Arbeitsreiche Ferien mit Native Speaker

Annika reiste zum Englischlernen nach Eastbourne. Sieben Stunden Shoppen in London waren zu kurz.

Keep calm and carry on. Das heißt so ungefähr "ruhig bleiben und weitermachen". Nach der britischen Lebensweisheit richten sich auch die Bewohner von Eastbourne. Die Stadt wird von ihren 95 000 Bewohnern liebevoll The Sunshine Coast genannt. Sie liegt im Süden Englands direkt am Meer und hat mit die meisten Sonnenstunden im Land. Jedes Jahr finden dort etwa 6000 deutsche Sprachschüler der Organisation Jürgen Matthes (JM) ein Zuhause in Gastfamilien. So wie Annika Namyslo, 15 Jahre alt, aus Aschaffenburg, die zehn Tage ihrer Osterferien in Eastbourne verbrachte. Sie lebte bei Sarah und Rossano Brooman, der Tochter Lauren und der Katze Amy.

Mit ihrer Gastfamilie war die Schülerin aus Franken zufrieden, obwohl vor dem ersten Treffen etwas Angst im Spiel war, nach dem, was sie von Freunden über englische Familien gehört hatte: Kleine Häuser, kleine Zimmer, schlechtes Essen, unhygienisch. Nur das kleine Haus und Zimmer traf bei ihr zu, was sie aber eher als süß empfand.

Viel Zeit verbrachte Annika ohnehin nicht daheim, denn das Programm war straff: Unterricht, Ausflüge, Partys und andere Aktionen. Am ersten Tag der Sprachreise gab es eine Vollversammlung mit allen Schülern. Alle bekamen für 18 Pfund eine Busfahrkarte, und es gab viele Informationen. Danach wurden die Schüler von ihren Betreuern zum Eastbourne College begleitet, wo sie von ihren Lehrern in die Klassenzimmer geführt wurden.

Das College ist nur eine der Schulen in Eastbourne, die die Organisation während der Ferien für ihre Schüler mietet. Annika besuchte die Klassen 14a und 16c. "Außer an den Tagen, an denen wir nach London gefahren sind, hatte ich immer vier Schulstunden, sogar am Wochenende. Ich war mit meiner Klasse echt zufrieden und habe nette Leute kennengelernt. Meine Lehrerinnen Rema und Michelle waren sehr sympathisch, wir durften die Lehrer sogar beim Vornamen nennen."

Annikas Lehrer waren Native Speaker und verstanden kein Deutsch. "Wir hatten gar keine andere Wahl, als im Unterricht Englisch zu reden. Wenn wir mal nicht wussten, wie wir etwas ausdrücken sollten, gab es den sogenannten German corner, eine Ecke, in der man Deutsch reden durfte und die anderen einem halfen, das Gesagte ins Englische zu übersetzen."

Außer den Unterrichtsstunden gab es die Ausflüge nach London und Brighton. In der Hauptstadt fuhren die Schüler in einem Reisebus an Sehenswürdigkeiten wie dem Big Ben und der Tower Bridge vorbei. "Meine Betreuerin Lina Gringel gab uns viele interessante Informationen über die Stadt. Aber das Problem war, dass wir eben in einem Reisebus saßen und wir dadurch meistens nicht gerade gute Fotos schießen konnten", kritisiert Annika und zeigt ein paar verwackelte Bilder. Auf den meisten von ihnen sieht man mehr von den im Reisebus sitzenden Schülern als von den Sehenswürdigkeiten.

Bei Madame Tussauds gab es einen Zwischenstopp. "Ich glaube, ich habe noch nie so eine lange Schlange gesehen, wir konnten zum Glück durch den Gruppeneingang, was ein bisschen Zeit sparte." Trotzdem stellte sich die Schülerin eineinhalb Stunden in die Schlange und war enttäuscht. "Leider muss ich sagen, dass es sich nicht wirklich gelohnt hat, da es drinnen richtig voll war und wir nicht viel Zeit bekommen haben, um durchzulaufen. Aber ich will nicht meckern, es gab auch Schüler, die noch viel länger als ich anstehen mussten und so gut wie nichts von den Wachsfiguren mitbekommen haben. Zum Glück war der Preis für die Tickets inbegriffen, sonst hätte ich mich wirklich geärgert." Zwei Tage später ging es wieder nach London, aber diesmal, um shoppen zu gehen. Sieben Stunden sind eine lange Zeit, jedoch nicht, wenn man in London shoppen gehen will. "Ich bin sofort zur Oxford Street gelaufen. Habe sie auch relativ schnell gefunden, nachdem mir Lina den Weg beschrieben hat, aber trotzdem habe ich es nur geschafft, in fünf Läden zu gehen. Die Läden sind so groß, ich glaube, wenn man nicht dort war, glaubt man das gar nicht, und wenn man nur die kleinen Läden aus Deutschland kennt, ist man wirklich erst einmal überfordert. Trotzdem war der Shopping-Tag der beste von allen Ausflügen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich ein Mädchen bin."

Der letzte größere Ausflug mit dem Reisebus ging für die Schüler am nächsten Tag nach Brighton mit seinem berühmten Pier. Die restlichen Tage genoss Annika mit anderen Schülern in Eastbourne. "Wir fuhren manchmal an den Pier, setzten uns in eins der vielen Cafés oder liefen einfach durch die Stadt. Besuche im Kino oder Schwimmbad waren eine nette Abwechslung. Der einzig blöde Tag war der Ostersonntag, es regnete zum ersten Mal, und alle Geschäfte waren geschlossen. Leider waren die Angebote an diesem Tag auch nicht gerade dem Wetter angepasst. Volleyball- und Fußballturnier und eine Rallye - alles unter freiem Himmel. Aber so fuhr ich auch mal früher heim und verbrachte etwas Zeit mit meiner Gastfamilie."

Die Mottopartys, die für die Schüler angeboten wurden, seien zwar gut organisiert, aber Annika meint, dass Jürgen Matthes sich mit dem Spruch "Das wird die Party eures Lebens" etwas übernommen habe. "Für Kinder unter 13 Jahren war das vielleicht etwas Besonderes, aber wenn alle um 22 Uhr wieder mit dem Bus abgeholt und heimgefahren werden, ist man schon etwas enttäuscht." Am Tag vor der Abreise versammelten sich alle Schüler und Betreuer, um sich Fotos anzusehen. Danach wurde besprochen, wie die Schüler sicher zurück nach Deutschland kommen, welcher Reisebus und welcher Betreuer die Schüler wohin bringt und wann die Abreise überhaupt losgeht. "Ein bisschen nervig war das schon, weil schon alle wichtigen Informationen auf den Zetteln standen, die wir bei der ersten Vollversammlung erhalten hatten."

Jürgen Matthes konnte es natürlich nicht lassen, nochmals Werbung zu machen und die Schüler, indem er ihnen zur Belohnung fünfzig Euro versprach, dazu zu bringen, ihre Freunde von seiner Organisation und einer Sprachreise mit dieser zu überzeugen. "Ich hatte eine schöne Zeit in England und musste mir keine Sorgen darüber machen, wie man das alles organisiert", sagt Annika.

Informationen zum Beitrag

Titel
Arbeitsreiche Ferien mit Native Speaker
Autor
Lisa Namyslo
Schule
Friedrich-Dessauer-Gymnasium , Aschaffenburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2012, Nr. 153, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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