Eine Art Choreographie aus Schlägen und Tritten

Der Toni reißt mir die Haare raus - darum habe ich sie mir so kurz geschnitten", erklärt Peter Zimmermann aus Hamm bei Worms und fährt sich über sein kurzes Haar. Der ungefähr 1,90 Meter große und breitschultrige Mann steht auf und verbessert die zwei Männer auf der Matte in ihrer Haltung. Er ist gerade dabei, mit den zwei Grüngurten für ihre Blaugurtprüfung zu trainieren. Gleichzeitig üben drei Schwarzgurte mit dem Großmeister Anton Weinberger, genannt Toni. Sambo hat seinen Ursprung in Russland und entstand aus dem Ringkampf und verschiedenen Techniken aus anderen Kampfkünsten, vor allem wurden Techniken aus dem Judo übernommen. Die Herkunft spiegelt sich im Namen wider. Er wird aus den ersten drei Buchstaben des russischen Wortes Samosaschtschita, was Selbstschutz bedeutet, sowie aus den Anfangsbuchstaben der Bedeutung bes orushia, "ohne Waffe", gebildet. Der eigentliche Verwendungszweck des Sambos lag im russischen Militär, was erklärt, weshalb Ästhetik und Technik zu Beginn nicht die Hauptkriterien waren. 1966 wurde der Sambo-Kampf als dritte internationale Art des Ringkampfes anerkannt und findet immer mehr Anhänger. "Sambo ist dem Ju-Jutsu sehr ähnlich, nur dass es dort länger dauert als bei uns, bis der Angreifer auf dem Boden liegt. Was an der Herkunft aus dem Bereich des Militärs liegt", erklärt Peter Zimmermann. Auf die Frage hin, wieso er sich für diese eher unbekannte Sportart entschieden habe, erklärt der 62-Jährige: "Seit meiner Jugend habe ich aktiv Handball gespielt und habe selbst Spieler trainiert. Wegen Unstimmigkeiten habe ich damals aufgehört. Da war ich 39 und wollte mich auf alle Fälle noch sportlich betätigen. Per Zufall habe ich eine Vorstellung des Sambo-Vereins in Worms angesehen, und da es mir gefallen hatte, bin ich bei Sambo hängen geblieben", erinnert er sich. "Ich bin mehrmals die Woche trainieren gegangen und hatte nach vier Jahren den schwarzen Gürtel. Mittlerweile bin ich seit 20 Jahren dabei, und es macht mir immer noch Spaß", fährt er fort. Vor allem die Vielseitigkeit ist es, was ihm gefällt. "Die Russen haben damals überall Techniken geklaut, allerdings immer nur das Beste, und so halten wir es auch heute noch. Wenn uns etwas gefällt, nehmen wir es auf, dadurch hat man nie ausgelernt", lächelt der Rentner. Sambo ist ein Kampfsport, das bedeutet: Anders als eine Kampfkunst verfolgt er keine Philosophie, sondern einzig den Gedanken, den Angreifer gezielt und schnell außer Gefecht zu setzen. Wer jedoch denkt, bei Sambo könne man einfach so draufhauen, ist hier falsch. Hierzu sagt Peter Zimmermann, der auch für das Training der Anfänger zuständig ist, ernst: "Wir sind ein Verein, das heißt, wir können uns aussuchen, wen wir trainieren. In einem Fitnessstudio ist das anders. Hier wird jeder trainiert, der bezahlt. Sollte ich jemals Schläger trainieren, würde ich sofort nach Hause gehen und meinen Gürtel an die Wand hängen." Denn auch im Sambo werden Regeln und eine Etikette befolgt. So hat man vor der Trainingsstätte Achtung und verbeugt sich leicht, bevor man den Raum betritt. Die Trainingsmatte wird barfuß betreten. Bevor dann das eigentliche Training beginnt, wird erst der Meister begrüßt. Dazu stellen sich die Sportler in eine Reihe ihrer Gürtelfarbe nach auf. Das bedeutet, die Schwarzgurte stehen links von dem ranghöchsten Meister und dann nach