Vier Jahre lang führte Marius ein Doppelleben

Ein Mann mittleren Alters lehnt rauchend an einem Chevrolet Kombi aus den siebziger Jahren. Er trägt zerrissene Jeans, ein Karohemd und Stiefel mit langen Spitzen aus grünlich schimmerndem Schlangenleder. Seine Haare sind zerzaust, und er hat einen Dreitagebart, der auch älter als drei Tage sein könnte. Außerdem trägt er ein eher altes Brillenmodell aus Draht. Er besitzt eine kleine Tischlerei, in der er unter anderem Küchen und Bäder entwirft, die er dann in seinem Geschäft in Nürnberg verkauft. Marius Müller (alle Namen sind geändert) hat ein großes Faible für Autos. Seine beiden Söhne Philipp Andersen und Julius Müller, die 15 und 25 Jahre alt sind, stammen aus verschiedenen Beziehungen. Der jüngere Sohn Philipp stammt aus der damals aktuellen Beziehung mit der 42-jährigen Sabine Andersen. So war der Stand vor sechs Jahren. Nun sieht das Leben des 45 Jahre alten Marius Müller anders aus. Er hat seine Haare lang wachsen lassen, hält diese mit einem Haarreifen zurück, lackiert sich die Fußnägel und hat seine Brille gegen ein Frauenmodell ausgetauscht. Außerdem ist unter seinem T-Shirt ein Brustansatz zu erkennen.

Bis zu diesem Zustand war es ein langer Weg. Die Beziehung zu seiner Frau Sabine hat er beendet und mehrere Affären mit Männern angefangen. Abends kleidete er sich als Frau und zog so durch die Szene Nürnbergs. Vier Jahre lang führte er ein Doppelleben, bis ihm das nicht mehr gelang. Vor drei Jahren deckte er seine Geschichte auf. Er ist nicht homosexuell und auch kein Transvestit. Er will eine Frau sein. So entschied er sich für eine Geschlechtsumwandlung. Jedoch spricht er von einer Geschlechtsangleichung, eine Angleichung an sein Körpergefühl. An das Gefühl, eine Frau zu sein.

Doch wie begann dieses Leben? Der kleine glückliche Junge, der mit seinem Bruder allerlei Blödsinn anstellte, konnte mit seiner körperlichen Veränderung in der Pubertät nicht umgehen. Damals wollte er seinen Penis mit Zaubersprüchen wegbeschwören, groß war die Enttäuschung, dass es ihm nie gelang. Dann fing er früh an mit Mädchen rumzumachen. Das jedoch nicht, weil er sie sexuell anziehend fand, sondern, weil er neidisch war. "Neidisch auf die Schönheit ihres Körpers", sagt Marius Müller. Sein erster Gedanke war, dass er homosexuell ist, und so hatte er schon mit 14 Jahren seinen ersten Freund. Aber auch das fühlte sich für Marius nicht richtig an. Er probierte vieles aus. Mit 20 Jahren heiratete er. In dieser Ehe entstand der erste Sohn Julius. Die Ehe hielt nur wenige Jahre. Schon früher hatte er Frauenkleidung angezogen, die er jedoch schnell wieder entsorgte, um sich dann wieder neue zu besorgen.

