Gelassen durchs Verkehrschaos

Helena Seidel schnappt sich ihr Schulbrot und rennt aus der Wohnung, um ihren Schulbus um 6.30 Uhr zu erwischen, der vor der Haustür hält und sie zur Deutschen Schule Kairo bringt. Seit sechs Jahren lebt sie mit ihren Eltern in der Hauptstadt Ägyptens. "Klar war es eine große Umstellung, hierher zu ziehen. Gestern Frankfurt, heute Kairo, da prallen zwei unterschiedliche Welten aufeinander", erzählt sie nachdenklich, als sie im VW-Bus sitzt, der sie und andere Schüler aus Zamalek, dem Zentrum, zur Schule bringt.

Jochen Seidel, ihr Vater, erhielt 2006 das Angebot, eine Führungsposition in der Zweigstelle seiner Firma in Kairo zu übernehmen. Nach Absprache mit seiner Familie nahm er an. "Am Anfang hatte ich oft Heimweh nach Freunden, Familie oder einfach nur deutschem Brot, so was gibt es hier nämlich nicht", erzählt sie lachend und fährt sich durch die dunkelblonden, langen Haare, "aber jetzt liebe ich Kairo. Hier pulsiert das Leben." Die Straßen sind schon voll mit Menschen. "Ach, das ist nichts, die Schule fängt extra früh an, damit wir morgens nicht in den Stau kommen." Männer, die zur Arbeit wollen, stehen am Straßenrand und winken, um einen Kleinbus oder ein Taxi auf sich aufmerksam zu machen. "In Kairo gibt es nicht diese stupide Ordnung wie in Deutschland. Die Busse halten eben da, wo die Leute auf sie warten. Der Verkehr ist spannend. Aus drei Verkehrsspuren werden meistens sechs gemacht, um sich einen Weg zu bahnen, wird dann halt permanent die Hupe benutzt, das ist hier quasi ein Kommunikationsmittel."

Was für Touristen ein Kulturschock ist, ist für sie inzwischen Normalität. Genauso wie die Esel- und Pferdekarren, die man überall sieht und die Gemüse, Fladenbrote und Gewürze zu den Ständen am Straßenrand bringen. Auch Ziegenherden, die auf den Straßen im Müll nach Essen suchen, sind keine Seltenheit. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt zur Schule. Der Unterricht beginnt um 7.10 Uhr. In der Pause wird Arabisch gesprochen. Die Kinder wohlhabender Familien werden meistens auf private, ausländische Schulen geschickt, um einen internationalen Schulabschluss zu erlangen, unter anderem auch an die Deutsche Schule Kairo. Sie ist an das bayrische Schulsystem angepasst: die gleichen Fächer, das gleiche Notensystem, der gleiche Lehrplan. Die Prüfungsaufgaben für das Abitur müssen in Deutschland abgesegnet werden. Der Schultag dauert meistens bis 14 Uhr.

Der Nachhauseweg dauert viel länger, die Straßen sind voll. Die Temperaturen sind inzwischen bei 30 Grad angelangt. "Das ist ein Nachteil in einem arabischen Land. Egal wie warm es ist, man muss, um kulturell angemessen gekleidet zu sein, Knie und Schulter bedeckt haben", seufzt sie. Ärgerlich fährt sie fort: "Aber verschleiert muss man nicht sein. Immer wieder werde ich gefragt, ob ich hier auch ein Kopftuch oder eine Burka trage, das ist natürlich kompletter Schwachsinn." In Kairo leben etwa 90 Prozent Moslems und nur zehn Prozent Christen oder Juden. Trotzdem sieht man viele unverschleierte Frauen. "Gerade an der privaten ausländischen Schule bilden Kopftuchträgerinnen sogar eher eine Minderheit", erklärt Helena, die mittlerweile auf Arabisch kommunizieren kann. Zu Hause macht sie ihre Hausaufgaben und isst etwas. "Sport kann man hier als Mädchen leider nicht so viel machen. Ich kann nur ins Fitnessstudio gehen, das ist dafür aber richtig klasse, mit einem Pool auf dem Dach und einem riesigen Spa-Bereich." Abends macht sie oft noch was mit Freunden aus ihrem Stadtteil. Im Gegensatz zu ihren Anfangsjahren in Kairo sind diese hauptsächlich ägyptischer Herkunft. "Shisha rauchen ist hier Kult. Wir gehen meistens in ein kleines Café, in dem es gutes Essen gibt. Da lernen wir dann zusammen oder unterhalten uns einfach und haben Spaß."

In Kairo gibt es große soziale Probleme und viel Armut. Rund ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze und kann sich ein Minimum an Nahrung und Obdach nicht leisten. Überall gibt es Armenviertel. "Am gruseligsten ist die Totenstadt. Arme Familien haben sich auf einem Friedhof mitten in der Stadt Hütten auf den Gräbern gebaut." Helenas grüne Augen blicken traurig. "Mit der Zeit ist man zwar abgestumpft, weil man täglich mit dieser Armut konfrontiert wird, aber ganz kann man es nicht verdrängen. Ich werde immer Mitleid haben mit den Frauen und Kindern, die Tempotaschentücher verkaufen. Das Faszinierende ist, dass diese Menschen sich niemals aufgeben."

Ägypter seien sowieso angenehm. "Sie haben irgendwie diesen Mittelmeer-Charakter, locker, spontan, lebendig und sind am liebsten mit vielen Menschen zusammen." Gerne würde sie in Kairo bleiben, wird aber zum Studieren nach Deutschland ziehen. "Ich will irgendwas mit Mathe studieren. Dass ich nach Berlin gehe, ist auch klar. Schließlich ist das wahrscheinlich die lebendigste Stadt in Deutschland, die mich wenigstens ein bisschen an Kairo erinnert."

Informationen zum Beitrag

Titel
Gelassen durchs Verkehrschaos
Autor
Elena Imhof
Schule
Gutenbergschule , Wiesbaden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2012, Nr. 225, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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