Offenheit macht ihn frei

 
Ein junger Mann sitzt ruhig, aber doch aufgeregt mit übergeschlagenen Beinen am Tisch. Seine hellbraunen Haare sind modisch kurz geschnitten. Jeans und T-Shirt sind eng. Trotzdem ist nichts an ihm anders oder merkwürdig. Finn Hansen (Name geändert) ist homosexuell, und obwohl das nicht immer einfach ist, ist er glücklich darüber, offen damit umzugehen. Sein Kleidungsstil ist modisch, doch nicht unbedingt auffällig. "Ich habe schon immer gerne körperbetonte Kleidung getragen. Meinen Stil, so wie er ist, hatte ich schon von Anfang an, auch als ich noch nicht wusste, dass ich homosexuell bin."

Schon früh, nämlich mit 14, stellte Finn fest, dass er schwul ist. Er war immer weniger an Mädchen interessiert, obwohl er zuvor auch feste Freundinnen hatte, und fand Jungs spannend. Das waren für ihn die ersten Anzeichen, doch brauchte er noch etwas, um sich über eine so große Veränderung seines Lebens klarzuwerden. Für den 18-Jährigen aus Schleswig-Holstein war diese Situation schwierig. Er wollte erst nicht, dass jemand das bemerkt. Wenn er Jungs nur hinterherschaute, hatte er Angst, dass irgendjemand das sehen könnte. Mit 16 Jahren überwand er seine Angst und meldete sich auf einer Schwulenplattform im Internet an.

Dort lernte er einen gleichaltrigen Jungen aus Berlin kennen, durch den er Mut fand, zumindest auf solchen Seiten offen mit seiner Neigung umzugehen. Die beiden begannen zu mailen, zu telefonieren und wollten sich dann auch treffen. So sprach Finn mit seiner Mutter darüber, ob ihn sein Freund Kevin aus Berlin besuchen dürfte. Diese ahnte nichts von den wirklichen Beweggründen und vertraute ihrem Sohn.

Schließlich erwartete Finn seinen Besuch am Bahnhof in Hamburg. "Es war Liebe auf den ersten Blick. Wir umarmten uns und verweilten so einen Augenblick, allerdings nicht zu lange, weil wir keine Aufmerksamkeit erregen wollten." Ein Wochenende blieben sie zusammen. Als Kevin abreiste, fuhr Finns Mutter Kevin zum Bahnhof und fragte ihren Sohn auf der Rückfahrt, ob Kevin schwul sei. Zuerst behauptete Finn standhaft das Gegenteil. Dann aber sagte er die Wahrheit. Er war nervös. Schließlich fragte ihn seine Mutter, ob auch er schwul sei. "Ich wollte in diesem Moment die Wahrheit sagen, und so gab ich es zu. Dann entschuldigte ich mich, ich weiß selbst nicht, warum." Seine Mutter parkte am Straßenrand, umarmte ihn, begann aber auch zu weinen. "Sie sagte, dass sie keine Enkelkinder von mir bekommen würde und sich schon drauf gefreut hätte. Ich war so erleichtert, dass ich lächelte und ihr sagte, meine zwei Geschwister würden das schon schaffen."

Ein Jahr später beschloss er, sich in der Schule zu outen, nachdem nach und nach Familie und Freunde davon erfahren hatten. "Es war gar kein Problem, ich war genauso beliebt wie früher. Manchmal hatte ich das Gefühl, sogar noch etwas beliebter zu sein, weil ich so offen und frei damit umgehe."

Natürlich gab es auch unter seinen Freunden einige, die damit nicht zurechtkamen und sich über ihn lustig machten oder sich von ihm abwandten. Er spürt noch zu oft Ablehnung und Skepsis ihm gegenüber, was ihn ärgert. Aber er meint, dass dies dann keine richtigen Freunde seien, denn ansonsten akzeptieren ihn alle so, wie er ist. Selbst neben der Schule. Finn spielt Oboe und beschreibt vor allem Musiker als toleranter. "Es kann immer gut sein, in einem Orchester einen schwulen Musiker zu treffen", erklärt er. In seinem Freundeskreis gibt es eher wenige Homosexuelle, deshalb möchte er später in einer Großstadt wohnen, wo er Kontakte aufbauen kann. Er will sich nicht mehr verstecken, sondern offen damit umgehen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Offenheit macht ihn frei
Autor
Birthe Dittberner
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2012, Nr. 284, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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