Ein Wink mit der Karotte

Der Anstieg des Anteils von Bio- und Fair-Trade-Produkten zeigt, dass eine steigende Zahl von Verbrauchern den Konsum ökologisch, nachhaltig und gerecht gestalten möchte. Aber die einzige Chance, Einfluss auf die Unternehmenspolitik von Einzelhandelsketten zu nehmen, lag bisher im Boykott. Seit einiger Zeit ist jedoch in Deutschland eine neue Form des Protests zu beobachten: der sogenannte Carrotmob. Dieser Ansatz hat laut Leon Ginzel, einem der Berliner Organisatoren, seinen Vorteil darin, dass „anders als bei einem Boykott sowohl Verkäufer als auch Verbraucher davon profitieren“.

Carrotmob ist eine Spielart der Flashmob-Aktionen, die sich auch in Deutschland immer größerer Beliebtheit erfreuen. Ein typischer Flashmob läuft so ab: Eine Gruppe aus allen Altersklassen verabredet sich im Web 2.0 zu einem für Außenstehende scheinbar zufälligen Treffen an einem öffentlichen Ort, um dort durch eine bizarre Aktion auf einen Missstand oder ein Anliegen aufmerksam zu machen. Beim Carrotmob ist das Ziel, einen ökologisch wirtschaftenden Einkaufsladen bekannter zu machen. Zudem sollen dem Besitzer Investitionen in die Nachhaltigkeit ermöglicht werden.

Die Teilnehmer des Carrotmobs treffen sich hierfür in großer Zahl zu einer bestimmten Uhrzeit in diesem Laden, nachdem sie sich vorher über Internet, Handy oder die öffentlichen Medien verabredet haben, um einzukaufen und so dem Besitzer eine Umsatzsteigerung zu bescheren. Dieser hat vorher zugesagt, einen Teil der Einnahmen „grün“ zu investieren. Es werden von den Konsumenten nicht etwa jene Unternehmen bestraft, die sich schlecht verhalten, sondern solche belohnt, die Gutes tun. Der Begriff „Carrotmob“ kommt von dem Sprichwort „carrot and stick“, welches besagt, dass man einen Esel auf zwei Arten bewegen kann, nämlich entweder mit einer Karotte oder mit dem Stock. Carrotmobaktionen ist zugleich eine große mediale Aufmerksamkeit gewiss. Das Wort „mob“ steht für eine spontane Ansammlung von Menschen. Die Idee kommt aus San Francisco. Dort fand im März 2008 der erste Carrotmob statt.

Nach diesem Schema lief auch am 13. Juni 2009 in Kreuzberg der erste Berliner Carrotmob mit mehr als 400 Teilnehmern ab. Der Spätkauf Multikulti wurde ausgewählt, weil die Besitzer bereit waren, mehr in energiesparende Maßnahmen zu investieren als andere von den Organisatoren angesprochene Läden – 35 Prozent des Tagesumsatzes. Innerhalb von drei Stunden machte das Unternehmen 2000 Euro Umsatz – das Dreifache der üblichen Tageseinnahmen. Davon wurden 700 Euro aufgewendet, um Energiesparlampen, eine Zeitschaltuhr und Wärmedämmungen zu installieren. Außerdem wurde ein Fünfjahresvertrag mit einem Ökostromanbieter abgeschlossen. Dies hatte sowohl ökonomische Vorteile für den Spätkauf-Betreiber als auch ökologische Vorteile für die Allgemeinheit. Durch den Austausch der Beleuchtung werden 260 Kilogramm Kohlendioxid im Jahr gespart, durch die Wärmeschutzfolien 130 Kilogramm. Der Ökostrom spart jährlich mehr als 10 Tonnen ein.

Am 13. Februar 2010 fand ein weiterer Carrotmob statt. Diesmal in einem Blumenladen im Stadtteil Prenzlauer Berg, der fair gehandelte Blumen verkauft. Dieser wurde von der BUND-Jugend Berlin organisiert. Der Blumenladen Floristik Männertreu machte an diesem Tag 800 Euro mehr Umsatz als an einem normalen Geschäftstag. Die Besitzerin Monika Kather wendete 56 Prozent des an diesem Tag erzielten Umsatzes auf, um einen umweltfreundlicheren Kühlschrank, energieeffizientere Beleuchtungskörper und einen Ökostromtarif anzuschaffen. Kather zeigt sich vom Konzept des Carrotmobs überzeugt: „Ich fand es interessant, wie viele Leute über das Internet dazu mobilisiert werden konnten und wie gesittet die ganze Aktion ablief. Außerdem ist die Nachfrage nach fair gehandelten Blumen, eine relativ unbekannte Marktnische, bei mir seither auch leicht gestiegen.“

Solche Carrotmobs finden unterdessen in allen größeren Städten Deutschlands statt. Allerdings wollen die Organisatoren Carrotmobs nicht als reines Großstadtphänomen verstanden wissen, da es auch in ländlichen Gegenden vorkommen kann. In Frankfurt wurde bei einem ähnlichen Carrotmob der bis dato deutschlandweit größte Prozentsatz von 75 Prozent der Tageseinnahmen, in diesem Fall 3729,75 Euro, für umweltfreundliche Maßnahmen investiert. Laut Carrotmobteam-Berlin werden die Carrotmobs in den jeweiligen Städten lokal organisiert. Die verschiedenen Carrotmobteams helfen sich gegenseitig mit Tipps aus erster Hand und mit erklärenden Videos.

Carrotmobs sind Aktionen zum beiderseitigen Nutzen. Die Verbraucher werden auf nachhaltig wirtschaftende Läden aufmerksam gemacht und bekommen so die Chance, diese zu unterstützen. Damit geht für sie aber auch gleichzeitig eine gewisse Verantwortung einher, durch bewussten Konsum ihren Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel zu leisten. Teilnehmende Unternehmen können langfristig die Kosten für Energie und Heizung senken und profitieren von der öffentlichkeitswirksamen Werbung.

Als am 5. Juni der erste Freiburger Carrotmob stattfand, war dies der erste Mob, bei dem gleich drei Cafés 100 Prozent des erzielten Umsatzes für die Umwelt versprachen. Dies stellte Sebastian Backhaus, einer der Hauptorganisatoren, vor eine schwierige Entscheidung: „Wir haben dann online auf unserer Website abstimmen lassen, welcher Laden ausgewählt wird.“ Am 5. Juni kamen dann laut freiburg.carrotmob.org rund 300 Mobber zusammen, um der mm!leckerbar einen Tagesumsatz von 1600 Euro zu bescheren. Dieser Carrotmob wurde von einem Energieberater der Co2online GmbH unterstützt. Wie Sophie Fabricius von Co2online mitteilt, vermittelt das vom Umweltministerium geförderte Unternehmen Energieberater an die Carrotmobs. „Wir wurden vom ersten Berliner Carrotmobteam nach Unterstützung gefragt, und da wir Kampagnen und Projekte für den Klimaschutz unterstützen, halfen wir auch gerne bei Carrotmobs weiter.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Wink mit der Karotte
Autor
Simon Kunkel, Friedrich-König-Gymnasium, Würzburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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