Dirigieren in Nowgorod

In Nowgorod sind die Musiker neugierig. Dort ist so ein großes Interesse da, dass ich gerne die Sachen weitergebe." Christoph Mayer ist Dirigent und Violinist. Er lebt mit seiner Frau, die ebenfalls Musikerin ist, und zwei Töchtern in Rösrath bei Köln und arbeitet projektweise in der 400 Kilometer östlich von Moskau gelegenen russischen Stadt Nischnij Nowgorod. Er ist dort als "Botschafter der historischen Aufführungspraxis" tätig und gibt seine Kenntnisse den russischen Musikern weiter. Mayer ist fasziniert vom Wissensdurst der Mitglieder des Orchesters, mit dem er zusammenarbeitet. "In der Neugierde steckt zugleich eine große Herzlichkeit", sagt der Großgewachsene und jugendlich Aussehende mit einem Lächeln. Der 47-Jährige wurde vor sechs Jahren von einem aus Russland stammenden Bratschisten der Norddeutschen Philharmonie in Rostock gefragt, ob er als Dirigent einem Orchester in Nischnij Nowgorod die historische Aufführungspraxis nahebringen könnte. Dieses Orchester hätte jedoch wenig Geld und könnte ihn nicht bezahlen. Mayer willigte unter der Voraussetzung ein, keine Aufenthalts- und Reisekosten tragen zu müssen. Auf ein Honorar verzichtete er. "Einmal muss man als Musiker in Russland gewesen sein", erklärt er seine Zustimmung. Die Mitglieder des Orchesters Nischny Nowgorod Soloists bemühten sich erfolgreich um Sponsoren. Das Goethe-Institut in Moskau übernahm die Reise- und Hotelkosten. Wenn Mayer in Nowgorod ist, wo im großen Saal des staatlichen Konservatoriums konzertiert wird, stehen ihm fünf Proben zu je dreieinhalb Stunden, eine Hauptprobe und die Generalprobe zur Verfügung. Dies ist im Vergleich zur Probenzeit eines deutschen Profiorchesters relativ viel. Bei der Einstudierung steht die historische Aufführungspraxis im Vordergrund. Warum diese Christoph Mayer so wichtig ist, erklärt er mit einem Vergleich: "Mit der historischen Aufführungspraxis hat man mehr Lebendigkeit in der Musik." Mayer spielt freiberuflich als Violinist in freischaffenden Orchestern. Für das Dirigieren hat sich Christoph Mayer seit der Schule interessiert. In dieser Zeit arbeitete er oft mit Chören zusammen. Orchester zu dirigieren, lernte er bei Bruno Weil in München, der ein international gefragter Dirigent ist. Seitdem Christoph Mayer mit dem Orchester aus Nischnij Nowgorod zusammenarbeitet, hat sich das Orchester stark verändert. "In Russland", sagt er, "spielt man Musik aus allen Epochen in einer extrem romantischen Art." Diese Art des Spielens in eine historisch richtige Form zu bringen, ist Mayer geglückt. Das möchte er nun beim nächsten Projekt im Herbst bei einer Chorarbeit umsetzen. In Nowgorod ist mittlerweile aus einem Konzert ein ganzes Festival geworden, das vier Konzerte umfasst. Dabei kann Mayer in einer Form experimentieren, die ihm in Deutschland bisher versagt geblieben ist. So führte er im Herbst 2009 in Nowgorod die eigens von ihm geschriebene Oper "Scipolo oder die Macht der Musik" nach Händel auf. "Jetzt ist es wieder so spannend, dass ich es mir für die nächsten Jahre vorstellen kann, dort zu arbeiten."

Informationen zum Beitrag

Titel
Dirigieren in Nowgorod
Autor
Leonard Busmann. Freie Waldorfschule, Bergisch Gladbach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2010, Nr. 172 / Seite N6
Projekt
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