Mit Vivaldi der schmerzenden Sehne trotzen

Der Nebel hat sich am Zürichsee verzogen. Viele Menschen tummeln sich am Ufer. Mehrere Cello-Kästen und Geigenkoffer sind neben einer Gruppe von Jugendlichen zu sehen, die zusammen Mittag essen und immer wieder in fröhliches Gelächter ausbrechen. Unter ihnen ist ein hübsches Mädchen mit dunkelbraun gelocktem Haar, das fröhlich mit ihrer Nachbarin redet. Allerdings war es in letzter Zeit nicht immer leicht für Emma Zeiter. Die Siebzehnjährige litt unter einer akuten Sehnenscheidenentzündung - für eine angehende Musikstudentin eine ernste Angelegenheit.

Emma fing mit sechs Jahren an Geige zu spielen, nachdem sie zufällig einem Geiger, der an einer Straße spielte, begegnet und sofort von dem schönen Klang verzaubert war. Seitdem nimmt sie Unterricht am Konservatorium Zürich und ist in einem Kammermusikensemble und in einem Streichorchester engagiert. Obwohl das Geigenspiel nicht einfach zu erlernen ist und man schnell keine Lust mehr für das Üben hat, war dies für Emma nie eine große Schwierigkeit - im Gegenteil. "Lange Zeit habe ich das Geigenspielen als Hobby angesehen, und es ist auch mehr ein Ausgleich für die Schule gewesen. Dann aber, als die Schule strenger wurde und ich mehr Zeit dafür investieren musste, habe ich gemerkt, dass ich mich eigentlich viel lieber intensiver mit der Musik befassen möchte. Das ist der Punkt gewesen, wo ich mich definitiv dafür entschieden habe, Musik zu studieren." Nach vier Jahren am Realgymnasium Rämibühl Zürich wechselte sie zum Privatunterricht. Sie hatte die obligatorische Schulzeit beendet, aber ihre Eltern, die Ärzte sind, legten Wert darauf, dass die Tochter auch weiterhin - und nicht nur in der Musik - lernen würde. Emma machte ihr Vorstudium am Zürcher Konservatorium. So bereiten sich Jugendliche, die noch in einer Ausbildung sind, vor auf die Eignungsprüfungen für den Eintritt in die Bachelorstudiengänge der Zürcher Hochschule der Künste. "Wenn man so viele verschiedene Aktivitäten mit der Geige hat, muss man natürlich auch zu Hause viel mehr üben. Eigentlich habe ich sehr gerne geübt. Dass ich dann auch ein Solo mit dem Orchester, nämlich den Winter aus dem Jahreszeitenkonzert von Vivaldi, spielen durfte, hatte mich nur noch zusätzlich motiviert." Doch dann, kurz vor dem ersten Konzert mit dem Orchester, traten beim Üben plötzliche Schmerzen im linken Unterarm auf. Ein Arzt diagnostizierte eine Sehnenscheidenentzündung. Die betroffene Stelle darf nicht mehr belastet und muss behandelt werden. Emma entschied sich nach längerem Überlegen, die Konzerte trotzdem zu spielen, obwohl sich dadurch die Entzündung verschlimmern konnte. "Meine Eltern und meine Freunde versuchten mir dies auszureden, doch ich wollte auf keinen Fall pausieren."

Sie nahm Medikamente und trug Salben auf, um die Symptome zu lindern, und übte außer gelegentlich für das Solo gar nicht mehr. "Ich hatte schon gemerkt, wie die Schmerzen zunahmen, aber solange ich spielte, waren sie nicht mehr vorhanden. Wenn ich aufgehört hatte, kamen sie dann aber wieder nach kurzer Zeit - dann hat es schon sehr weh getan." Sie verzieht kurz das Gesicht. "Dafür waren die Konzerte ein voller Erfolg. Das war es irgendwie schon wert, obwohl es für manche verrückt tönen mag."

Heute würde Emma dies nicht mehr machen. Zu groß ist das Risiko einer möglichen bleibenden Schädigung, so dass dann der ganze Traum im Eimer wäre. Denn Emma hatte noch Glück gehabt: Nachdem die Medikamente nicht viel genützt hatten und sie schließlich sogar beim SMS-Schreiben höllische Schmerzen verspürte, empfahl ihr der Arzt, es mit Physiotherapie und Akupunktur zu versuchen. "Ich war nahe der Verzweiflung, da die Entzündung auch nach drei Monaten nicht abgeklungen war, obwohl ich gar nicht mehr geübt hatte. Erst mit der neuen Behandlungsmethode verbesserte sich der Zustand."

Seither achtet sie darauf, Pausen zu machen und bei den kleinsten Schmerzen aufzuhören. "Violinisten müssen besonders auf ihren Körper, die Arme und Hände, achtgeben, da sie im Grunde genommen ganz und gar von ihm abhängig sind." Dabei schaut sie nachdenklich auf ihr Handgelenk und die feingliedrigen Finger.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Vivaldi der schmerzenden Sehne trotzen
Autor
Yiwen Luo
Schule
Kantonschule Limmatal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2012, Nr. 81, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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