Man brettert an so viel Weltgeschichte vorbei

Es ist klein, rot und eine Mischung aus Tour de France und asiatischer Kultur. Etwa 100 Fahrradrikschas beleben das Stadtbild Berlins. Michael Weidler ist einer der Fahrer, und das aus Leidenschaft. Nach seiner Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauingenieur arbeitete der 58-Jährige lange Zeit als Gärtner und fuhr privat seinen heißgeliebten Mercedes, den er 1990 verkaufte. Seitdem lebt Weidler ohne eigenes Auto in der Hauptstadt. Um unabhängig von öffentlichen Verkehrsmitteln zu sein, ist er nun auf seine eigenen drei Räder umgestiegen. Mit einem Kollegen teilt er sich das etwa drei Meter lange Gefährt. "Als eines Tages Ebbe in der Kasse war, musste ich mir was einfallen lassen", und so machte der junggebliebene Michael Weidler sein Hobby zum Beruf. Fahrradfahren, um Geld einzunehmen, die Gleichung sollte aufgehen. Nun ist er schon die dritte Saison dabei, sportlich sein Geld zu verdienen. Seinen ersten Winter fuhr er vergangenes Jahr. Der Klettverschluss hält die Plastikfenster an dem Gehäuse und macht die Rikscha winterfest. Trotz eisiger Temperaturen lief das Geschäft gut. "Berlin als Winterlandschaft ist noch einmal etwas ganz Besonderes." Eine Rikschafahrt ist bei jedem Wetter ein Erlebnis, auch zur Hochsaison im Sommer. Über die Busspur flitzend, vor roten Ampeln hart bremsend, ein Hauch von Taxiverfolgungsjagden aus Actionfilmen begleitet die Reise. Während der Fahrt wird die Tür geöffnet, um einem nebenstehenden Autofahrer eine Wegauskunft zu erteilen. Sehr gute Stadtkenntnisse sind genauso Voraussetzung für den Kultjob wie spontane Entscheidungsfreude. Ob rechts oder links an der Schlange wartender Autos vorbei oder doch lieber querdurch in die nächste Häusergasse, um schnellstmöglich das angesteuerte Ziel zu erreichen, solche Entscheidungen trifft Michael Weidler bei nahezu jedem Tritt in die Pedale. Dann geht es weiter. Die beliebteste Strecke sei zwischen den beiden Hauptstellplätzen Fernsehturm und Brandenburger Tor entlang. "In Mitte gibt's einfach unermesslich viel zu sehen. Man brettert an so viel Weltgeschichte vorbei." Und dies nutzt Michael Weidler gerne, um all das, was nicht in jedem Reiseführer zu finden ist, über die historischen Gebäude zu erzählen. Dass riesige Mengen russischer Landerde in die Hauptstadt geliefert wurden, um die heute golden glänzende Botschaft auf russischem Boden zu erbauen, ist eine seiner Geschichten. Ein kurzer Schulterblick und schon geht es über die dreispurige Karl-Liebknecht-Straße, über die Mittelspur, hinein in den Gegenverkehr und zurück zum Ausgangspunkt. Gerne lässt Michael Weidler seine Gäste auch in die Eingangshalle des Radisson Blu Hotels springen, damit sie dort den großen Aquariumturm bewundern können. "Wenn sie dann mit einem Lächeln auf mich zukommen und einsteigen, hat sich alles gelohnt", sagt Weidler. Jede seiner Fahrten sei ein Unikat: "Ich stelle mich immer auf meine Gäste ein, ob der Schwerpunkt der Fahrt Politik, Architektur oder Stars und Sternchen in der Hauptstadt sein soll, liegt ganz bei ihnen." Michael Weidler lebt mit seiner Frau in Berlin. Sie geht halbtags arbeiten, und der erwachsene Sohn verdient seinen eigenen Lebensunterhalt. Michael Weidler selbst hat derzeit kein weiteres finanzielles Standbein. Von Zeit zu Zeit hat der engagierte Familienvater kleinere Nebenjobs, zuletzt war er in der Versicherungsbranche tätig. Momentan konzentriert er sich jedoch ausschließlich auf das Rikschafahren. Er nimmt durch den Beruf des Rikschafahrers im Durchschnitt zehn Euro die Stunde ein. "Aber das ist dann wirklich schön verdientes Geld", sagt der sportlich gekleidete Kutscher. In seiner schwarzen Radlerhose, dem grauen Zipper und den neongelb-grün-schwarzen Sportschuhen unterscheidet ihn einzig das kurze graue Haar von den studentischen Wochenendfahrern, die es in der Universitätsstadt Berlin zuhauf gibt. Diese besitzen meist keine eigene Fahrradrikscha, sondern leihen sie sich bei den drei Verleihfirmen in der Stadt für ihren Wochenendjob aus. Mit Michael Weidler hat man einen gut trainierten Fahrer vor sich. "Den ganzen Tag Fahrradfahren und das mit zusätzlichem Gewicht auf der Rücksitzbank stärkt die Muskeln und hält jung." Diese körperliche Anstrengung werde in der heutigen Zeit jedoch entschärft durch den Gebrauch eines Elektromotors in der Fahrradrikscha. "Durch ihn ist jeder Gast gleich schwer." Das Geräusch des Motors geht in dem Lärm der Großstadt geschlossen unter. Wenn Weidler schlafen geht, kommt seine rote Rikscha an die Steckdose. So ist es auch bei den zahlreichen Kollegen. Man kennt sich von gemeinsamen Events. "Von Zeit zu Zeit gibt es Großaufträge, zum Beispiel Betriebsausflüge, so kommen schnell 80 Rikschas vor dem Reichstag zusammen." Auch an den Knoten- und Angelpunkten der Stadt, den Ausgangspunkten der Rikschatouren, trifft man sich und wartet gemeinsam auf Gäste. Es herrscht eine freundschaftliche Atmosphäre, man unterhält sich und genießt es, an der frischen Luft zu sein. Ob der nächste Gast, der auf der rund einen Meter breiten Rücksitzbank Platz nimmt, ein Tourist oder ein waschechter Berliner ist, macht für Michael Weidler keinen Unterschied. "Meist sind es jedoch Touristen", sagt er und tritt mit neuem Schwung in die Pedale.

Informationen zum Beitrag

Titel
Man brettert an so viel Weltgeschichte vorbei
Autor
Susanne Grüner, Friedrichsgymnasium, Herford
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2010, Nr. 184 / Seite N6
Projekt
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