Biodiver – Was? Wo? Und warum denn wir?

Biodiver – Was? Wo? Und warum denn wir?

Biodiversität – ein wichtiges Thema, das aber nur wenig bekannt scheint. Wir, die Klasse WGEB des Wirtschaftsgymnasiums Schorndorf haben an einem Projekt der FAZ in Kooperation mit FRAPORT zum Thema "Biodiversität im Kontext wirtschaftlichen Handelns" teilgenommen. Bei  diesem Thema geht es um den Schutz der Artenvielfalt, welche durch den Bau von beispielsweise eines neuen Fabrikgebäudes verloren gehen kann und was die Wirtschaft im Gegenzug an die Natur zurück zu geben bereit ist.

Um diese Fragen zu klären organisieren wir in kleinen Gruppen Interviews mit diversen Firmen und Behörden.  Erster Schritt: Welche Vorschriften müssen in Bezug auf den Erhalt der Biodiversität bei einem Neubau eingehalten werden? Der erste Schritt wird zur ersten Hürde: das Bauamt Schorndorf verweist uns an das Landratsamt, die nennen lapidar ihre homepage und zwei Ministerien, auch diese bieten uns  bestenfalls eine Verweisfunktion. Letztlich ist dieser erste Schritt eine Art Behördenlabyrinth ohne Wegweiser, mit einigen Sackgassen und wir landen im worldwideweb, irgendwie nichtssagend, nur allgemeinste Informationen. Ein heißer Tipp nennt noch eine FH – aber zuständig für Bauvorschriften kann man ja dort kaum sein. Aber auch da ist die Kooperation nicht unbedingt zeitnah. Dieser Tenor bleibt auch bei anderen Gemeinden: wer ist zuständig? Wohl niemand. Und wenn wir weitersuchen? –  lässt sich auch niemand finden.  Dabei suchen wir nur ein Regelwerk, Vorschriften oder Auflagen – aber selbst bei Gemeinden, die neue wirtschaftliche Ansiedlungen auf der sogenannten grünen Wiese haben, im Moment haben – können uns nicht weiter helfen.

Beim Rathaus in Plüderhausen sind wir erfolgreicher, der dortige Amtsleiter Domink Merkes  zeigt sich unseren Fragen gegenüber offen: geologische  sowie biologische Gutachten der betroffenen Areale seien vor der Genehmigung  einer Anlage Pflicht, er berichtet beispielsweise von der Umleitung eines Baches, um die Pflanzen- und Tierwelt dort erhalten zu können. Die Gutachten können wir einsehen, wir beginnen zu verstehen. Unser Fazit zu Schritt eins: Auch wenn nicht überall und auch, wenn sie zu schwer zu finden sind - es gibt also Vorschriften und Absprachen, Pflicht und Kür bei der Frage, inwieweit man sich engagieren muss und darüber hinaus will. Und wie wird nun damit verfahren?
    
Zweiter Schritt: Wie geht die hier ansässige Wirtschaft damit um? Einige Gruppen haben kein Glück mit ihren Interviewanfragen, dafür stehe niemand zur Verfügung,  geknüpfte Kontakte versanden – oft im Netz, ein Unternehmen fördert zwar umweltschützende Maßnahmen wie Abwasser- und Abgasfilter oder Strom sparende Installationen, damit ist die Affinität zum Thema Biodiversität aber erschöpft. Auch auf Nachfragen bleiben die Maßnahmen im genannten Rahmen. Bei anderen Firmen ein anderes Bild – Diversität also, wenn auch hier zum Teil ohne Bio.

Pflicht sei, so die Firma FÖHL, dass ein festgelegter Flächenanteil einer Bebauungsfläche als beispielsweise Biotop angelegt werden müsse, andere verpflichtende Ausgleichsmaßnahmen erwähnen auch Bosch und LIWO.  Die Firma FÖHL hat ein eigenes Umweltmanagement, das solcherlei Maßnahmen steuert:  ein angelegter Bachlauf ist von der heimischen Fischpopulation angenommen worden, Wiesen als Ausgleichsflächen wurden in Betriebsnähe renaturiert.  Dieser verantwortungsbewusste Umgang mit dem eigenen Lebensraum ist lobenswert, kundenorientiert  – und werbewirksam und so "im wirtschaftlichen Kontext" nutzbar.

