Wenn der Kunde flöten geht

Mollenhauer verkauft weniger Flöten für den Gabentisch als früher, aber der Umsatz ist gestiegen.

An Weihnachten werden wieder einige Blockflöten verschenkt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie von der Conrad Mollenhauer GmbH gefertigt worden sind, ist hoch. Mollenhauer ist nach eigenen Angaben der älteste Blockflötenhersteller in Deutschland. Außerdem befinde man sich stabil unter den drei größten deutschen Flötenherstellern, sagt Geschäftsführer Stefan Kömpel. Das Unternehmen aus Fulda stellt jedoch wesentlich weniger Flöten her als früher. So hat sich die produzierte Stückzahl seit 1999 fast halbiert – während der Umsatz nominal um knapp 40 Prozent gestiegen ist. Der Geschäftsführer erklärt: Früher seien Massen an Schul- und Kinderblockflöten für den weihnachtlichen Gabentisch gefertigt worden, heute stehe das hochwertige und teurere Instrument für den anspruchsvollen Musiker im Vordergrund.

Mollenhauer produziert rund 140 Flötenmodelle; sie kosten von 19 Euro für eine Blockflöte aus Kunststoff bis hin zu 3000 Euro für eine Großbassflöte. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 42000 Blockflöten hergestellt. Weil mehr fortgeschrittene Laien und Profis zu den Kunden zählten, seien die saisonalen Schwankungen nicht mehr so stark wie noch vor zehn bis zwanzig Jahren, erläutert Kömpel, der für die nächsten Jahre keine Verluste erwartet.

In der Nachkriegszeit profitierte das Unternehmen stark von der hohen Nachfrage nach Blockflöten für den Schulunterricht. „Aus dieser Zeit stammt auch der Mythos, dass die Blockflöte ein reines Anfängerinstrument ist“, erklärt Kömpel. Außerdem half der in den sechziger Jahren einsetzende Trend zur Musik der Renaissance und zur zeitgenössischen Musik. Ihre große Blütezeit erlebte die Blockflöte in der Zeit des Barock, als das Instrument hauptsächlich für Kirchenmusik und die Musik am Hofe verwandt wurde. In der Nähe von Ulm schien man sich sogar schon vor 35000 Jahren an Flötenklängen zu erfreuen, wie der Fund von Tübinger Archäologen aus dem Jahr 2008 zeigt: Sie fanden eine Flöte aus Elfenbein.

Große Hoffnungen setzt Mollenhauer nun in ein Instrument, das seit April auf dem Markt ist: die elektronische Blockflöte Elody im Airbrush-Design. Sie kann neben ihrem rein akustischen Klang auch an einen Verstärker angeschlossen werden und wird so gerne von Rockbands verwendet. Die Anschaffungskosten belaufen sich auf etwa 1950 Euro. „Die Verkaufszahlen liegen deutlich über unseren Erwartungen“, sagt Kömpel. Die elektronische Flöte besteht aus Vollholz und ist eckig.

Das Unternehmen exportiert die Flöten auch; der Ausfuhranteil liegt nach Angaben des Geschäftsführers zwar weit unter 50 Prozent, werde aber weiter ausgebaut. Die wichtigsten Exportländer sind Frankreich, die Niederlande und Österreich. „Aus Übersee sind vor allem die Vereinigten Staaten, Japan, Südkorea, Taiwan und Australien zu nennen“, sagt Kömpel. Der Jahresumsatz von rund 2,5 Millionen Euro im Jahr 2012 stammte zu 90 Prozent aus der Blockflötenherstellung. Der Rest wurde mit Seminaren, Workshops, der Zeitschrift „Windkanal“ und der Blockflötenklinik erwirtschaftet. Mollenhauer unterhält außerdem ein Flötenmuseum.

Der Name des Unternehmens geht auf den Drechsler- und Uhrmacherlehrling Johann Andreas Mollenhauer zurück, der 1815 im Alter von 16 Jahren von Fulda aus auf Wanderschaft ging und seine Erfahrungen in einem Wanderbuch notierte. Nach sieben Jahren und rund 4000 Kilometern kehrte er von Aufenthalten bei renommierten Instrumentenbauern zurück und baute eine eigene Existenz auf.

Heute wird in der Herstellung der Flöten alte mit neuer Technik kombiniert. Eine Blockflöte besteht oft aus Birnbaumholz, sie kann aber auch aus Ahorn-, Pflaumen- oder Olivenholz sein. Je nach Modell und Größe der Flöte werden zunächst Kanteln, rechteckige Holzklötze, bestellt, die einmal durchbohrt und grob abgeschliffen werden. Dann erfolgt die Versiegelung mit Paraffin, damit das Holz nicht unter der Atemfeuchte des Musikanten leidet und sich verzieht. Die Arbeit, die früher von Hand an der Drechselmaschine verrichtet wurde, übernimmt nun eine computergesteuerte Maschine, die die Rohlinge auf Hundertstelmillimeter genau in Form bringt. Anschließend wird geschliffen, gebeizt, geölt, lackiert und poliert.

Schließlich verleiht ein Mitarbeiter der Flöte ihre Stimme, indem er einen Block in das Kopfstück setzt. Durch einen kleinen Zwischenraum zwischen Block und Gehäuse, den Windkanal, strömt Luft, deren Schwingungen den Ton erzeugen. Die Schwierigkeit, die Flöte das Singen, die sogenannte Intonation, zu lehren, besteht darin, den Block exakt an die richtige Stelle zu setzen. Hierzu braucht der Flötenbauer nicht nur ein Stimmgerät, sondern auch viel Erfahrung, Gehör und Fingerspitzengefühl. An den Gesamtkosten machen die Materialkosten nur 20 Prozent aus, die restlichen 80 Prozent werden für die Löhne in Fertigung, Vertrieb und Verwaltung ausgegeben.

Sollte es Probleme mit einer Flöte geben, kann sie in der hauseigenen Blockflötenklinik behandelt werden. „Selbst bei guter Pflege zeigen die Blockflöten nach einigen Jahren Verschleißerscheinungen wie bröckelnde Korkverbindungen“, erklärt der freie Musiklehrer und Chorleiter Finn Schelling. Täglich verlassen bei Mollenhauer rund zwanzig Blockflöten das „Krankenzimmer“. Eine häufige Reparatur wie das Erneuern der Korkverbindung kostet etwa 10 Euro. Und so mancher Liebhaber investiert in die Reparatur der Stimme seiner Lieblingsblockflöte schon mal eine dreistellige Summe.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wenn der Kunde flöten geht
Autor
Verena Tobert
Schule
Winfriedschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2013
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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