Dumme Sprüche kann man sich schenken

Ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter.“ „Donnerstags wird gepoppt.“ „Bier kaltstellen ist auch irgendwie kochen.“ Solche frechen Sprüche mögen vor allem junge Leute. Auf sie zielt die United Ambient Media (UAM) AG in Hamburg. Im Auftrag von Werbekunden druckt das Unternehmen originelle Sprüche und Motive auf Karten, die vor allem in Kneipen und Restaurants gratis ausgelegt werden. So erreicht man eine junge, kauffreudige Zielgruppe, die man über herkömmliche Werbung in Funk und Fernsehen nicht mehr so gut ansprechen kann.

1992 wurde die Idee hierzulande entwickelt, Vorläufer gab es in Dänemark und Spanien. In einer Hamburger Kneipe entstand aus Ad-Card, der Abkürzung für Advertisement Card, Edgar und damit die Edgar Freecards Medien AG, ein Unternehmen, das fünfzehn Jahre später nach der Fusion mit der holländischen Boomerang Medien GmbH zur United Ambient Media AG wurde.

Mit Edgar habe UAM eine Nische auf dem hart umkämpften Markt der Werbung gefunden, nämlich im Ambient Media Bereich, erklärt der Vorstand Stefan Wasmuth. Bei Ambient Media handelt es sich um Werbung, die vom potentiellen Konsumenten oft unbewusst wahrgenommen wird und diesen besonders zum Kauf motiviert. Sie wirkt in seinem direkten Umfeld: Es werden zum Beispiel Boden und Treppenstufen so bedruckt, dass der Text nur aus einer bestimmten Perspektive zu lesen ist. Oder die Werbebotschaft ist auf dem Kaffeebecher oder Pizzakarton zu finden, so dass sie nicht nur über längere Zeit wirkt, sondern auch von Freunden und der Familie gesehen werden kann. UAM ist nach eigenen Angaben der größte Anbieter von Ambient Medien in Deutschland.

Wie effektiv das Ambient-Media-Konzept ist, lässt sich schwer sagen. Zumindest erinnerten sich, wie eine Befragung des Verbandes der Gratispostkartenverlage ergeben hat, 67 Prozent der Teilnehmer an eine Kampagne, wenn die Karten ein Teil davon waren.

Die Strategie, die UAM mit den Gratispostkarten verfolgt, ist schlicht: Die Werbung sieht auf den ersten Blick gar nicht aus wie Werbung. Ein cooler Spruch oder ein witziges Bild bringen Menschen dazu, die Karten aufzuheben und sogar zu sammeln. Auf etwa einem Drittel der Karten werden außerdem Motive gedruckt, die sich UAM selbst ausgedacht hat und die keine Werbung sind. „Mit diesen Karten verdienen wir zwar kein Geld, sie sind aber von großer Bedeutung für das Geschäft“, sagt Wasmuth. Denn: Die Werbung ist noch schwerer als Werbung zu identifizieren, die Menschen werden neugierig gemacht.

Rund 9 Cent kostet eine Karte im Schnitt. Sie werden in speziellen Ständern an rund 5000 Orten in fünfzig deutschen Städten angeboten. Außer in Szenecafés gibt es die Ständer auch in Kinos, Schulen, Fitnessstudios und sogar in Kasernen der Bundeswehr. Die Orte werden alle ein bis zwei Wochen von UAM-Mitgliedern beliefert. 1992 begann das Unternehmen mit gerade einmal 100 Ständern in einer Handvoll Hamburger Gastronomiebetrieben. „Heute verteilen wir innerhalb Deutschlands bis zu 70 Millionen Postkarten im Jahr“, berichtet Frank Schregel-Rudolph, zuständig für die Distribution. Die Postkarten können auch im Internet verschickt werden. 1997 wurde die erste elektronische Edgar-Card versendet. Daneben bietet UAM noch andere Werbemöglichkeiten an, zum Beispiel Info-Bildschirme in Schulen und Universitäten.

Das Unternehmen hat heute Standorte in fünf Städten, etwa achtzig Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von rund 20 Millionen Euro, an dem die Postkarten einen Anteil von etwa einem Viertel haben. „Die UAM ist in Deutschland der einzige wirklich nationale Anbieter im Segment der Gratispostkarten“, sagt Matthias Murawski, der im Bereich Netzwerk aktiv ist.

Die Kundschaft reicht von Adidas und O2 über Nintendo und BMW bis hin zu Ikea und Coca-Cola. Laut Murawski zahlt ein Kunde für eine vierzehntägige deutschlandweite Auflage von 750000 Karten rund 67500 Euro, abzüglich Rabatt. Dafür zeigte eine Studie der Mediaagentur It Works von 2004: 75 Prozent aller Befragten im Alter von 14 bis 49 Jahren sympathisieren mit den Gratispostkarten. „Grundsätzlich muss ich sagen, das ist eines der besten Konzepte, das ich die letzten Jahre zum Thema Recruiting erlebt habe. Die Agentur hat genau die richtige Ansprache an die Zielgruppe gefunden“, sagt Christian Kabusch vom Personalmanagement der Siemens AG.

UAM ist keineswegs der einzige Anbieter von Gratispostkarten in Deutschland – im selben Jahr wie die Edgar Freecards AG wurde die Dinamix Media GmbH in Berlin gegründet, die ein Teil des Citycards-Systems ist, eines Netzwerks der SUBdesign Werbeagentur GmbH. Citycards ist nach eigenen Angaben das größte Netzwerk für Gratispostkarten in Deutschland. Das Netzwerk besteht aus 23 kleineren Unternehmen, die an fast 7000 Stellen in Deutschland mit den Postkarten werben. Sie vermitteln sich gegenseitig Kunden, tauschen Ideen aus und stimmen Preise ab.

Alle Unternehmen dieses Bereichs gehören zum Fachverband Ambient Media e.V. „Der Verein wurde 2001 gegründet, um die Marktposition von Ambient Media weiter zu stärken“, sagt Nicole Bunzek von der Geschäftsstelle in Köln. „Ambient ist nur ein kleiner Teil im Werbekuchen und muss sich zum Beispiel gegen Fernsehen und Print behaupten.“

Dazu tragen auch die Künstlerkarten bei. Sie haben die bis heute rund 20000 realisierten Motive der Edgar-Karten um Witz und Kreativität bereichert. Mitmachen kann theoretisch jeder, der sein Motiv an die United Ambient Media AG sendet. „Ich sammle die Karten, um sie bei mir zu Hause an die Wand zu hängen“, sagt die siebzehnjährige Johanna Gehlen. „Leider sind die besten Karten immer sofort weg, aber ich finde meistens trotzdem noch eine oder zwei, die mir gut gefallen.“

Doch verlieren Postkarten in einer Zeit, in der sich das Internet zunehmend durchsetzt, nicht an Attraktivität? Die Karten haben für manche längst einen Kultstatus, vor allem unter Menschen zwischen 18 und 35 Jahren. Und junge Leute treffen sich auch weiterhin in den angesagten Locations der Städte. Dennoch arbeiten die Anbieter mit elektronischen Gratispostkarten und Apps gleichzeitig daran, das Medium zunehmend digital zu vernetzen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Dumme Sprüche kann man sich schenken
Autor
Stella Folgner und Daniel Schwade
Schule
Clara-Schumann-Gymnasium , Bonn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2014, Nr. 282, S. 22
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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