Zweiräder haben ein nächtliches Stelldichein

Es gibt rund 71 Millionen Fahrräder in Deutschland“, sagt Stephanie Krone, Pressesprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Wer sein Rad regengeschützt, diebstahlsicher und stilvoll aufbewahren möchte, ist potentieller Kunde der Cervotec KG. Das Münsteraner Unternehmen stellt seit 2006 Fahrradgaragen her, vor allem für den privaten Gebrauch. „Wir bauen den Mercedes unter den Fahrradgaragen“, behauptet Jan Meerheim, Geschäftsführer von Cervotec. Man baue futuristische Konstruktionen aus Edelstahl und besonders widerstandsfähigem durchsichtigem Kunststoff. Im Luxussegment der teureren Fahrradgaragen habe sich Cervotec mit dieser Geschäftsidee in wenigen Jahren zum Marktführer in Deutschland entwickelt. Doch nicht jeder möchte sein Zweirad in einer durchsichtigen Garage Blicken aussetzen. Cervotec bietet seinen Kunden deshalb an, das Plastik in blickundurchlässigen Varianten zu wählen.

Die Luxus-Fahrradgaragen haben ihren Preis. Fast 2200 Euro kostet die günstigste Garage für zwei Fahrräder, gut 4200 Euro die teuerste für acht Räder. Diese Garagen dürften nicht mit einfachen Unterständen verwechselt werden, sagt Meerheim. Hauptunterschied sei die Diebstahlsicherheit. „Unterstände sind in der Regel günstiger, weil sie keinen Schließapparat haben“, erklärt er. Mit jährlich etwa 350 bis 400 verkauften Fahrradgaragen machte das Unternehmen nach Angaben von Meerheim 2013 einen Umsatz von rund 850000 Euro. „Wir haben mit ein bis zwei Garagen im Jahr angefangen“, erzählt der Unternehmer. Derzeit wachse das Unternehmen jedes Jahr um 20 bis 30 Prozent.

Die Idee sei aus dem Wunsch eines Nachbarn entstanden, der einen sicheren und stilvollen Unterstand für seine Fahrräder suchte. Der Geologe Helmar Meerheim und der Metallbauer Michael Ivo van Lessen nahmen sich der Sache an. Helmar Meerheim, Inhaber von Cervotec, erinnert sich: „Wir haben uns eingemietet in Metallwerkstätten – am Wochenende und nachts – und haben, wenn ein Auftrag da war, ihn direkt fertiggemacht.“ Damals hätten sie noch fast alles selbst gemacht. „Heute wird viel vorgefertigt angeliefert, so wie wir es brauchen, damals war das Knochenarbeit.“ Heute beschäftigt Cervotec acht Mitarbeiter plus Aushilfen.

Einen bedeutenden Teil der jährlich abgesetzten Fahrradgaragen verkauft Cervotec vor der Haustür. In der „Fahrradstadt“ Münster setzt das Unternehmen allein 100 der 350 bis 400 Fahrradgaragen, die es im Jahr herstellt, ab. Auch im Süden Deutschlands, zum Beispiel in München und Freiburg, verkauft Cervotec einen großen Teil der Garagen. 10 bis 15 Prozent werden nach Angaben von Meerheim in die Schweiz und andere süd- und westeuropäische Länder verkauft.

Es würden vor allem kleinere Fahrradgaragen verkauft. Laut Helmar Meerheim liegt das daran, dass vor allem Rentner und kinderlose Ehepaare ihre teuren Fahrräder schützen wollten. „Die Fahrradgarage hat unseren Alltag erleichtert“, berichtet Joachim Gerstner aus Mannheim. Die Räder müssten nun nicht mehr hintereinander in der engen Garage abgestellt werden, sondern fänden bequem Platz. „Sie ist zwar Luxus, dafür aber was Gescheites.“ Besonders ansprechend findet er das „Brotkastendesign“, das immer wieder die Aufmerksamkeit von Spaziergängern errege.

