Von einem, der anderen Steine in den Weg legt

Seit mehr als zwanzig Jahren regt der Kölner Gunter Demnig die Bewohner vieler europäischer Städte dazu an, derer zu gedenken, die während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Dies erreicht er mit Steinen, die in das Pflaster der Gehwege eingelassen werden. Im Jahr 1996 verlegte er fünfzig Stolpersteine im Berliner Stadtteil Kreuzberg, damals noch illegal. Seit dem Jahr 2000 kann er sein Projekt mit Genehmigung durchführen. Inzwischen ist es zu seinem Lebenswerk geworden. Die Stolpersteine sind nun so erwünscht, dass Demnig bis Mitte 2013 vollständig ausgebucht ist. Das alles kann er nicht alleine organisieren und durchführen. Deshalb stehen ihm neben einer Studentin und einer Dolmetscherin zwei freie Künstler zur Seite.

Alle Steine werden von Hand hergestellt. Inzwischen findet man rund 38000 Stolpersteine in zwölf Ländern Europas: in fast 820 deutschen und rund 200 ausländischen Städten. An einem Tag kann Demnig zwischen einem und 160 Steinen verlegen. Es kommt darauf an, mit welchem Belag der Gehweg versehen wurde und ob Strom organisiert werden muss, um mit einem Bohrhammer die Oberfläche aufzubrechen. Ein Stein kostet im Durchschnitt 120 Euro. Allein für die Herstellung werden 50Euro benötigt, im restlichen Betrag sind Verwaltungs- und Fahrtkosten enthalten. Demnig kann inzwischen von der Verlegung der Steine leben. Die Kosten werden oft von Privatpersonen oder einer Spendergemeinschaft beglichen. Nicht selten wird das Projekt auch durch die Kommune, in der die Steine verlegt werden, finanziert. Wenn Angehörige zu der Verlegung der Steine eingeladen werden, wird deren Anreise häufig durch die Kommune ermöglicht.

An jeden Stein wird eine 10 mal 10 Zentimeter große Messingplatte geheftet, auf der der Name der Person steht, für die der Stein hergestellt wurde. Außerdem befinden sich dort das Geburts- und das Sterbedatum und Informationen darüber, was mit der Person geschah. Das Projekt ist nach Angaben von Demnig konkurrenzlos. „Ich habe es schützen lassen.“ Er glaubt nicht, dass jemand wagen würde, es nachzuahmen. „Es ist schon sehr weit und stark entwickelt.“ Manchmal werden die Stolpersteine auch gestohlen oder mutwillig zerstört. „Anzeige erstatte ich in diesen Fällen nicht, denn der Staatsschutz ermittelt sofort“, sagt Demnig.

Das Projekt erregt auch über Europa hinaus Aufmerksamkeit. Vertreter von Yad Vashem finden es nach Angaben von Demnig wundervoll. Yad Vashem ist die weltweit bedeutendste Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert; sie befindet sich in Jerusalem. Doch nicht alle schätzen die Stolpersteine. Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hat es als unerträglich bezeichnet, dass die Namen der ermordeten Juden mit „Füßen getreten werden“.

Informationen zum Beitrag

Titel
Von einem, der anderen Steine in den Weg legt
Autor
Martin Okoniewski
Schule
Friedrich-Engels-Gymnasium , Senftenberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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