Wo man keine ruhige Kugel schiebt

Als der junge Hanseatenkaufmann und Zahlmeister eines Passagierschiffs Hartmut Hoops im Jahr 1956 zu einem Landurlaub in New York von Bord geht, fasziniert ihn weder das Empire State Building noch die Freiheitsstatue so sehr wie eine Bowlingbahn im Vollbetrieb, die er dort zum ersten Mal erlebt. Rasch wird ihm klar: Dieses Spiel muss er in Europa bekannt machen. Dort existierte es zwar schon, stand aber immer im Schatten der Traditionssportart Kegeln. Bowling entstand, weil 1837 in Connecticut ein Kegelverbot erlassen worden war, da oft um Geld gekegelt und betrogen wurde. Um das Verbot zu umgehen, fügte man den neun Kegeln einen zehnten hinzu, stellte diese im Dreieck statt im Viereck auf, nannte sie Pins und das neue Spiel Bowling. Hoops knüpfte also Kontakt zum weltweit führenden Hersteller von Bowlingbahnen, der amerikanischen Brunswick Corporation. Und als er mit deren Hilfe 1963 seine erste Bowlinganlage in Bremerhaven bauen ließ, war dies erst die dritte in ganz Deutschland. Hoops übernahm den Brunswick-Vertrieb in Westeuropa und die Generalvertretung für Brunswick in Deutschland sowie in den Benelux-Staaten. Heute befindet sich die Hoops – The Bowling Company GmbH mit Sitz in Bremerhaven in den Händen von Hartmut Hoops Sohn Jan-Oliver. „Wir kaufen die Bowlinganlagen von Brunswick auf eigene Kasse und vertreiben sie dann hier als Exklusivhändler weiter an unsere Kunden“, erklärt der Geschäftsführer. Tritt ein Interessent mit Hoops in Kontakt, so „lassen wir uns einen Grundstücksplan zuschicken und erstellen danach eine genaue Kalkulation über alle möglichen Kosten, wie beispielsweise die Halle, die Bahnen oder die Miete“, schildert Hoops, muss aber zugleich zugeben: „Das ist der Punkt, an dem 90 Prozent der Interessenten ihre Pläne über den Haufen werfen müssen.“ Wenngleich ein Bowlingbahnbetreiber im Jahr netto zwischen 60000 und 70000 Euro Umsatz je Bahn machen kann, ist die Finanzierung an dieser Stelle der Knackpunkt, denn im Schnitt 35000 Euro, hauptsächlich verursacht durch die hohen Materialkosten, muss man für eine einzige Bowlingbahn hinblättern. Das ist für die meisten privaten Existenzgründer kaum finanzierbar. So sind die Hauptkunden vorwiegend größere Unternehmen und Automatenaufsteller, aber auch einige Prominente wie Ralf Schumacher oder Hugo Boss haben sich Bowlinganlagen bauen lassen. Nach Abschluss der Planungen wird die Anlage dann letztlich von unabhängigen Unternehmen gebaut, deren Mitarbeiter von Brunswick in Europa ausgebildet werden. Das Produktsortiment ist groß. Es reicht vom Management-System, also dem elektronischen Zähl- und Messmechanismus einer jeden Bahn, über Pinaufstellmaschinen bis hin zu den Bahnen selbst; zudem werden Lichtsysteme, Wand- und Maschinenverkleidungen sowie Videowände und spezielle Kinderbahnen angeboten. Auch gibt es inzwischen virtuelles Bowling, bei dem das reale Bowling mit einer Videosimulation verfließt und das laut Jan-Oliver Hoops eher zum echten Bowling motiviert, als damit zu konkurrieren. „Wir verkaufen den Maybach unter den Bowlingbahnen“, wagt Hoops einen kühnen Vergleich. „Als Zusatzleistungen bieten wir auch den Bau einer neuen Halle, die Einrichtung eines Gastronomiebereichs oder Versicherungen an.“ Und natürlich mangelt es nicht am Spielgerät: Pins kosten etwa 10 Euro, und Bowlingkugeln sind ab etwa 25 Euro zu haben. „Die Bowlingcenter entwickeln sich immer mehr in Richtung großer, relaxter Lounges“, sagt Hoops. „Dabei wird der Gastronomiebereich immer wichtiger. Auch auf eine gute Infrastruktur kommt es an. Viele neue Bowlingcenter werden in der Nähe von Autobahnen gebaut und verfügen über riesige Parkflächen.