Mit Leib und Seele

Früher war alles anders. „Da haben fast alle Klöster Hostien hergestellt, heute macht das fast keines mehr“, sagt Schwester Revokata Rapp, Leiterin der Hostienbäckerei des Franziskanerinnen-Klosters Reute in Bad Waldsee, das als eines der wenigen in Deutschland noch Hostien in Handarbeit herstellt. 1873 wurde dort die Bäckerei eingerichtet, seitdem ist sie stetig geschrumpft, was am Personalmangel liegt. „Wir führen unsere Hostienbäckerei nicht als gewinnbringenden Wirtschaftsbetrieb, sondern aus religiösen Motiven“, betont Schwester Revokata. Außer ihr gibt es noch eine weitere Mitarbeiterin. Zusammen stellen die beiden täglich 3000 bis 4000 Hostien her, zu den Festzeiten wie Weihnachten oder Ostern auch mehr. Die Hostien werden für 32 Pfarrer, Altenheime und andere Klöster gefertigt, zusätzlich noch für die klostereigenen Einrichtungen. 500 kleine Hostien mit Motiv kosten 6,50 Euro, 100 Priesterhostien kosten 2,50 Euro. Die Priesterhostien haben 6,5 Zentimeter Durchmesser, die kleinen Motivhostien 3 und die ohne Motiv 3,5 Zentimeter. „Allerdings können wir mit unseren Eisen nur Oblatenhostien herstellen, keine Brothostien“, ergänzt Schwester Revokata. „Die Pfarrer wünschen heutzutage aber die dicken Brothostien, weil es vom heutigen Liturgie-Verständnis her darauf ankommt.“ Deshalb glaubt sie, dass nur die maschinelle Hostienherstellung eine Zukunft hat. „Wir könnten gar keine so große Menge an Hostien herstellen“, meint Schwester Revokata und zeigt auf die alten Backeisen. Das älteste ist mit einem Stempel aus dem Jahr 1928 versehen, ein anderes stammt von 1936. Von den zwei Geräten wird eins mit Hilfe von Druckluft betrieben, das andere durch Fußbetrieb. Um 500 Motivhostien herzustellen, braucht man ungefähr eine Stunde. An Zutaten werden lediglich Weizenmehl und Wasser benötigt. „Wir nehmen aber kein Wasser aus der Leitung, sondern aus unserem klostereigenen Brunnen, weil es weniger hart ist.“ Außerdem komme es bei den Hostien auf eine besonders feine Mehlung an. Man braucht zudem viel Erfahrung: „Unsere Backeisen sind sehr alt und haben kein Thermostat. Da braucht man viel Gefühl.“ Bezüglich des Umsatzes kann Schwester Revokata nur eine vage Angabe machen: „Je Pfarrer liefern wir etwa alle zwei Monate 6000 bis 10000 Hostien aus.“ Allerdings sei in den vergangenen Jahren die Produktion deutlich reduziert worden. Die beiden Hostienbäckerinnen wollen aber den Kommunionkindern der Umgebung die Möglichkeit bieten, bei der Herstellung dabei zu sein und die einzelnen Schritte mitzuerleben. „Wer eine Großbäckerei für Hostien betreiben will, muss mit Maschinen arbeiten. Aber ich könnte mir denken, dass diese Arbeit an modernen Geräten genauso zur Ehre Gottes sein kann wie unsere.“ Diese Einstellung teilt Thomas Held, Geschäftsführer der in Kevelaer gelegenen Gläsernen Hostienbäckerei St. Johannes, die dort Hostien maschinell herstellt. Die Hostienbäckerei existiert seit 1898, sie wurde von Benediktinerinnen im Kloster Vinnenberg gegründet. Seit September 2009 wird sie als weltweit erste „Gläserne Hostienbäckerei“ betrieben und bietet Führungen zum Beispiel für Erstkommunionkinder an. Vier Mitarbeiter stellen dort jährlich vier bis sechs Millionen Hostien her, die zum Teil auch im Internet verkauft werden. Etwa 5 Prozent der Hostien werden in andere EU-Länder exportiert. „In den letzten 15 Jahren hatten wir eine Umsatzsteigerung von 700 Prozent. Wir haben auch nur mit gut 70 Kunden angefangen vor 15 Jahren, als wir die Hostienbäckerei von den Benediktinerinnen übernommen haben“, berichtet Held. Der durchschnittliche Hostienpreis liegt bei 1,3 Cent. Zum Umsatz mit Hostien kommen noch folgende Absatzbereiche hinzu: das Café mit Blick in die Produktion, DVDs über die Herstellung, Führungen, Knabberreste, Lobpreis- und Anbetungsmusik sowie Dochtprodukte. Heute hat man 3800 Kunden in der Kartei. Davon seien viele Privatkunden, die auch Knabbertüten und Knapperplatten kaufen, das heißt Reste, die beim Bohren der runden Hostien übrigbleiben. „Unsere wichtigste Konkurrenz sind andere große Hostienbäckereien in Deutschland sowie Billigimporte aus Polen“, erklärt Held. Die Hostien aus dem Osten sollen dünn und nicht besonders hochwertig sein. Das weiß Held jedoch nur vom Hörensagen. „Ich habe noch keine gesehen“, gibt er zu. Genaue Zahlen zum Hostienmarkt in Deutschland sammelt niemand. Zur aktuellen Situation meint Held: „Die Gottesdienstbesucher werden weniger. Es wird weniger Hostienbäckereien geben, keine Ahnung, wie das weitergeht.“ Erweiterungen der Produktpalette sind nicht geplant, aber es werden glutenfreie Hostien zugekauft, weil für deren Herstellung eigene Räume vonnöten sind. Am gefragtesten sind Brothostien mit 3,4 Zentimeter Durchmesser. Bestellen kann man die Hostien aber bis zu einem Durchmesser von 22,8 Zentimeter. Neben den Brothostien werden auch weiße, dünne Hostien hergestellt mit einem Durchmesser bis zu 6,5 Zentimeter. „Die Entwürfe der Motive waren schon auf den Hostienbackeisen, als wir die Hostienbäckerei übernommen haben“, sagt Held. Ansonsten entwirft die Kissing GmbH aus Menden im Sauerland die Motive. Sie ist auch Hersteller der Hostienbackmaschine. „Der Herstellungsprozess für eine Hostie dauert bei uns eine Woche vom Teiganrühren bis zum Verpacken“, erklärt Held. Die Bäckerei beliefert sowohl katholische als auch evangelische Kirchengemeinden. „Das finde ich besonders schön. Es gibt also eine Verbindung über das gleiche ungesäuerte Brot, das verwendet wird.“ Ein Anlass, an den Held sich gerne erinnert, war der Weltjugendtag 2005 in Köln: „Dort haben wir mit armen Jugendlichen 1 Million Hostien für die Abschlussmesse gebacken.“

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Leib und Seele
Autor
Carola Buddensiek Johannes-Kepler-Gymnasium, Leonberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 02. Dezember 2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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