Ein Mensch geht

Ein Mensch geht

Einem Gespräch kann er nicht mehr folgen. Stattdessen fragt der demente alte Herr nach Belanglosigkeiten. Immer wieder.

Ursel, komm schnell her!" Erich Stehle ruft so laut aus dem Wohnzimmer, als ob es brennen würde. Seit zwölf Jahren steht fest, dass der 82 Jahre alte gebürtige Gmünder Demenz hat. Früher leitete Stehle ein Einzelhandelsgeschäft mit vier Angestellten, er war ein viel beschäftigter Mann. Er kannte seine Kunden mit Namen und war stolz auf sein ausgezeichnetes Gedächtnis. Stehle war in Vereinen aktiv und hatte wichtige Ämter inne, zum Beispiel leitete er einen Altersgenossenverein.

Aber vor allem war er ein leidenschaftlicher Wanderer, er reiste oft ins Allgäu und in die Alpen, besonders die Dolomiten liebte er. Erich Stehle war auch ein großer Freund der Nordsee und des Bodensees, dort in Hagnau war er bis 2001 Stammgast. Dies war die letzte Reise, die er unternahm, eine Woche am Bodensee mit seinen Enkeln.

Die Veränderungen kamen langsam, zunächst von niemandem beachtet. So konnte er sich Namen nicht mehr so gut merken. Hinzu kamen in kurzem Abstand mehrere Herzoperationen.

Er fuhr immer unsicherer Auto. Mit der Diagnose gab er das Fahren auf. Hin und wieder wanderte er noch auf den Rosenstein oder auf den Rechberg, schließlich stellte er auch das ein. Von all seinen Aktivitäten ist praktisch nichts mehr übrig. Der alte Herr sitzt fast den ganzen Tag im Wohnzimmer. Seine Hauptbeschäftigung besteht darin, nach seiner Frau zu rufen, die er dann nach belanglosen Dingen fragt. Er stellt immer dieselben Fragen, etwa wie spät es ist, obwohl die Uhr an der Wand hängt. Aber das registriert er nicht mehr. Manchmal erkennt er nicht einmal mehr seine Ehefrau. Die Namen seiner Kinder sind ihm nicht immer geläufig. Auch weiß er immer wieder nicht, wo er ist, obwohl er in dem Haus wohnt, das er selbst vor fast 40 Jahren gebaut hat.

Eine Unterhaltung ist praktisch unmöglich geworden, da er einem Gespräch nicht mehr folgen kann. Außer den weitgehend belanglosen Fragen, deren Antworten er sofort wieder vergisst, und Klagen über seine Gesundheit, redet er fast nicht mehr. Seine Frau erzählt, dass er sie fast jeden Tag fragt, wo seine Eltern seien, obwohl sie seit fast 30 Jahren tot sind. Und manchmal tauchen Dinge an ungewöhnlichen Stellen auf, zum Beispiel Taschentücher im Gefrierschrank. Oder statt der Sommerjacke zieht er ein weiteres Hemd an.

Es gibt aber auch Tage, an denen er einen klareren Verstand hat. Dann begrüßt er seinen ältesten Enkel freudig und fragt ihn, wie es ihm geht. Doch selbst an diesen Tagen klagt er über seine Kopfschmerzen. Herr Stehle hat jeden Tag heftige Kopfschmerzen, Medikamente wirken nicht oder fast gar nicht. Für ihn sind die Kopfschmerzen jeden Tag eine Neuigkeit, da er sich an den vorigen Tag nicht mehr erinnern kann.

Am Morgen kommt um neun Uhr eine Schwester des Katholischen Sozialdienstes. Sie weckt Herrn Stehle. Nachdem er aufgestanden ist, bringt sie ihn zur Toilette. Danach wird er an manchen Tagen gebadet. Daraufhin wird er eingecremt, rasiert und angezogen. Dabei ruft er des Öfteren seine Frau, er will ein Taschentuch oder möchte wissen, was man jetzt mit ihm macht. Dann fragt er noch, wo er hingehen soll. Immer wieder fragt er die Schwester, was er ihr schuldig sei, oder wo das Klo sei.

Erst um 10.30 Uhr kommt Herr Stehle zum Essen. Davor muss er aber noch von seiner Frau gemessen und gespritzt werden, denn er leidet unter Diabetes. Vor dem Essen muss er Tabletten nehmen, mehrfach fragt er nach, welche er nehmen muss. Auch während des Frühstücks ruft er die ganze Zeit seine Frau. Es ist für sie unmöglich, etwas auch nur kurze Zeit ohne Unterbrechung zu machen. So wird das Ausfüllen von Formularen zu einer lange dauernden, nervenden Prozedur, da sie ständig aufspringen, nach ihm schauen und Fragen beantworten muss.