“ Besonders stolz ist Hoops auf seine Anlagen in Koblenz und die mit 52 Bahnen größte Bowlinganlage Europas in Unterföhring bei München, ein insgesamt 19 Millionen Euro teurer Komplex, in dem Bowlingbahnen von Hoops im Wert von 1,7 Millionen Euro stehen. Aber auch die weltweit erste Bowlingbahn auf einem Kreuzfahrtschiff und ein Bowlingcenter auf Gran Canaria erwähnt Hoops. Etwa ein Dutzend Aufträge verzeichnet sein Betrieb jährlich. So auch 2009, das Hoops mit 154 verkauften Bowlingbahnen, also zehn bis zwölf Bahnen je Auftrag, als gutes Jahr bezeichnet. Sechs Millionen Euro Umsatz hat Hoops 2009 erwirtschaftet, und auch für das laufende Jahr ist man optimistisch. Jan-Oliver Hoops schätzt den Marktanteil in Deutschland auf 50 bis 60 Prozent, womit man Marktführer sei. Das Unternehmen hat 90 Mitarbeiter, von denen neun direkt im Vertrieb arbeiten. Durch die Kooperation mit Brunswick hängt der Erfolg von Hoops auch am Dollarkurs: „Im Moment bedeutet das für uns einen Vorteil, denn durch den derzeit schwachen Dollar bezahlen wir heute zwischen 10 000 und 15 000 Euro weniger für eine Bowlingbahn als noch vor ein paar Jahren“, sagt Jan-Oliver Hoops. Negativ auf die Betreiber von Bowlinganlagen habe sich aber das 2007 eingeführte Rauchverbot in der Gastronomie ausgewirkt, das auch die Bowlingcenter betrifft. Hoops schätzt, dass deren Betreiber seitdem etwa zehn bis zwanzig Prozent Umsatzeinbußen verzeichnen. Das Unternehmen wirbt in verschiedenen Fachmagazinen. Zusätzlich veranstaltet es Seminare und Schulungen mit potentiellen Kunden in ganz Europa. Aber Hoops weiß auch: „Wir leben nicht zuletzt von unserem Renommee in der Bowlingbranche. Das spricht sich herum.“ Rund 8000 Bowlingbahnen stehen heute in Deutschland, vor zehn Jahren waren es laut Hoops noch gut ein Drittel weniger. Ein wichtiger Schritt sei die Einführung des Glow-in-the-Dark-Bowlings zu Beginn der neunziger Jahre gewesen, erzählt Hoops. Dabei fluoreszieren alle Bahnen, Bälle, Bestuhlung und andere Teile der Inneneinrichtung bei Schwarzlicht. Wurde Bowling vorher zumeist als eher sportliche Betätigung wahrgenommen, so lockte es dadurch als Freizeitbeschäftigung mit Unterhaltungswert zunehmend auch junge Leute und Familien an. Zudem konnte das Bowling so auch besser mit dem Kegelsport konkurrieren. In Deutschland gibt es geschätzt 120000 Kegelbahnen. „Eine Verdrängung ist kaum möglich, denn Kegelbahnen sind häufig als Ergänzung in Kellern von Gaststätten oder Hotels zu finden und dort fest angegliedert“, sagt Jan-Oliver Hoops. „Bowlingbahnen dagegen stehen nahezu ausschließlich in eigenen Bowlingcentern. Das ist ein Nachteil.“ Zudem kostet eine Kegelbahn in der Anschaffung nur rund die Hälfte einer Bowlingbahn. Unterschiede in der Beliebtheit der beiden konkurrierenden Sportarten sieht er vor allem im Alter der Akteure. Bowlingspieler seien im Durchschnitt wesentlich jünger als die Kegler. Und: „Bowling ist ein Weltsport, Kegeln hingegen nur ein rein deutsches Phänomen.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo man keine ruhige Kugel schiebt
Autor
Leonard Brandbeck Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 04. November 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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