Gedanken an den Krieg belasten sie noch immer

Die alte Dame ist 103 Jahre alt und insgesamt guter Dinge
 
Auf dem leeren Flur ertönt ein lautes "Hallo": Eine alte Dame im Rollstuhl wartet geduldig auf Menschen, die sie begrüßen kann. Dass die dünne Dame ihr Aussehen nicht vernachlässigt, deuten ihre Dauerwelle und die rosa lackierten Nägel an. Als ein Mann den Gang entlangläuft, winkt Jeanne Müller (Nachname geändert) ihm mit der Hand zu. Der Unbekannte schenkt ihr ein Lächeln. Frau Müller guckt nun zufrieden in die Luft und faltet ihre beige Hose glatt. Nun bemerkt sie, dass ihr Hemd ein wenig aus der Hose ragt, und beseitigt auch diese Nachlässigkeit. Die 103-Jährige legt großen Wert auf Ordnung und Pünktlichkeit sowie auf einen angenehmen Geruch, daher liegt das Parfum stets für sie parat.

Jeanne Müller lebt im Seniorenheim der Verbandsgemeinde Linz am Rhein. Hier wird sie vor allem wegen ihres Humors geschätzt. Sie albert immer noch gern herum und steckt mit ihrer fröhlichen Art jeden an. Als die Altenpflegerin sie nach ihrem Alter fragt, antwortet sie: "In ein paar Tagen bin ich schon 104." Die Pflegerin erklärt ihr, dass sie erst am 12. Oktober Geburtstag hat. Frau Müller guckt beschämt auf den Boden und flüstert: "Da bin ich schon unten." Ihr muss gesagt werden, dass sie hier keiner missen möchte, denn sie ist für viele eine gute Freundin geworden. Als sie das hört, strahlen ihre blauen Augen, und ihre zarten Hände beginnen noch mehr zu zittern.

Sie erzählt gern von ihrer Kindheit. Doch dann ist da diese Angst, wichtige Details vergessen zu haben. Sie erinnert sich genau an ihren Geburtsort Herresthal. Der Ort gehört heute zu Trier. Und hier hat sie die französische Sprache erlernt. Sie braucht einige Anläufe, bis sie sich wieder entsinnt. Als die Pflegerin sie fragt, ob sie denn nicht aus Frankreich sei, schreit die alte Dame laut: "Nein. Ich komme aus Deutschland, aber da wurde auch Französisch gesprochen." Frau Müller hasst es, wenn man ihr die Antwort vorwegnimmt. An ihre Eltern erinnert sie sich gern. Ihr Vater war Beamter und ihre Mutter Hausfrau, die im Alter von 105 Jahren aus dem Leben schied. Als sie alt und schwach wurden, sorgte die Tochter für ihre Eltern. Bis zum 65. Lebensjahr lebte sie bei ihren Eltern, die sie betreute.

Auf die Frage, was sie für einen Beruf ausgeübt habe, antwortet sie: "Nix."Dann kommt ihr in den Sinn, dass sie beim Roten Kreuz tätig war. "Ich habe Soldaten gepflegt und betreut." Sie verrichtete diese ehrenamtliche Arbeit in Frankreich und erinnert sich an die Flüchtlingsbetreuung: "Ich habe ihnen gerne geholfen und war auch wirklich stolz darauf, ihnen in einer solch schweren Lage helfen zu können." Dennoch war dies die schlimmste Zeit ihres Lebens. Der Zweite Weltkrieg lastet immer noch auf ihr. Sie versucht die Gedanken zu verdrängen, und als sie davon spricht, merkt man ihr an, wie sehr sie noch darunter leidet. "Ich habe gesehen, wie Menschen in einer Reihe standen und man sie alle erschossen hat, schlimm war das." Sie beobachtete das Geschehen mitten auf der Straße, wehrlos und verängstigt. Während sie von dieser Zeit erzählt, zupft sie das Tischtuch zurecht. "Ich war mittendrin", betont sie mehrmals. Dann lenkt sie von diesem Thema ab und erzählt, wie gern sie mit ihrer vier Jahre älteren Schwester gespielt hat. Sie waren bei der Großmutter zu Besuch und spielten "Mensch ärgere dich nicht", "Domino" und Karten. Spiele, die sie auch heute über alles liebt. "Ich lese auch gerne Krimis, jetzt kann ich nicht mehr so gut sehen, deswegen blättere ich einfach die Seiten durch."

Die Schule hat sie nur ein paar Jahre besucht, sie war für den Haushalt zuständig. Dass sie so alt ist, empfindet die stark religiöse Dame als nichts Besonderes. "Das Leben kommt einfach, und ich nehme es so hin." Sie bedauert, dass sie nie eine lange Beziehung hatte. In den Tanzstunden früher gab es einige attraktive Männer, Jeanne Müller sagt, dass sie auch oft verliebt war. Doch es gab keinen Mann, mit dem sie ihre Zukunft hätte verbringen mögen. Auch heute besucht Jeanne noch regelmäßig den Tanzkurs und dreht sich gekonnt mit ihrem Rollstuhl. Früher spielte sie in den Tanzstunden auch oft Klavier.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Gedanken an den Krieg belasten sie noch immer
Autor
Arteida Ganijaj
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2012, Nr. 207, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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