rechts gehend die niederen Gurte bis hin zum Weißgurt. Auf der linken Seite steht der nach dem Großmeister Ranghöchste und grüßt den Meister mit einer leichten Verbeugung. Der Schwarzgurt ganz rechts in der Reihe grüßt dann diesen. Die Anfänger tragen Weiß, dann folgen Gelb, Orange, Grün, Blau, Braun und dann Schwarz. Ab Schwarz gilt man als Meister. Doch selbst hier hört es noch nicht auf. Man kann ab Schwarz noch Dane erlangen. Anton Weinberger hat den siebten Dan erreicht, was selten ist, und Zimmermann ist mit seinem fünften Dan der Ranghöchste nach Anton. In sogenannten Gurtprüfungen können die Prüflinge eine Stufe höher gelangen. Hierzu müssen sie vor einem Komitee, bestehend aus Schwarzgurten ihres Vereins, aber auch aus anderen Vereinen, verschiedene Techniken aus den Bereichen Tritte, Abwehrtechniken, Fallschule zeigen, außerdem gibt es Partnerübungen. Einen weiteren Bestandteil der Prüfung bildet, bis zum Orangegurt, die Kata, eine Art Choreographie aus Schlägen und Tritten, und an jedem Ende steht ein Freikampf. Immer abrufbereit müssen die Kenntnisse aus vorherigen Gürtelprüfungen sein. So müssen die zwei gerade trainierenden Grüngurte für ihre Prüfung zum Blaugurt 26 verschiedene Übungen in richtiger Reihenfolge zeigen sowie die Vorkenntnisse aus drei Prüfungen und einen Freikampf. "Je dunkler der Gurt, desto schwieriger wird das Programm", erklärt Peter Zimmermann. "Und im fortgeschrittenen Alter muss man etwas tricksen, so kann man sich mit seinem Partner auf kleine Zeichen einigen oder es ihm etwas einfacher machen, indem man sich zum Beispiel etwas tiefer duckt." Damit meint er die zwei Grüngurte, die gerade dabei sind, einen Tritt über den Kopf mit einer 180-Grad-Drehung zu üben. "Was sie jedoch immer vergessen, ist, dass ihre Schritte und Schläge verkrampft und volle Pulle sind, was für das Training nicht so gut ist, sonst drohen Verletzungen, und dann will niemand besonders gerne trainieren", erklärt er und sieht die zwei Männer ermahnend an. Immer wieder werden kleine Pausen eingelegt. "Wir sind ja auch die Alten", spottet Zimmermann. "Außerdem sind das hauptsächlich Lehrer und Beamte, die wollen sich nicht so kaputtmachen", lacht der ehemalige Postbeamte. Rudolf K. Scholz, einer der Grüngurte, 50 und ebenfalls Beamter, ergänzt: "Deshalb haben wir ja auch zwei Stunden Training angesetzt, denn bis wir anfangen, haben wir nur noch eine." Doch bleibt es nun mal nicht aus, dass sich jemand beim Training verletzt. So sind Knochenbrüche und blaue Flecken keine Seltenheit, und kleinere Verletzungen wie gebrochene Finger oder Zehen werden bis zum Ende des Trainings ignoriert und auch schon mal selbst gerichtet. Ist der Schmerz dann doch zu groß, muss man einfach die Straße überqueren, dort steht ein Krankenhaus. Braucht man besondere Vorkenntnisse? Peter Zimmermann sagt: "Nein, wer Lust hat, kann einfach vorbeischauen. Mittwochs trainieren zuerst die Anfänger, die zuallererst die Grundschule erlernen, wie zum Beispiel richtiges Stehen oder Gehen, danach trainieren die Älteren. Das Einzige, was man braucht, ist Spaß und den Willen, etwas zu lernen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Eine Art Choreographie aus Schlägen und Tritten
Autor
Lisa Scholz Leininger-Gymnasium, Grünstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2010, Nr. 166 / Seite N6
Projekt
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