Er lebte ein Leben der Extreme und versuchte gegen jegliches Anzeichen einer Transsexualität anzukämpfen. Er war die Männlichkeit in Person, das frühe Vaterwerden, die vielen Autos und auch sein dringender Wunsch nach Einberufung in die Bundeswehr. Damals wollte er es genauso. "Mir war jedoch nicht klar, dass mehr dahintersteckt, und so dachte ich nur, dass ich ein wenig pervers sei wegen der Frauenkleidung und einfach irgendwie nicht richtig dazugehöre." Sein Leben bestand bis vor sechs Jahren aus sich abwechselnden Phasen. Es gab Tage, an denen er sich mit diesem Unwohlsein abgefunden hatte und alles in Ordnung war. Jedoch hielten diese nicht lange an. Oft genug kamen Phase,n in denen sich alles falsch anfühlte, dieses Gefühl jedoch nicht richtig greifbar war. Irgendwann wurde es ihm unmöglich, dieses Leben weiterzuführen. Nach der Trennung von Sabine Andersen fiel ihm das Leben jedoch auch nicht leichter. "Ich wurde einsam, und immer war die Angst da, entdeckt zu werden." Auch diese drei Jahre, bis er sich dazu entschied, sich einer Geschlechtsangleichung zu unterziehen, waren hart für ihn. Der Entschluss hatte weitreichende Konsequenzen. So ziemlich alle, die davon erfuhren, fühlten sich wie vor den Kopf gestoßen. Zum Beispiel sein älterer Bruder Ronald, der sich "auf gewisse Weise im Stich gelassen fühlt". Auch wenn Ronald dieses Gefühl nicht näher erklären kann, weiß er, dass er seinen Bruder nicht verlieren wird. Marius' jüngerer Sohn Philipp, der nicht viel älter ist, als Marius selbst war, als bei ihm damals der Prozess seiner Verunsicherung begann, kommt relativ gut mit dieser Veränderung zurecht. Marius ist immer noch ein Vorbild und gehört zur Familie. "Ich hatte das Gefühl, dass Philipp nur mich als Mensch gesehen hat."

Sein anderer Sohn Julius hatte weit mehr Schwierigkeiten. Seinen Vater zu verlieren und durch eine weitere Mutter zu ersetzen fiel ihm schwer. Julius Müller vermisse ihn als ein männliches Vorbild. Die Beziehung zu Sabine wird wahrscheinlich wieder beginnen, zumindest haben beide den Wunsch. Obwohl sie auch ein Jahr lang damit zu kämpfen hatte, kann sie sich wieder eine Beziehung vorstellen. Marius' sexuelle Orientierung ist nicht wirklich zu definieren: Als Frau steht sie auf Männer. Jedoch ist er eigentlich für beide Geschlechter offen.

Den Mut, sich nun einer Geschlechtsangleichung, den komischen Blicken und den geschockten Gesichtern seiner Freunde und Familie auszusetzen, hat er durch den Tod eines Freundes bekommen. Damals war er 42, und es hat ihm gezeigt, wie schnell das Leben vorbei sein kann. "Ich wollte nicht als Marius beerdigt werden. Ich wollte, dass meine Freunde und Familie die Chance haben, mich so kennenzulernen, wie ich mich fühle." Diese Chance begann nach einer psychologischen Begutachtung Anfang 2011. Seitdem findet eine Hormonbehandlung statt, die oft zu Stimmungsschwankungen führt. Demnächst will er die entscheidende Genitaloperation durchführen lassen.

Dieser ganze Prozess hat Marius Müller zu einem neuen Menschen gemacht. Sein neuer Name ist Klaudia. Doch bis sich alle an diesen neuen und doch irgendwie immer noch gleichen Menschen gewöhnen, ist es ein langer Weg. Die meisten männlichen Freunde aus früheren Zeiten kommen nicht mit der neuen Freundin zurecht. Also meiden sie den Kontakt oder brechen ihn ab. Frauen sehen sie auch nicht als eine richtige Frau an, sondern als einen Mann, der eine Frau sein will.

Dann geht es aber auch um ein Selbstbild. Sich selbst als einen neuen Menschen zu sehen ist nicht leicht, auch wenn es der größte Wunsch war. Sich selbst an ein neues Spiegelbild zu gewöhnen ist eine große Umstellung. Jedoch sagt Klaudia selbst, dass es der richtige Weg für sie war. "Nun bin ich zum ersten Mal ich selbst und muss mich nicht mehr verstecken." Nur die verlorene Zeit sei im Rückblick ärgerlich. Jetzt sei es jedoch noch nicht zu spät.

Informationen zum Beitrag

Titel
Vier Jahre lang führte Marius ein Doppelleben
Autor
Nina Sophie Marquardt
Schule
Lilienthal-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2012, Nr. 284, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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