Kinder hängen in den Seilen

In der Herstellung von Seilklettergerüsten stehen deutsche Hersteller an der Weltspitze

Als Kind geliebt, doch nie gewusst, woher es kommt: das Klettergerüst. Die Berliner Seilfabrik GmbH & Co. KG hat in den siebziger Jahren angefangen, Klettergerüste für Spielplätze herzustellen. Damals hatte ein Architekt Ideen für Klettergerüste, kannte sich aber nicht mit Seilen aus. Also wandte er sich an die Seilfabrik, die in Berlin-Reinickendorf ihren Sitz hat. Heute produzieren und verkaufen 50 Mitarbeiter, davon drei in den Vereinigten Staaten, Klettergerüste in verschiedenen Formen und Farben in die ganze Welt. Dabei arbeitet das Unternehmen an ungefähr 120 Aufträgen gleichzeitig und verkauft im Jahr 2000 bis 3000 Produkte. Jährlich werden rund 500000 Meter Seil und 300 Tonnen Stahl verbaut. Gegründet wurde die Berliner Seilfabrik 1865 und stellte damals zum Beispiel Stahlseile für Aufzüge her.

Heute fertigt das Unternehmen nur noch Spielplatzgeräte. Nach eigenen Angaben ist man Weltmarktführer für Klettergerüste aus Seilnetzen. Zurzeit sei die Produktgruppe Cosmo mit ihren Weltraumformen besonders erfolgreich. Große Hoffnungen setzt man nun auf die aus Spielhäusern bestehende neue Produktserie Greenville. Sie ist aus Bambus, was im Trend liegt. „Uns ist es wichtig, dass die Spielgeräte von den Kindern entdeckt werden. Es gibt keine Anleitung“, sagt David Köhler, der das Unternehmen gemeinsam mit seinem Vater führt.

Bis zu dreißig Jahre können die Gerüste halten. „In Berlin stehen Klettergerüste, die Mitte der siebziger Jahre gebaut wurden und noch immer sicher bespielt werden“, sagt Köhler. Allerdings wird empfohlen, die Gerüste jedes halbe Jahr zu warten. Die Preisspanne reicht von einem kleinen Drehkarussell, das 3000 Euro kostet, bis hin zu einer großen Kletteranlage für 150000 Euro.

Die Seilfabrik teilt sich den internationalen Markt nur mit einer Handvoll anderer Hersteller. Zwei haben ihren Sitz ebenfalls in Berlin: die SMB Seilspielgeräte GmbH und die Corocord Raumnetz GmbH. „Wir schätzen unseren Marktanteil auf 25 bis 30 Prozent“, sagt Köhler. Jedes Jahr bringe man eine neue Produktgruppe auf den Markt. „So sichern wir uns gegenüber Nachahmern ab.“

„Wir schätzen unseren Marktanteil für Seilspielgeräte auf 25 Prozent in Deutschland und auf 10 Prozent weltweit“, sagt Torsten Frank von Corocord. Das Unternehmen legt ebenfalls viel Wert auf den Export, er macht 75 Prozent des Umsatzes aus. Das von dem Architekten Conrad Roland in den siebziger Jahren gegründete Unternehmen arbeitet mit vielen Architekten zusammen. Der Umsatz ist über die Jahre stetig gestiegen und betrug 2012 12 Millionen Euro.

Auch die Berliner Seilfabrik erzielt 80Prozent des Umsatzes im Ausland. Vor dreißig Jahren wurde das erste Gerüst nach Frankreich verkauft. Nun gibt es fast überall auf der Welt Vertriebspartner, vor allem in Australien, Chile, Neuseeland und den Vereinigten Staaten, dem wichtigsten Auslandsmarkt. Der Verkauf in Nordamerika macht 35 bis 40 Prozent des Umsatzes aus. So findet man sowohl auf einem Hausdach in der Hafencity in Hamburg ein Gerüst der Seilfabrik als auch im New Yorker Stadtteil Manhattan. Der weiteste Lieferort ist bisher Hawaii gewesen.

Die Internationalisierung sei wichtig, sagt Köhler. Dadurch könnten Trends früh erkannt werden. „Außerdem puffert sie ab.“ So ist die Krise im Jahr 2008 zwar nicht spurlos an dem Unternehmen vorbeigegangen. Umsatzeinbrüche in Europa konnten aber dank der breiten internationalen Aufstellung mehr als ausgeglichen werden. Seit David Köhlers Vater das Unternehmen 1995 übernommen hat, hat sich der Umsatz mehr als verfünfzehnfacht. 2012 erwirtschaftete die Berliner Seilfabrik einen Umsatz im niedrigen zweistelligen Millionenbereich.

Städte und Gemeinden machen 95 Prozent der Kundschaft aus, sie kaufen die Produkte für Schulen, Kindergärten und Parks. Der Rest sind Privatleute, die oft, vor allem in Amerika, Klettergerüste kaufen, um diese zu stiften. Fritz-Ulrich Axt, ein Mitarbeiter des Gartenamtes der Stadt Monheim, der dort zuständig ist für die Gestaltung der Kinderspielplätze, ordert seit gut zwanzig Jahren regelmäßig Produkte der Seilfabrik. „Die Produktvielfalt ist groß. Es wird nie langweilig.“ Er schätzt, dass das Unternehmen bereit ist, bestehende Spielgeräte mit in seine Produkte einzubauen.

Weil Kommunen die größte Kundengruppe sind, ist man von deren Finanzlage abhängig. Doch auch hier bildet die Internationalisierung einen Puffer. Was man in dem Berliner Unternehmen außerdem im Blick behält, ist der demographische Wandel: der Rückgang der Zahl der Kinder.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kinder hängen in den Seilen
Autor
Dorothee Müller
Schule
Gymnasium Ohmoor , Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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