Wenn die Sammler Anteil(e) nehmen

Wenn die Sammler Anteil(e) nehmen

Sie sind ein Spiegelbild der deutschen Wirtschaftsgeschichte“, aber „börsentechnisch gesehen, sind sie nichts anderes als Altpapier“. Beide Zitate beziehen sich auf historische Wertpapiere. Die erste Aussage stammt von Christian Stoess von der Münzhandlung Dr. Busso Peus Nachf. aus Frankfurt und die zweite von Michael Becker, Vorsitzender des Berufsverbandes des Deutschen Münzenfachhandels. Beide sind fasziniert von einer eher seltenen Leidenschaft, dem Sammeln historischer Wertpapiere. Oft dokumentieren historische Aktien, Anleihen oder Schuldverschreibungen die Schicksale glücklos gebliebener Unternehmen, andere erzählen große Erfolgsgeschichten. Ob alte Kaiserlich Chinesische Staatsanleihen, Bescheinigungen der Gesellschaft der Reit-Liebhaber in Moskau oder Aktien des Bürgerlichen Brauhauses Ingolstadt – historische Wertpapiere haben heute als Schmuck und vor allem als Kulturgut eine große Bedeutung. Doch nicht nur historische Wertpapiere werden in Deutschland gesammelt. „Der Markt mit Sammelwaren ist vielschichtig und ein Milliardenmarkt“, sagt Becker. Es gebe in Deutschland 2 bis 3 Millionen Sammler; nur 2000 bis 3000 sammelten historische Wertpapiere.

Die Zahl der Sammler auf diesem Gebiet steht in einem disproportionalen Verhältnis zur Zahl der käuflichen Objekte. Der Grund ist im Jahr 2003 zu finden. Nahezu überschwemmt wurde die kleine Sammlergruppe zu dieser Zeit von 28 Millionen Aktien und Anleihen, wie Stoess erzählt. Diese stammten aus dem ehemaligen Reichsbankschatz. 1942 hatte der Reichsminister für Finanzen, Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk, angeordnet, dass alle anfallenden Wertpapiere an die Reichsbank auszuliefern seien. Nach dem Zweiten Weltkrieg fielen die im Osten Berlins im Tieftresor der Reichsbank gelagerten Wertpapiere dann in sowjetische Hände. Erst nach der Wiedervereinigung standen sie wieder im Fokus des Interesses. Nach ihrer Archivierung entschied das Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen als Eigentümer, den Reichsbankschatz zu versteigern.

Maßgeblich daran beteiligt war  Stoess: „Ich habe alle fünf Auktionen geleitet.“ Die Prophila Handelsgesellschaft mbH habe damals die meisten Papiere ersteigert. Da sich 28 Millionen Wertpapiere nicht mit der kleinen Zahl von Sammlern vertrage, hätten sie gezielt auf Externe gesetzt. „Wir hofften, so eine breitere Kundenschicht erreichen zu können.“

„Man darf den Markt nicht durch Konfrontation mit einer extremen Menge überfordern“, sagt Oliver Kuhn, Geschäftsführer von Prophila. So erwarb das Unternehmen aus Gießen knapp 8 Millionen Wertpapiere – mehr als ein Viertel des Reichsbankschatzes – zu meistens nur 1,5 Cent je Anleihe. Man erwarb vor allem Anleihen, denn „motivisch sind die meisten Aktien sehr langweilig“. Sie hätten meistens nur einen verzierten Rahmen, während Anleihen oft auch figürlich geschmückt seien, sagt Kuhn.

„Das waren damals zwei Lastzüge voll“, erinnert er sich. Prophila habe nun, da es etwa 100000 Wertpapiere aus dem Reichsbankschatz im Jahr verkaufe, einen Vorrat für etwa 80 Jahre, erzählt er mit einem Schmunzeln. Bei einem Rundgang durch die Lagerräume mit den unzähligen Regalreihen sagt Kuhn immer wieder erstaunt: „Ich wusste gar nicht, dass wir so etwas haben.“ Der Durchschnittspreis der historischen Wertpapiere liege bei weniger als einem Euro.

Mit dem Verkauf dieser Wertpapiere, weiterer Sammelgegenstände und dem entsprechenden Zubehör erwirtschaftete Prophila einen Umsatz von 3 Millionen Euro im Jahr 2013. Der Anteil der historischen Wertpapiere betrug nur 2Prozent. Bei Sammelbedarf in Kaufhäusern habe Prophila einen Marktanteil von 70 Prozent und im Internethandel noch mehr, berichtet Kuhn. Damit sei man in diesem Bereich Marktführer. Dass Prophila vorrangig mit niedrigpreisiger Ware handelt, ist mit dem Ziel der Kundeneugewinnung zu erklären. „Wenn das so billig ist, interessiere ich mich dafür, obwohl ich mich dafür nicht interessiere“, glaubt Kuhn.

Die HWPH Historisches Wertpapierhaus AG aus Zorneding bei München setzt auf Auktionen. Der Umsatz bei solchen Versteigerungen schwanke stark, sagt Vorstand Matthias Schmitt. „Erhalten wir viele sehr seltene Stücke, wird der Umsatz sicher höher ausfallen.“ Ein solches seltenes Stück ist die Aktie der Vereinigten Dampfschifffahrtsgesellschaft für den Thuner- und Brienzersee über 500 Schweizer Franken. Diese wurde für stolze 12500 Euro versteigert. Im vergangenen Jahr habe HWPH etwa 650000 Euro umgesetzt, sagt Schmitt. Der Marktanteil in diesem Bereich betrug etwa 13 Prozent. Man hatte viele Wertpapiere aus Russland und China im Angebot. Einige waren recht gewinnbringend, zum Beispiel die Aktie der Versicherungsgesellschaft Rossija in St. Petersburg. Diese bekam für 4100 Euro einen Zuschlag.

Auch die Scripovest AG aus Rothenburg ob der Tauber versteigert historische Wertpapiere. „Ein Schwerpunkt liegt dabei im Handel mit höherpreisigeren Stücken“, sagt Vorstand Volker Malik. Der Jahresumsatz liege im Schnitt im hohen sechsstelligen Bereich. Damit gehöre man mit 25 bis 40 Prozent Marktanteil zu den größeren Einzelhändlern auf der Welt in diesem Bereich. Der Umsatz schwanke aber stark: Gebe ein Sammler das Sammeln von Brauereiwertpapieren auf, habe das keine negativen Auswirkungen auf den Markt, da diese Papiere oft nachgefragt werden. Anders sei dies bei weniger beliebten Papieren wie denen mit Eulensymbolen. Bei der Auflösung einer solchen Sammlung könnten Händler sie nur schwer weiterverkaufen.

Früher war Sammeln ein Hobby der Jugend, heute ist es eines der älteren Generation. Die meisten Sammler seien Männer, und diese sammelten „typische Männersachen“ von Bier- über Eisenbahn- bis hin zu Whiskeyaktien, berichtet Becker. Schmitt bezeichnet sich selbst als Sammler. „Für mich besteht die Faszination der historischen Wertpapiere darin, dass so ein kleines Stück Papier oft weltbewegende oder das Bild der Welt verändernde Projekte, Produkte, Bauten oder Ereignisse ermöglicht oder beschleunigt hat.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Wenn die Sammler Anteil(e) nehmen
Autor
Larissa Marie Schwarz
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2014, Nr. 217, S. 18
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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