Man merkt, wie sie mit den Nerven am Ende ist. Sie erklärt, dass sie jeden Tag an die hundert Mal von ihrem Mann gerufen wird. Damit sie ihm erklärt, was an diesem Tag alles passiert. Sie sagt auch: "Wenn ich am Ende meines Satzes angelangt bin, weiß er manchmal nicht mehr, was ich am Anfang gesagt habe."

Nach dem Frühstück legt sich Herr Stehle erst mal hin und ruht sich aus. Gegen zwölf Uhr ruft ein Verwandter an. Sobald das Telefonat zu Ende ist, fragt er, wer gesprochen hat. Nachdem er die Antwort gehört hat, fragt er mit zorniger Stimme, was dieser Mann jetzt schon wieder wolle. Es dauert ein paar Minuten, bis sein Zorn verflogen ist. Danach muss Ursula Stehle für eine halbe Stunde zum Arzt. Wenn sie außer Haus geht, muss sie ihm mindestens zweimal erklären, was sie jetzt macht und vor allem, was er jetzt zu tun hat. Manchmal will er sie dann gar nicht allein gehen lassen. Doch wenn er dann mit geht, dauern alle geplanten Dinge mindestens viermal so lange. Dies hängt auch damit zusammen, dass er nur noch sehr langsam laufen kann. Er beschäftigt sich auch ständig mit Sachen, die für andere Menschen kaum Bedeutung haben, so überprüft er unzählige Male, ob er seinen Geldbeutel dabei hat oder nicht. Mehrfach wird auch überprüft, ob auch ganz sicher der Fernseher oder der Herd aus sind. Wobei der Standby-Modus nicht erlaubt ist. Aber vor allem geht er noch mehrfach zur Toilette.

Man merkt, dass der alte Herr nicht weiß, was er tun soll. Zuerst lässt er sich von seinem Enkel eine Weinflasche holen. Doch nachdem die Flasche geöffnet ist und er sich ein Glas voll eingeschenkt hat, muss er wieder auf Toilette. Als er zurück ist, weiß er nicht mehr, dass er sich einen Wein eingeschenkt hat. Ins Wohnzimmer, wo noch das Weinglas steht, kommt er mit einer Apfelsaftflasche zurück. Dann entscheidet er sich doch wieder für seinen Wein. Immer wieder fragt er seinen Enkel, wo seine Frau sei und wann sie wieder komme. Dabei regt sich Herr Stehle schon wieder auf. "Wie kann man nur einen Arzttermin auf 12 Uhr legen?" fragt er mit lauter und zorniger Stimme. Diesen Ärger bekommt seine Frau zu spüren, als sie um 12.15 Uhr anruft. Sie versucht ihn zu beruhigen, was nur dazu führt, dass er sich noch mehr aufregt. Plötzlich fragt er dann: "Wo bist du und wann kommst du wieder?"

Als Ursula Stehle 20 Minuten später nach Hause kommt, wird sie zuerst von ihrem Mann gefragt, wo sie war und wann es Essen geben würde. Während des Essens wird wenig gesprochen. Herr Stehle sagt bloß, dass er so etwas nicht mehr mitmachen würde. Als seine Frau ihn fragt, was er denn nicht mehr mitmachen würde, weiß er keine Antwort. Dann erzählt der Rentner von seinen Kopfschmerzen und dass es ihm heute nicht gut geht. Nach dem Essen legt er sich wieder aufs Sofa, um sich auszuruhen. Dies macht er jeden Tag mehrere Male.

Am Abend wird dann wieder sein Blutzucker gemessen, und er bekommt Insulin gespritzt. Auch zu Abend isst er nicht viel, lediglich ein halbes Brot mit Wurst. Nach dem Abendessen schaut er sich noch die Nachrichten an. Er versteht kaum, von was hier die Rede ist, ein Gespräch darüber scheitert, da er nicht mehr weiß, dass er Nachrichten gesehen hat. Gegen 21 Uhr zieht ihn seine Frau um und bringt ihn zu Bett. Bevor sie sich zu Bett legen kann, kommt ein Ruf aus dem Schlafzimmer: "Ursel, komm schnell her!" Ursula Stehle denkt inzwischen über ein Pflegeheim nach.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Mensch geht
Autor
Adrian Pippert
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Rosenstein-Gymnasium, Heubach
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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