Leben retten ist ihr Hobby

Es ist Sonntagabend, acht Uhr. Die Bewohner der kleinen Gemeinde Sand am Main in Unterfranken sitzen entspannt vor dem Fernseher. Doch bei Familie Beuerlein zerstört ein schriller, lauter Piepton die friedliche Atmosphäre. Sofort bricht Hektik in der kleinen Wohnung aus. Die 40-jährige Romana Beuerlein, die beruflich für das Deutsche Rote Kreuz Kinder zur Schule fährt, und ihr Mann, der Berufskraftfahrer Ralph Beuerlein, ziehen schnell ihre Einsatzkleidung an, die immer griffbereit im Eingang hängt, und springen ins Einsatzfahrzeug, das von der heimischen Feuerwehr gestellt wird. "Wohnen die diensthabenden ,Firsties', die immer zu zweit oder dritt zu einem Einsatz gehen, nicht gerade um die Ecke, kommen sie mit ihren eigenen Privatfahrzeugen zu einem vorher ausgemachten Treffpunkt", erklärt der 41-Jährige. So reicht ein Einsatzfahrzeug. Dieses ist ein normales kleines Auto mit dem Zeichen der örtlichen Feuerwehr, sowie Blaulichtern und dem Zeichen der First Responder, ein weißes Kreuz in einem blauen Kreis. Die First Responder sind keine qualifizierten Rettungskräfte. Sie sind lediglich ein Team, das den Mitmenschen ehrenamtlich helfen will und deshalb für die schnelle Erste Hilfe bis zum Eintreffen eines Krankenwagens ausgebildet wurde. Die Grundausbildung umfasst mindestens 168 Stunden und wird vom Roten Kreuz durchgeführt. Aber warum begeben sich diese Menschen zum Unfallort? "In vielen Notfallsituationen ist der Faktor Zeit entscheidend. Wird das Gehirn beispielsweise nicht richtig mit Sauerstoff versorgt, ist nach zehn Minuten kein Überleben mehr möglich", lautet die offizielle Erklärung auf der Homepage der First Responder. "Vor allem auf dem Land können lange Wartezeiten entstehen, bis ein Krankenwagen mit qualifizierten Ersthelfern und Ärzten eintrifft", sagt die 40-Jährige. "Wir sind manchmal sogar schon eine Viertelstunde vor dem Krankenwagen da." In ihrer Ausbildung lernen die Teilnehmer den Umgang mit den Rettungsgeräten, machen sowohl einen Erste-Hilfe-Kurs als auch eine Sanitätsausbildung und begleiten den Rettungsdienst oder Kollegen der First Responder bei Einsätzen. Sie lernen alles, was im Notfall wichtig sein könnte, um das Leben des Patienten zu retten. Damit man nicht alles vergisst, wiederholt man regelmäßig Teile der Ausbildung. "So fühle ich mich auch sicherer, wenn ein schwieriger Einsatz ansteht", sagt Romana Beuerlein. Die fertig ausgebildeten Ersthelfer haben dieselben Fähigkeiten wie Rettungssanitäter in einem Krankenwagen. Der einzige Unterschied ist, dass die First Responder dem Patienten keine Medikamente geben dürfen. Wenige Minuten nach dem Alarm treffen die Helfer am Einsatzort im nur wenige Kilometer entfernten Knetzgau ein. Ein älterer Herr führt sie zur Patientin, eine ältere Dame mit einem Herzinfarkt. Sie wird zunächst daraufhin untersucht, ob Verletzungen durch einen Sturz entstanden sind. Ralph Beuerlein stellt eine Herzrhythmusstörung fest, der Defibrillator wird geholt, Da ertönt das Martinshorn des Krankenwagens. Die Sanitäter kommen ins Haus und werden vom Ehepaar Beuerlein aufgeklärt, was passiert ist und welche Verletzungen die Dame hat. Ab diesem Zeitpunkt übernehmen die Sanitäter und Notärzte die Patientin. "Ohne unsere Hilfe könnten manche Patienten während der Wartezeit starke Schäden davontragen oder sogar sterben", erklärt Ralph Beuerlein, "Für viele von ihnen ist es ein Glück, dass es uns gibt." Dies ist die Motivation für die meisten der Mitglieder. 1999 kamen Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Sand auf die Idee, eine First-Responder-Gruppe zu gründen. Im August 2000 meldeten sich 13 komplett ausgebildete First Responder zu ihrem ersten Einsatz. Heute gibt es 23. Die einzige Voraussetzung für eine Ausbildung ist die Mitgliedschaft in der Feuerwehr, da die Firsties über diesen Verein organisiert werden. "Die Ausrüstung ist sehr wichtig für uns", macht Beuerlein deutlich. "Allerdings ist sie viel zu teuer, um sie vom Geld der Mitglieder zu bezahlen." Deshalb wird der Verein auch vom Roten Kreuz unterstützt und finanziert sich hauptsächlich aus Spendengeldern. "Das Startkapital haben wir allerdings selbst zahlen müssen. Schließlich musste am Anfang vieles neu gekauft werden wie zum Beispiel die Einsatzkleidung", erläutert seine Frau. Mindestens einmal im Jahr wird eine Haussammlung organisiert. Dies bringt meist auch sehr viel ein. Zusätzlich wurde ein Förderverein gegründet. "Nach einem solch erfolgreichen Einsatz bin ich immer sehr zufrieden mit mir und freue mich, dass wir wieder jemandem helfen konnten", meint Ralph Beuerlein. Seine Frau Romana stimmt ihm zu: "Obwohl ich gerade nach einem Einsatz in der Nacht oft erst mal nur die Beine hochlegen will, freue ich mich immer schon auf den nächsten Einsatz."

Informationen zum Beitrag

Titel
Leben retten ist ihr Hobby
Autor
Nathalie Schnapp. Regiomontanus-Gymnasium, Hassfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2010, Nr. 196 / Seite N6
Projekt
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