Firmen werben im Netz mit ihrem Öko-audit, das firmeneigene Umweltmanagement wird auf der homepage gerne herausgestellt. Auch weil - umgekehrt - große Kunden oder Zulieferer solcherlei Profile fordern. Auch Bosch stellt solche initiativen Forderungen an seine Partner, die Firma selbst geht mit gutem Beispiel voran,  bei unserem Interview wird der Bau des neuen Standortes in Leonberg angeführt: Dachbegrünungen als Ersatzangebot für den Lebensraum ansässiger Insekten seien geplant, ein Rückhaltebecken solle die Schmetterlings-population stimulieren, Bäume und Wiesen würden den dort lebenden Zauneidechsen einen angemessenen Lebensraum bieten, und für die Vögel, die vorher auf diesem Gelände brüteten, würden auf naheliegenden Feldern  Ersatzmöglichkeiten geschaffen.  Die Theorie aus Schritt eins wird also in die Praxis umgesetzt – ausschlaggebend für den Umfang der Maßnahmen scheint nicht so sehr die Vorschrift an sich, sondern eher die Firmenphilosophie. Das gilt für große Unternehmen ebenso wie für kleine. Tut man, was man muss – ist ein wichtiger Schritt getan. Tut man, was man kann, wird aus dem einen Schritt ein Weg der Verantwortung für unsere Um-Welt. Und der kann auch wirtschaftlichen Nutzen erbringen.

Biodiversität im Kontext wirtschaftlichen Handelns – ein diverses Bild im Rems-Murr-Kreis haben unsere Recherchen ergeben, ein diffuses Verständnis  dieses Themas hat sich teilweise gezeigt, die eine oder andere Firma haben wir allerdings gefunden, die die wie auch immer gearteten Vorschriften umsetzt.  Biodiversität im Kontext wirtschaftlichen Handelns – der noch offene Handlungsspielraum ist weit. Wir, die Klasse WGEB aus dem Wirtschaftsgymnasium in Schorndorf, wollen weiter aufmerksam machen, weiter recherchieren, einen Informationsaustausch fördern - für uns ist das Projekt noch nicht beendet.

Unsere Visionen? Mehr Transparenz, klarere Richtlinien, mehr Kooperation zwischen den Gemeinden einer Region, mehr Kooperation auch zwischen Verwaltung und Wirtschaft. Bei allem Respekt für die Firmen, die den Schutz der Biodiversität in ihre Firmenphilosophie aufgenommen haben – das darf und kann nicht nur auf freiwilliger Basis erfolgen. Dabei  sollte ein klares Regelwerk als Rahmen zur Verfügung stehen, niemals einschränkend, sondern eher inspirierend, initiierend wirken. Ob das bei Verwaltungsgrenien funktionieren kann? Es muss. Der Gedanke an die Relevanz des Artenschutzes muss wachsen können. Wir könnten uns regionale Wettbewerbe vorstellen in diesem Bereich,  die Entwicklung von Zertifikaten, die werbewirksam sind. Allzu utopisch klingt das nicht – aber selbst für Utopien müssen erst einmal die Rampen gebaut werden, sonst kann die Wirtschaft nicht einmal abheben, geschweige denn mitfliegen.  Immerhin ist unsere Schule ein Wirtschaftsgymnasium – wir sollten es eigentlich wissen. Und wir sind auch diejenigen, die solche Gedanken dann nach unserem Abschluss in die Wirtschaftswelt tragen werden. Hier kann die Utopie dann Realität werden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Biodiver – Was? Wo? Und warum denn wir?
Autor
WGEB
Schule
Johann-Philipp-Palm Kaufmännsiche Schule, Schorndorf
Klasse
WGE von 2012/2013
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Jugend recherchiert 2012
Kategorie
Print

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