Von klein auf an Fremde vermietet

Die Armut ihrer Familie war ihr Schicksal: Verdingkinder wurden oft auf Märkten versteigert und mussten von klein auf in der Fremde schuften. Der Schweizer Ernst Brunner erinnert sich.

Mildes Licht scheint durch die Terrassentüre. Draußen ist es trotz des Sonnenscheins recht kühl, deshalb sitzt Ernst Brunner mit einer Decke über den Beinen in seinem Lehnstuhl. Der 82-Jährige wohnt in einer Alterswohnung in Steinmaur, einem Dorf, das etwa 30 Autominuten von Zürich entfernt ist. Brunner hat die schwieligen Hände über der Wolldecke gefaltet. Diese Hände mussten schon früh anpacken und für den Lebensunterhalt schuften, denn Brunner war ein Verdingkind.

So nannte man Kinder, die aus armen Familien stammten und deshalb an andere Familien verdingt wurden. Die Familien des Verdingkindes mussten so ein hungriges Maul weniger stopfen. Die Verdingkinder wurden oft auf Verdingmärkten versteigert. Verdingkinder mussten auf Bauernhöfen, in Brauereien oder auch in Minen, wie zum Beispiel in den Asphaltminen in Neuenburg, arbeiten und wurden als billige Arbeitskräfte angesehen. Oft wurden sie ausgenutzt und misshandelt, doch da es sich "nur" um Verdingkinder handelte, griffen die Behörden meistens nicht ein.

So erging es auch dem aus dem Kanton Bern stammenden Ernst Brunner. "Da mein Vater starker Alkoholiker war, verhängte die Behörde ihm ein Hausverbot. Nun saß meine Mutter mit neun Kindern alleine da. Was sollte sie tun? Sie konnte nicht alle durchbringen." Seiner Mutter blieb nichts anderes übrig, als acht der neun Kinder wegzugeben. Damals war Ernst erst ein Jahr alt. Er wurde zu einer Bauernfamilie gegeben, die hoffte, ihn später als billige Hilfskraft auf dem Hof einsetzen zu können. Der Vater dieser Familie war ebenfalls ein heftiger Trinker und vertrank das ganze Geld. So kam es, dass der kleine Ernst im Alter von vier Jahren in ein Kinderheim gebracht wurde, da die Familie nicht mehr für seinen Unterhalt aufkommen konnte.

