Die Mitarbeiter sollen Blau machen

Die Mitarbeiter sollen Blau machen

In einer privaten Burg habe ich möglicherweise die teuerste Wand der Welt gestaltet", erzählt Daniel Jertz, Geschäftsführer der Jertz Wandmanufaktur aus Waldeck, nach eigenen Angaben Marktführer für besondere Wandgestaltungen in Europa. "Leuchtendes Ultramarinblau aus echtem Lapislazuli und vergoldete Ornamente verwandelten neun Quadratmeter Mauerwerk in eine extravagante Raumabtrennung." 90 000 Euro kostete die edle Gestaltung des historischen Gemäuers. Einige der Materialien, zum Beispiel das Ultramarinblau, seien von der Kremer Pigmente GmbH & Co. KG, die in Aichstetten im Allgäu ihren Sitz hat, hergestellt worden.

Kremer ist nach eigenen Angaben das einzige Unternehmen auf der Welt, das nach einer alten Rezeptur noch das Pigment Fra-Angelico-Blau nach einem wohlgehüteten Geheimnis aus echtem Lapislazuli herstellt. Ein Kilogramm dieses Pigmentes kostet rund 19 000 Euro. Die Farbpigmente von Kremer werden aber nicht nur in der Wohnungsgestaltung eingesetzt. "Unser Kundenstamm ist sehr heterogen: Handwerker, Künstler, Restauratoren, Papierrestauratoren, Hobbymaler und Geigenbauer", sagt die Assistentin der Geschäftsleitung, Judith Thelen. Zu den Kunden gehören die Maler Sigmar Polke, Imi Knoebel und Anselm Kiefer. Das Unternehmen hat 35 Angestellte. Der Jahresumsatz liegt im höheren einstelligen Millionenbereich.

Kremer hat sich auf die Herstellung historischer Farbpigmente spezialisiert. Zu deren Herstellung werden vor allem natürliche Rohstoffe wie Erden, Mineralien und Pflanzen verwendet. Teilweise werden die Zutaten nach aus dem Mittelalter stammenden Rezepten verarbeitet. "Die Rezepturen der vergangenen Malepochen wiederzubeschaffen, wieder zu entwickeln, war ein großer Aufwand. Aus diesem Grunde werden die Herstellungsrezepturen nicht veröffentlicht", sagt der Inhaber des Unternehmens, Georg Kremer. Diese Pigmente sind vor allem für Restauratoren wichtig, denn sie ermöglichen eine originalgetreue Wiederherstellung von Bildern, Skulpturen und Fresken.

Nach Angaben von Kremer werden die seltenen Pigmente wie Zinnoberrot, Smalte, Bleizinngelb, Veroneser Erde und Lapislazuli in die ganze Welt verschickt. Die teuersten Pigmente sind Purpur, Lapislazuli, Fra-Angelico-Blau und Zinnoberrot. So kostet Purpur echt, der rote Farbstoff der Purpurschnecke, fast 2500 Euro je Gramm. Für dieses eine Gramm werden rund 10 000 Purpurschnecken benötigt. Dagegen erscheint eine Tüte mit 100 Gramm getrockneter weiblicher Schildlaus in Silbergrau für rund 20 Euro günstig. Zum oberen Preissegment gehört auch Lapislazuli reinst mit 10 Gramm für etwa 200 Euro. Günstiger sind die Pigmente aus Erden, Umbren und Kreiden; so kostet ein Gramm Bayerische Grüne Erde 6 Cent. "Die höchsten Umsätze machen wir mit Ocker, Titanweiß, Eisenoxiden, Indigo, Champagner Kreide und einigem mehr."

"Wir verkaufen mindestens 2000 Kilogramm an jedem Werktag; die Menge der teuren Pigmente ist dabei natürlich sehr klein", berichtet Kremer. "Vom Lapislazuli verkaufen wir jedes Jahr mehr als 10 Kilogramm." Die Erfahrungen des Unternehmens seien auf der ganzen Welt gefragt. "Wir sind internationaler Marktführer für Pigmente im Bereich der Denkmalpflege und der anspruchsvollen Kunstmalerei. Aus diesem Grunde sind wir auch weltweit vertreten, mit eigenen Läden in München und New York", sagt Kremer. Außerdem gebe es Vertriebsstellen in ganz Europa, Japan, Russland und China.

"Einige Erden oder Mineralien wurden und werden von Herrn Kremer selbst auf Reisen in Steinbrüchen gesammelt", erzählt Thelen. Indigo und Schellack stammen aus Indien, Drachenblut aus Sumatra und dem Jemen und Propolis aus Uruguay. Manche Rohstoffe werden von Hand, andere maschinell gesammelt. "Selbst herstellen können wir die Pigmente nicht, vielmehr vermahlen, extrahieren oder brennen wir die Ausgangsmaterialien. Die Rohstoffe werden zum Teil mit Maschinen zerkleinert oder gekocht. Und danach per Hand vermahlen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Mitarbeiter sollen Blau machen
Autor
Veronika Erika Ayerle
Schule
Humboldt-Gymnasium , Ulm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2014, Nr. 205, S. 21
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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