Stolz seinen Zipfel zeigen

Auf dem Festkommers der katholischen Studentenverbindung Alamannia werden in Tübingen neue Fuxe aufgenommen. Aber viele Studenten bleiben skeptisch.

Cerevisiam bibunt homines, animalia cetera fontes." "Es trinken die Menschen Bier, die übrigen Geschöpfe trinken Wasser", heißt es in der Volksweise aus dem Deutschen Kommersbuch. Im großen, eher ungemütlichen Festsaal eines Hotels in Tübingen, den die Verbindung für das Festkommers ausgesucht hat, herrscht eine lockere Stimmung. Man feiert das 140. Stiftungsfest der katholischen Studentenverbindung Alamannia in Tübingen. "Wir feiern hier quasi den 140. Geburtstag der 1871 gegründeten Verbindung. Für uns ist das ein besonders wichtiges Ereignis", erklärt Wolfgang Hönle. Der "Alte Herr" ist seit 28 Jahren bei der Tübinger Studentenverbindung.

Fünf Studenten betreten im sogenannten Vollwichs die kleine Bühne. Sie tragen weiß-hellblaue Schärpen und schwarze Barette aus Samt mit weißen Federn. In den Händen halten sie den Degen, der nur zur Zierde dient. Zum Festakt sind viele befreundete Verbindungen aus ganz Deutschland gekommen. Alle werden einzeln vorgestellt. "In unserer Gemeinschaft steht amicitia im Vordergrund", erklärt Lateinlehrer Hönle. Seine Verbindung zeichne sich vor allem durch Geselligkeit aus. Die aktiven Studenten treffen sich während des Semesters mehrmals die Woche im Verbindungshaus, die Alten Herren in ihren Ortszirkeln zu Wanderungen, Opernbesuchen oder Tanz- und Cocktailabenden. "Das ist der Unterschied zwischen den schlagenden Verbindungen und unseren katholischen Studentenverbindungen. Wir lehnen durch unsere christlichen Wurzeln und unseren Glauben das Duellieren mit Waffen ab und bevorzugen das geistige Duell", sagt der 48-Jährige. Der leicht untersetzte Lehrer hat sich in einen eleganten Anzug geworfen. Er unterrichtet Latein, Geschichte und Religion am Rosenstein-Gymnasium im ostwürttembergischen Heubach.

Den Festvortrag hält Heiner Geißler. Er ist seit 1954 Mitglied bei den Alamannen. Wer als Student den Aufnahmeantrag stellt, wird zum Fux. Jeder Fux hat einen Mentor, der ihn in dieser Probezeit unterstützt. Als Fux sollte man während der ersten zwei Semester großes Engagement zeigen, damit man bei der Prüfung zum geschichtlichen Wissen und den abgefragten Prinzipien glänzen kann. Nach dieser Aufnahmeprüfung ist er offiziell aktiver Bursche der Verbindung für die Dauer seines Studiums. Danach gehört er als Alter Herr zu den weiterhin beitragzahlenden Mitgliedern. Durch die Mitgliedsbeiträge zwischen 200 und 350 Euro jährlich wird die Verbindung finanziert.

Heute werden zwei junge Fuxe aufgenommen, recipiert. Sie erhalten ihren ersten Zipfel, einen silbernen Stoffanhänger mit Metallgravur. Vor der Aufnahme, die am Ende einer Phase des gegenseitigen Kennenlernens steht, mussten sie sich einer Befragung durch die aktiven Burschen stellen. Die beiden Fuxe müssen nun ein Gelübde zum Konventgeheimnis ablegen und einen vollen Bierkrug ganz austrinken, während die fünf "Chargierten" mit ihren Degen in einem bestimmten Rhythmus auf Holzbretter schlagen.

