Kloster kommt man mit dem Bier ins Reine

Badebier

Ein gutes Bier hat mehr Geschmacks komponenten, als eine Sinfonie Noten hat“, behauptet der Braumeister der Klosterbrauerei Neuzelle GmbH, Christian Pohl. Doch war dies der Regierung Brandenburgs lange Zeit ein Dorn im Auge. Nach Paragraph 9 des Vorläufigen Biergesetzes – bekannt als „Das Deutsche Reinheitsgebot“ – dürfen zur Bereitung von Bier nur Hopfen, Malz, Wasser und Hefe verwendet werden. Deshalb sah sich die Landesregierung gezwungen, der Klosterbrauerei Neuzelle 1993 den Titel Bier für ihr Schwarzbier, den „Schwarzen Abt“, zu entziehen, weil es wegen der Zugabe von Zucker gegen das Reinheitsgebot verstoße. Doch kann man einem Bier mit einer Tradition von mehr als 400 Jahren die Bezeichnung „Bier“ verweigern?

2005 wurde diese Frage geklärt, zugunsten der Klosterbrauerei. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschied, dass der Schwarze Abt weiterhin als Bier verkauft werden darf, weil der Paragraph9 Ausnahmen zulasse. So sei ein Bier, das durch den Zusatz von Invertzucker veredelt werde, ein „besonderes Bier“ und verstoße nicht gegen das Reinheitsgebot. Damit fand der Bierkrieg ein Ende. Wegen dieser Auseinandersetzung wurde der Schwarze Abt zum bekanntesten Bier der Brauerei – und es spiegelt die Strategie der Klosterbrauerei wider.

„Das Deutsche Reinheitsgebot ist weiterhin sehr wichtig für uns, aber der Kunde von heute bevorzugt ganz andere Biere. Knapp 95 Prozent wollen Biere, die über das Reinheitsgebot hinausgehen und noch mehr Geschmacksvielfalt bieten“, sagt Geschäftsführer Stefan Fritsche. Deshalb biete man rund vierzig Spezialitäten an, die über das Reinheitsgebot hinaus „veredelt“ wurden. Die Mischungen zeigen sich manchmal schon im Namen. Gebraut werden zum Beispiel Ginger Bier, Kartoffelbier und Kir La Rouge, ein mit Sekt veredeltes Kirschbier.

„Wir machen keine klassische Werbung“, berichtet Fritsche. Die Brauerei versucht auf anderen Wegen bekannt zu werden – zum Beispiel mit der Segnung des Schwarzen Abts durch den Papst. „Der Schwarze Abt hatte die ,Segnung‘ des obersten deutschen Richters, und da haben wir uns überlegt, den weltlichen Segen haben wir schon, jetzt bräuchten wir noch den geistlichen“, erzählt der Geschäftsführer. Deshalb machte sich ein Werkstudent mit zwei weiteren Mitarbeitern im Mai vergangenen Jahres auf den Weg nach Rom. Im Gepäck hatten sie einen Kasten Schwarzer Abt, um es von Papst Franziskus segnen zu lassen. Ihr Ziel erreichten sie während einer Audienz auf dem Petersplatz, bei der der Papst alle mitgebrachten Gegenstände segnete. Doch damit nicht genug. Damit nicht nur diese eine Flasche unter dem Segen des Papstes steht, wird sie nun in den alltäglichen Brauprozess des Schwarzen Abtes einbezogen: Bei jedem Brauvorgang wird sie in die Maische eingetaucht.

Die im Südosten Brandenburgs gelegene Brauerei verkauft ihre Produkte auf verschiedenen Wegen. Man nutzt nicht nur klassische Wege wie Getränkefachgroßhändler, Lebensmitteleinzelhandel und den Verkauf direkt vor Ort. Im Kloster habe man im vergangenen Jahr eine hohe fünfstellige Zahl an Kunden bedient, sagt Fritsche. Das Unternehmen verkauft sein Bier auch in Apotheken sowie Kur- und Wellnesseinrichtungen. Diese sind dann besonders an einem seit 1996 gebrauten Wellnessbier interessiert, dem „Original Neuzeller Badebier“. Es dient sowohl als Badezusatz zur äußeren als auch als Getränk zur inneren Anwendung. Das Badebier sei zu 100 Prozent ein Naturprodukt und enthalte weder Konservierungsstoffe noch chemische Zusätze. Ein Bier als Badezusatz? Dafür solle man warmes Wasser in die Wanne lassen und je nach Bedarf ein bis zwei Liter Bier hinzugeben. Fritsche beschreibt das Badeerlebnis als „prickelndes, wohliges und wärmendes Gefühl“.

Doch die Apotheken oder Kur- und Wellnesseinrichtungen sind wohl vor allem an der helfenden Wirkung des Badebieres interessiert. So soll die natürliche Kohlensäure die Hautdurchblutung unterstützen, die Bierhefe bei Akne helfen, und der Hopfen eine beruhigende Wirkung haben. Das hat seinen Preis: Im Onlineshop der Brauerei kann man sechs Flaschen Badebier für 11,90 Euro erwerben; ein Liter kostet also 3,97 Euro.

Immer wichtiger für die Brauerei mit ihren 42 Mitarbeitern wird der Export. Man verkauft nach Russland, China, Norwegen und in viele weitere Länder. „Das sind aber keine großen Mengen“, sagt Fritsche. Er kann sich an einige ungewöhnliche Aufträge erinnern. „Einmal durften wir per Eillieferung innerhalb einer Woche eine Palette Bier auf die Bahamas liefern.“

Mit einer Kapazität von etwa 40000 Hektolitern im Jahr ist die Klosterbrauerei ein kleiner Bierhersteller. Große Brauereien berichten über Produktionsmengen von rund 4 Millionen Hektolitern. Die Überlebensstrategie der Neuzeller lautet deshalb: „Das erfolgreiche Besetzen von Nischen.“ Die kleineren Brauereien müssten über Spezialitäten die Märkte bedienen, sagt Fritsche. Der Kunde sei bereit, dafür auch mal etwas mehr Geld auszugeben. So kosten sechs Flaschen des Neuzeller Pilsner im Onlineshop 11,90 Euro. Zum Vergleich: Ein Sixpack Pilsner eines großen Herstellers kostet rund 6 Euro, also die Hälfte. Der Geschäftsführer setzt außerdem darauf, dass „regionales Bier doch immer noch eine gewisse sympathische Note“ habe.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kloster kommt man mit dem Bier ins Reine
Autor
Johanna Hagenhoff
Schule
Mallinckrodt-Gymnasium , Dortmund
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2014
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance

  • 54359734

    Zahl ausländischer Wissenschaftler und Studierender gestiegen

    › Zum Artikel

  • 54360031

    Mütter kehren schneller in familienfreundliche Betriebe zurück

    › Zum Artikel

  • 54358221

    Neuseeländisches Unternehmen führt die Vier-Tage-Woche ein

    › Zum Artikel