Das eigene Zweirad – ob Fahrrad, Pedelec oder Elektrorad – ist immer häufiger eine kleine Wertanlage. Viele Kunden sind deshalb bereit, auch einen hohen Betrag in eine diebstahlsichere Fahrradgarage zu investieren. Viel Platz braucht man für eine Fahrradgarage von Cervotec nicht unbedingt, denn sie ist in vielen Größen erhältlich. „Der Platz vor unserem Haus ist nicht größer als ein Handtuch“, erklärt Eler von Bockelmann aus München. „Wir konnten die Breite der Fahrradgarage an unsere Bedürfnisse anpassen. Das war eine Punktlandung: Zwei Zentimeter blieben noch bis zur Eingangstreppe.“ Günstig sei sie aber nicht.

Im Luxussegment hat Cervotec nach Schätzungen von Jan Meerheim einen Marktanteil von 60 Prozent. Nur wenige Unternehmen produzieren Luxus-Fahrradgaragen. Auffällig ist, dass sich einzelne Unternehmen auf verschiedene Ausgangsstoffe spezialisiert haben. Während Cervotec vorrangig mit Edelstahl und speziellem Kunststoff arbeitet, bietet das Unternehmen „die-zweiradgarage“ in Hamburg von Christian Köster Fahrradgaragen aus Holz an. Die E. Ziegler Metallbearbeitung AG in Leonberg hat sich hingegen auf die Produktion hochwertiger Fahrradboxen aus Aluminium spezialisiert. Aber auch andere Geschäftsideen wie die der Uwe Jaeckel GmbH können auf dem wachsenden Markt bestehen. Das Unternehmen aus Bielefeld bietet zum Beispiel Fahrradgaragen an, die an einen übergroßen amerikanischen Briefkasten erinnern.

Immer mehr Unternehmen verkaufen Fahrradgaragen. Dazu gehört auch die Tepro Garten GmbH aus Rödermark. Das Unternehmen stellt hauptsächlich Gartenutensilien wie Gewächshäuser her. Seit 2012 bietet es auch Fahrradgaragen an und hat nach eigenen Angaben in Deutschland einen Marktanteil von etwa 15 Prozent. Die Fahrradboxen von Tepro aus Metall oder Kunststoff sind auf Funktionalität und weniger auf Design ausgerichtet und kosten 450 bis 500 Euro. Nach Angaben von Annette Heinrichs, Produktmanagerin bei Tepro, verkaufte das Unternehmen 2013 rund 4000 Fahrradboxen. Sie hätten aber nur einen kleinen Anteil am Jahresumsatz des Unternehmens, der bei 30 Millionen Euro liegt.

Jan Meerheim von Cervotec ist zuversichtlich, dass diese Nischenbranche weiter wachsen wird. Seit 2007 ist die Zahl der Fahrräder nach Angaben von Krone vom ADFC von 68 Millionen auf 71 Millionen gestiegen. „Besonders in den Städten wird mehr Fahrrad gefahren“, sagt Krone. Dass sich Fahrradgaragen künftig größerer Beliebtheit erfreuen könnten, begründet Krone mit den Worten: „Das Fahrrad gewinnt im Alltagsverkehr an Bedeutung – und damit steigt der Bedarf an sicheren und wettergeschützten Abstellmöglichkeiten. Das gilt besonders auch für Pedelecs, die sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Sie sind schwerer als normale Fahrräder und können nicht ohne weiteres in den Keller getragen werden.“

Auch die Unternehmen blicken optimistisch in die Zukunft. Der Geschäftsführer von Tepro, Michael Schmidt, ist sich sicher, dass die Nachfrage weiter wachsen wird. „Ein breiteres Angebot und das Internet schaffen mehr Nachfrage, zudem wird das Fahrrad im Stadtbereich aufgrund der Parksituation immer häufiger genutzt.“ Auch Baumärkte hätten das Potential erkannt und nähmen Fahrradgaragen in ihr Angebot auf.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zweiräder haben ein nächtliches Stelldichein
Autor
Larissa Marie Schwarz
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2014, Nr. 258, S. 21
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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