"Für junge Studenten ist die Verbindung sehr hilfreich. Sie werden unterstützt und bekommen viele Möglichkeiten, die andere vielleicht ohne die Verbindung nicht genießen können", sagt Hönle. So biete man eine Starthilfe ins Berufsleben und Hilfe bei der Wohnungssuche. Vieles in der Verbindung lebe von den Kontakten und dank des berühmten Vitamin B. Bei den Alamannen duzen sich alle. Deshalb sagen sie spaßeshalber, man sei mit dem Papst per du. Denn Papst Benedikt XVI. ist in der Studentenverbindung Liechtenstein-Hohenheim zu Freising-Weihenstephan in Freising.

Trotz allem geht es nicht immer harmonisch zu. Seit einigen Jahren hat auch die katholische Verbindung Probleme, neue Mitglieder zu gewinnen. Die heutigen Studenten planen ihre Wochenenden anders als früher. Durch den Lernstress mit Bachelor und Master ist vielen ein weiteres Amt zu zeitintensiv. Hinzu kommen Vorurteile. In der Öffentlichkeit werde man als Mitglied einer Studentenverbindung oft als Trunkenbold oder als rechtsradikaler Aktivist angesehen. Das schrecke viele ab, erklärt Hönle. Die katholischen Verbindungen haben zudem mit dem Spott seitens der Schlagenden Verbindungen zu kämpfen. "Oft wird man als katholischer Bundesbruder ins Lächerliche gezogen. Wir seien angeblich keine richtige Studentenverbindung", entrüstet sich Hönle. Auch die Tatsache, dass die Verbindung eine reine Männerverbindung ist und Frauen nur als Begleitung und zu einigen Festen eingeladen werden, wirkt unzeitgemäß.

Für Heiner Geißler waren die Höhepunkte in seiner aktiven Studentenzeit die Diskussionen im Verbindungshaus, von dessen Turm man einen Blick über ganz Tübingen hat, und die Stocherkahnwettbewerbe. "Damals wie heute galt es, nicht zu verlieren, sonst musste man einen halben Liter Lebertran trinken", erinnert sich der 81-Jährige. Sportliche Aktivitäten sind ein wichtiger Bestandteil im Verbindungsalltag. "Am besten kann man sich eine Studentenverbindung wie einen Fußballverein vorstellen. Nur hier studieren eben alle Mitglieder", erklärt Christian Raiser. Der 25-Jährige ist seit seinem ersten Sommersemester Mitglied bei den Alamannen. Das Besondere sei, dass man mit vielen unterschiedlichen Menschen ins Gespräch komme. "Es kommt nur darauf an, ob man sich versteht und ob man zur Gruppe passt", sagt der Jurastudent. "Aber wenn man zusammen ein paar Schnäpse getrunken und sich gut amüsiert hat, ist das kein Problem mehr." Nach deutschen und lateinischen Burschenliedern haben sich einige "in die erste Etage" begeben und schunkeln im Stehen weiter. Wer in der "zweiten Etage" ist, feiert schon auf dem Stuhl. Mit den Etagen gibt man das Höhenniveau an, auf dem man sich gerade befindet. An einigen Bierkrügen erkennt man sogenannte Zipfelbünde. Für einen Bundesbruder ist der Zipfelbund ein Statussymbol: je mehr Zipfel, also Anhänger, desto größer die Wertschätzung.

"Den Zipfelbund zu verlieren ist, wie wenn man den Ehering verliert", sagt Wolfgang Hönle. So wie die Ehe ein Bund fürs Leben sein sollte, ist auch die Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung ein Bund, der gültig bis zum Tod ist. Einzelne Mitglieder könnten ausgeschlossen werden, wenn sie sich öfters rufschädigend in der Öffentlichkeit verhalten. Was allerdings selten passiert, weil der Mentor ein Auge auf seinen Fux hat. Der "Biervater" hilft seinem "Biersohn", so gut er kann.

Informationen zum Beitrag

Titel
Stolz seinen Zipfel zeigen
Autor
Juliane Aich
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.04.2012, Nr. 91, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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