an der Gesellschaft funktioniert, wie es an vielen Orten – auch in Offenburg  - in Reinform zu sehen ist. Dutzende Pizza- und Döner-Restaurants sind ein Aushängeschild für Leistungsträger der deutschen Wirtschaft. Sie sind in der Regel engagiert, haben ihre Kinder auf einem Gymnasium untergebracht und werden damit voraussichtlich in der nächsten Generation einen weiteren Leistungsträger und erfolgreich integrierten Bürger in das Arbeitsleben entlassen. Gute Beispiele für erfolgreiche Integration sind auch sogenannte „Jungendhearings“. Eine Stadt veranstaltet dieses einmal jährlich für interessierte Jugendliche. Hier bilden sich auf ein Jahr ausgelegte Projekte, an denen sich in der Regel auch ein Großteil mit Migrationshintergrund beteiligt. Im Anschluss an die Projektfindung müssen diese Vorschläge dem Gemeinderat vorgestellt werden. Jugendliche können sich aus dieser Veranstaltung heraus formieren und sind nicht an bereits bestehende Vereinsstrukturen gebunden, was die Pluralität und Diversität erheblich erhöht. Integration ist also vor allem auch eine Identifizierung mit einer Gesellschaft, einem Umfeld und einer Stadt.

Nur bei den Bildungsverlierern ist der Migrationshintergrund zwar nicht der entscheidende Faktor, dennoch sind häufig Migrantenkinder betroffen, weil ihnen der Zugang zur Bildung erschwert ist. Gleichwohl problematisieren privatrechtliche Fernsehanstalten im Vormittagsprogramm ein deutsches Leben, das ebenfalls von Problemen der selben Art durchzogen ist. Die Deutschkenntnisse lassen in diesem Format übrigens ebenso stark zu wünschen übrig. Außerdem spielen Prinzipien und Werte nur eine zweitrangige Rolle. Gemein ist diesen Jugendlichen, dass sie sich nicht ausreichend an die Gesellschaft und nicht zuletzt an den Arbeitsmarkt angeschlossen fühlen. Merkmal der Bildungsverlierer ist offensichtlich einerseits die Ausgrenzung im Allgemeinen und die fehlende Bildung im Besonderen. Bedauerlich ist, dass wertvolles Potential verloren geht, welches wir als Fachkräfte in der deutschen Wirtschaft nur zu gut gebrauchen könnten. Nicht zuletzt ist in jedem Parteiprogramm großer deutscher Parteien die Bildung von herausragender Bedeutung.

Der Traum von der Integration könnte also längst Wirklichkeit geworden sein, würden wir es als normal betrachten, dass verschiedene Kulturen gemeinsam in einem vereinten Europa leben. Der Schlüssel zur Integration ist die Bildung der Kinder und Jugendlichen
 
 

Der Traum von der Integration

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Traum von der Integration
Autor
Niklas Wick
Schule
Anne-Frank-Gymnasium , Rheinau
Klasse
J2 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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