Der Übergang ist das Ziel

Fast jeder ist im Zug schon einmal durch einen Faltenbalg von einem Waggon in den anderen gelaufen. Man findet sie auch in Ziehharmonikabussen. Und durch ein Faltenvordach gelangen Passagiere direkt vom Flugsteig ins Flugzeug. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Übergänge von der Hübner GmbH aus Kassel gefertigt worden sind, ist hoch. Das 1946 gegründete Familienunternehmen, das mit der Reparatur von Gummistiefeln begann, ist globaler Marktführer im Bereich der Übergangssysteme in Bussen und Bahnen. Sein Anteil auf dem Weltmarkt beträgt nach Angaben von Reinhard Hübner, dem geschäftsführenden Gesellschafter, 70 Prozent. In Kassel und in ausländischen Tochtergesellschaften rund um den Globus arbeiten rund 1700 Mitarbeiter, etwa 900 in Deutschland.

1989 bekam Hübner den ersten großen Auftrag von der Deutschen Bahn: Man baute die Highspeed-Übergänge für den ICE. Und auch jetzt produziert Hübner die Übergänge für dreihundert ICx, die nächste Generation der Hochgeschwindigkeitszüge. Dabei kommt das Fairing-System zum Einsatz, ein außenbündiger Abschluss des Faltenbalgs, der rund 10 Prozent Energie spart.

Der Faltenbalg ist ein unscheinbares Produkt, doch er hat es in sich. Er muss schwer entflammbar sein, darf nicht quietschen, muss Druck ausgleichen und starken Belastungen trotzen. Neben Faltenbälgen stellt das Unternehmen andere Produkte aus Kunststoffen und Gummi her, zum Beispiel Prallelemente für Straßenbahnen, Polsterteile für den Operationssaal und Gehäuse für Autoschlüssel. Die Preisspanne der Produkte reicht von einigen Cent bis zu 50000 Euro für einen besonderen Übergang.

Den größten Anteil des Umsatzes erwirtschaftet Hübner mit Faltenbälgen für Busse und Bahnen. In Europa steigt der Umsatz kaum noch, anders als in Asien, vor allem in China. Vor drei Jahren verzeichnete Hübner einen Umsatz von gut 230 Millionen Euro, 2012 waren es nach eigenen Angaben rund 300 Millionen Euro. Seit Hübner 1985 die Geschäfte nach dem Tod seines Vaters übernommen hatte, hat sich der Umsatz mehr als verzehnfacht. „Die erste Million ist am schwersten zu verdienen“, sagt er.

Hübner weiß, dass der Erfolg seines Unternehmens von qualifizierten Mitarbeitern abhängt. Er präsentiert sich deshalb als guter Arbeitgeber. So ist das Essen in der Kantine kostenlos. Und wer 25 Jahre im Betrieb ist, darf alle fünf Jahre zwanzig Personen auf Firmenkosten zu einer Feier einladen. Ebenfalls alle fünf Jahre richtet Hübner eine Jubiläumsfeier in Kassel aus, die einem Stadtfest gleicht. Dafür gebe er gerne einen sechsstelligen Betrag aus.

Wegen hoher Löhne in Deutschland setzt Hübner auf Aktivitäten im Ausland. In den Ballungsgebieten in China und Indien wird sich der öffentliche Nahverkehr stark entwickeln, ist man überzeugt. Allerdings würden in Indien große Nahverkehrsprojekte durch die fehlende Entschlossenheit der Regierung gehemmt. Auch in den Vereinigten Staaten gestalten sich die Geschäfte schwierig. Man hofft, dass Präsident Barack Obama seine Nahverkehrspläne bald verwirklicht.

Hübner versucht die Produktpalette ständig auszuweiten. Dabei hat man die Erfahrung gemacht, dass von 1500 Ideen ungefähr drei ein Produkt werden und davon nur 5 Prozent wirklich erfolgreich. Man setzt zum Beispiel auf die Gesundheits- und Fitnessbranche, etwa auf Boxausrüstungen. Auch werden Teile für einen Bestellautomaten von McDonald’s hergestellt. Zu den Kunden gehören außerdem Bombardier, Siemens, Skoda und Alstom. Auch kuriose Aufträge gab es schon wie den Faltenbalg-Übergang für Hochhäuser in Mekka, der in 100 Metern Höhe angebracht wurde, um die Bewegung der Gebäude auszugleichen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Übergang ist das Ziel
Autor
Dominik Heckmann
Schule
Geschwister-Scholl-Gymnasium , Stuttgart
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Juli 2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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