Die Leiter der Anstalt waren ein Ehepaar, das auch den Bauernhof gleich nebenan bewirtschaftete. Diese Zeit hat Ernst noch lebhaft in Erinnerung: "Bis ich in die Schule kam, hatte ich einige einfache Aufgaben auf dem Hof zu erledigen: Unkraut entfernen, die Eier aus dem Hühnerstall holen, den Vorplatz fegen und die Böden im Haus feucht aufnehmen. Als ich in die Schule kam, wurde es zu meiner Aufgabe, die jüngsten Kinder zu hüten. Ich war so stolz! Doch das blieb nicht meine einzige Aufgabe. Morgens um sechs Uhr hieß es aufstehen und den Stall machen, zusammen mit dem Bauern und einigen anderen Jungs. Das taten wir jeden Tag, am Sonntag, in den Ferien und vor der Schule. Wir melkten und fütterten die Kühe und misteten den Stall aus, was oft zwei Stunden dauerte. Danach ging es ab in die Schule. Doch auch nach der Schule musste ich mit anpacken, sei es beim Kinderhüten oder am Abend bei der Stallarbeit." Obwohl Ernst hart arbeiten musste für seinen Unterhalt, sieht er ohne Groll auf seine Heimzeit zurück. "Diese Bauernfamilie und die Kinder aus dem Heim wurden meine Familie. Die Bauern behandelten sowohl ihre eigenen Kinder als auch uns Heimkinder gleich. Diese Kinder wurden zu meinen Halbgeschwistern, mit denen ich viel Spaß hatte." Wenn der alte Mann im Berner Dialekt von seiner Heimzeit spricht, gestikuliert er, und seine Augen glänzen, wenn er von den Streichen erzählt, die die Jungs zusammen ausgeheckt hatten. Als er 17 Jahre alt war, beschloss sein Vormund, dass es an der Zeit war, Ernst auf einen anderen Hof zu schicken. So musste Ernst nach Zürich ziehen und bei einem Bauern für 80 Schweizerfranken im Monat schuften. "Die Arbeit auf dem Hof war hart, aber das war ich gewohnt. Doch der Bauer, bei dem ich arbeitete, vermietete mich auch an andere Bauern. Das Geld, das er so verdiente, habe ich logischerweise nie gesehen." In dieser Zeit lernte Ernst Brunner Angst und Unfreiheit kennen. Er arbeitete von früh bis spät, und am Abend fiel er in seinem ungeheizten Kämmerchen auf einen Strohsack, der als Bett diente. Sein Vormund drohte ihm, ihn wieder in ein Heim zu stecken, wenn er nicht pariere. "Ich wusste, es geht nicht in allen Kinderheimen so zu und her wie im letzten. Ich wollte auf keinen Fall in ein Heim kommen, in dem Kinder misshandelt werden, zu wenig zu essen bekommen und sich gegenseitig bestehlen." So stieg er jeden Morgen in seine klammen Schuhe, mistete aus, hackte Holz, scherte Schafe, baute Zäune und reparierte Ställe. "Die Situation war wirklich ausweglos. Mit dem Geld, das ich verdiente, konnte ich mir gerade knapp das Nötigste kaufen. Und ich wusste, dass mich nirgendwo eine bessere Berufsmöglichkeit erwartete." So kam es ihm wie ein Wunder vor, dass sich plötzlich seine leibliche Schwester meldete und ihm anbot, bei ihr zu leben. Ernst war damals zwar schon 36 Jahre alt, hatte aber nie vom Hof wegziehen können, da er das Geld nicht hatte, irgendwo zur Untermiete zu wohnen. "Es war ein komisches Gefühl. Ich hatte meine richtige Familie nur einmal an der Beerdigung meiner leiblichen Mutter gesehen. Und nun sollte ich bei dieser mir unbekannten Schwester wohnen? Doch es war allemal besser, als noch weiter zum Hungerlohn auf dem Bauernhof zu schuften. So zog ich nach Steinmaur zu meiner Schwester." In dem Dorf lebte er mit ihrer Familie in einem engen alten Bauernhaus. Auch hier hatte er nur ein kleines kaltes Zimmer. Geld fehlte an allen Enden. Ernst fand eine Stelle als Bauarbeiter im Nachbardorf und unterstützte so das knappe Familienbudget.

Inzwischen ist die Sonne untergegangen. Eine junge Pflegerin schaut herein und zündet das Licht an. Die Lampe beleuchtet gerahmte Fotos. Sie zeigen Kinder, die in einer Schubkarre sitzen, in die Kamera grinsen oder Kopfstand üben. Seine Enkel? Brunner schüttelt den Kopf: "Ich habe nie geheiratet. Nicht weil ich nicht wollte, sondern weil ich kein Geld hatte. Ich hätte nie eine Familie ernähren können." Die Kinder sind die Enkel seines Arbeitgebers. Dort arbeitete Brunner bis zur Pensionierung. Noch heute besucht der kräftig gebaute Mann die Familie seines Arbeitgebers einige Male im Monat. Brunner erhebt sich ein wenig mühsam aus seinem Sessel. Er tastet nach seiner Gehhilfe, es ist Zeit für sein Abendessen. Die Pflegerin begleitet ihn und dreht sich noch einmal um: "Obwohl Herr Brunner so viel Schlimmes erlebt hat, ist er trotzdem einer der freundlichsten Patienten, die ich kenne. Er lächelt beinahe immer, man hört kein böses Wort von ihm."

Informationen zum Beitrag

Titel
Von klein auf an Fremde vermietet
Autor
Lia Hellwig
Schule
Kantonschule Limmatal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.03.2012, Nr. 75, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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