Opernsänger müssen flexibel sein

So stellt man sich einen Opernstar nun gar nicht vor: Nicht im Anzug, sondern lässig in ein kariertes Hemd, T-Shirt und Jeans gekleidet sitzt Giorgos Kanaris auf einem der roten Stühle in der Personal-Kantine der Bonner Oper und blinzelt gegen das Sonnenlicht an, das durch die große Glasfront in den kleinen Raum scheint. Der 33 Jahre alte gebürtige Grieche lebt erst seit 2007 in Deutschland, in Griechenland hatte er zuvor zwei Jahre lang in privatem Sprachunterricht Deutsch gelernt. Zurzeit lebt er mit seiner Frau und seiner fünf Monate alten Tochter in Bonn, seit 2009 ist er festes Ensemble-Mitglied der Bonner Oper.

"In meiner Jugend wollte ich zuerst Mathematiklehrer werden", lacht der Bariton mit leichtem griechischen Akzent und ruhiger Stimme. Das Volumen, das sie im Gesang erreichen kann, lässt sich nur erahnen. Die Musik liegt ihm im Blut: Sein Vater war Musiklehrer und Leiter eines Kirchenchors in Athen, in dem Giorgos Kanaris von seinem fünften bis zum achtzehnten Lebensjahr mitgesungen hat, und sein Bruder ist Pianist.

Mit 20 Jahren begann er sein Gesangsstudium am Konservatorium in Athen, das er sich durch Singen im Athener Rundfunkchor finanzierte. 2004 schloss er die Ausbildung mit Diplom ab und erhielt ein Jahr später beim "Grand Prix Maria Callas" einen Sonderpreis in der Kategorie Oratorium/Lied. Dank eines Stipendiums konnte er 2007 eine Meisterklasse an der Musikhochschule München abschließen. Einige Gastengagements führten ihn ans Markgräfliche Opernhaus Bayreuth, zur Ruhrtriennale und an das Opernhaus Kairo, bis er zur Spielzeit 2009/2010 fest an der Bonner Oper angestellt wurde. Dort hat er sich gut eingelebt, 2010 gewann er sogar den Preis der Bonner Opernfreunde, der alle zwei Jahre verliehen wird.

"Bei den Arbeitszeiten muss man immer verfügbar und flexibel sein", sagt der Sänger. Die Probezeiten erfährt er in der Regel eine Woche im Voraus. Zurzeit übt er gleichzeitig für drei verschiedene Stücke. Dafür muss er die musikalischen, szenischen und textlichen Elemente auswendig beherrschen. Die Proben beginnen in der Regel drei Monate im Voraus und werden unterteilt in szenische und musikalische. Bei den szenischen Proben werden alle Darsteller auf der Bühne mit einem Klavier begleitet und üben unter Beobachtung des Regisseurs die Bewegungen im Zusammenspiel mit ihrer Stimme.

Bei der Aufführung von Mozarts "La Finta Giardiniera" im Bonner Opernhaus bestand das Bühnenbild aus vielen Treppen, und die Darsteller kletterten während des Gesangs über die verschiedenen Ebenen der Bühne, was die Beherrschung der Stimme um einiges erschwert. Das Schauspiel ist ein wichtiger Aspekt der Oper, den die Sänger zusätzlich beherrschen müssen. Bei den musikalischen Proben übt nur ein Sänger in Begleitung eines Pianisten. Den Text lernt Giorgos Kanaris durch die täglichen Proben, die Noten wiederholt er zu Hause. Bei Erstaufführungen an der Bonner Oper beginnen die Proben sechs Wochen zuvor, bei bereits aufgeführten Opern verkürzen sich die Proben auf zwei Wochen.

Auch in seiner Freizeit hört Giorgos Kanaris häufig Opernmusik, und die Musik vieler Stars des Genres ist ihm vertraut. In seiner Jugend war das allerdings anders. "Man würde in Griechenland ausgelacht werden, wenn man im Auto laut Opernmusik hört", stellt der Sänger fest.

Auch unter Jugendlichen in Deutschland ist diese Form des Gesangs alles andere als cool. Eine Ausnahme ist die 17 Jahre alte Marcella Meier aus Linz am Rhein. Sie nimmt Gesangsunterricht, seit sie sieben Jahre alt ist. "Meine Freunde witzeln gerne über mich, weil ich mich dafür interessiere", gesteht sie, aber viel auszumachen scheint ihr das nicht. Sie steht zu ihrem Musikgeschmack.

"Ich finde es beeindruckend, wie in der Oper wirklich alles genutzt wird, was die menschliche Stimme bietet", schwärmt Marcella mit leuchtenden braunen Augen. Ihrer Meinung nach ist die Oper anderen Musikrichtungen wie dem Pop weit überlegen. "Wenn man einmal weiß, wie viel Arbeit, Training und Zeit dahintersteckt, bewundert man jeden Opernsänger dafür", sagt das brünette Mädchen mit ernster Miene. "Popsongs hingegen bieten nicht halb so viel Anspruch und stellen keine Herausforderung dar", stellt sie fest.

Die vielen Proben und Stimmtrainings-Einheiten sind zeitaufwendig. Auch Giorgos Kanaris hat nicht viel Zeit. Beim Aufstehen wirft er sich die Umhängetasche über die Schulter und eilt durch den langen, kahlen Flur auf eine metallene, grüne Tür zu, auf zur nächsten Probe.

Informationen zum Beitrag

Titel
Opernsänger müssen flexibel sein
Autor
Ingken Knöpfler
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2012, Nr. 272, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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