Die Gäste arbeiten mit


Es dauert ein bisschen, bis man das Kölner Obdachlosenzentrum Gulliver findet. Der Weg führt am Hauptbahnhof und ein Stück unter der Hohenzollernbrücke entlang, an parkenden Autos und rostigen Baugerüsten vorbei. Vereinzelt kommen einem Menschen mit Schlaf-, Rucksäcken und Decken entgegen. Auch vor der Tür des Gulliver sitzen während der Mittagspause der Einrichtung Obdachlose und warten, bis die Eisenkette vor der Tür weggenommen wird. Es ist unangenehm, ins Gulliver hineinzugehen, man wird von allen Seiten her angesehen, und eine Mischung von Zigarettenrauch, Alkohol und Urin schlägt einem entgegen.

Es geht eine Steintreppe hoch. Es riecht nach Kartoffeln. Schalen liegen auf dem Boden. Vor der Tür des Büros tummeln sich zwei schwarze Labradore. Drinnen an einem Schreibtisch sitzt ein dunkelhaariger Mann im roten Karohemd. Der 35 Jahre alte Diplom-Sozialpädagoge Sebastian Ebert arbeitet seit fünf Jahren hauptamtlich im Gulliver.

Er mag seine Arbeit, weil ihm das Konzept gefällt: Hier werden Gäste zu Mitarbeitern. Die Obdachlosen helfen in der Einrichtung mit, haben sogar bestimmte Arbeitszeiten, in denen sie auch in der Einrichtung sein müssen, um mit anzupacken. Dadurch soll bei ihnen ein Gefühl des Gebrauchtwerdens und der Verantwortung hervorgerufen werden; es soll helfen, aus der Arbeitslosigkeit herauszufinden, sich einen Tagesrhythmus aufzubauen und vor allem neues Selbstbewusstsein zu gewinnen. Außerdem können sie in der Einrichtung waschen, duschen, sich ein Postfach einrichten, ihr Handy aufladen, schlafen, essen, aber auch mit anderen Besuchern oder Mitarbeitern Gesellschaftsspiele spielen und natürlich reden.

Unter den Besuchern sind Jugendliche, ältere Obdachlose, Drogenabhängige und Ausländer, die nach Deutschland kamen und jetzt keine Wohnung finden. Das Gulliver ist oft ihre erste Anlaufstelle im Kölner Hilfesystem. Dazu trägt nicht zuletzt die zentrale Lage am Kölner Hauptbahnhof bei.

Natürlich gibt es in der Einrichtung auch Probleme, zum Beispiel, wenn Mitarbeiter nicht rechtzeitig oder auch gar nicht erscheinen. Dann gibt es wie an anderen Arbeitsplätzen eine Abmahnung, aber auch Stress mit den Mitarbeitern. Denn bei längerer Abwesenheit einer Person würden das Zusammenspiel im Team und so die gesamte Einrichtung nicht funktionieren, was eine Schließung zur Folge hätte. Dies führt oftmals zu Reibereien zwischen Mitarbeitern.

Einige leben auf der Straße, weil es ihr Lebensgefühl ist, weil sie ihre Freiheit lieben, sagt Ebert. Andere wollen eine Wohnung, werden aber von den Kriterien des Arbeitsamts gehindert oder haben gewisse Ansprüche, das heißt, sie wollen nicht im erstbesten ,,Rattenloch" leben. Manche, die sich Mühe geben und den nötigen Antrieb haben, haben Glück. Einige Mitarbeiter haben sich an das Amt gewandt, eine Wohnung gefunden und sich langsam ein neues Leben aufgebaut.

Auf die Frage, ob sich einige Obdachlose für ihr Schicksal schämen, antwortet Ebert mit einem klaren ,,Ja". Die meisten wollen nicht, dass frühere Freunde und die Familie, zu denen sie vielleicht keinen Kontakt mehr haben, etwas von ihrem Leben auf der Straße erfahren. Deshalb haben sie es auch nicht gerne, wenn Fernsehteams die Einrichtung filmen, um das Leben der Obdachlosen zu dokumentieren.

Wenn Ebert von den Obdachlosen spricht, redet er in der Wir-Form. Bei ihm gibt es keine Abgrenzung, auch den Klischee-Obdachlosen gibt es nicht. Natürlich gibt es trotzdem Vorurteile, die zutreffen und die man laut Ebert ernst nehmen sollte. Ebert versteht die Menschen, die sich über Obdachlose wegen öffentlicher Belästigung oder Vandalismus und Gewalt beschweren. Andere Menschen seien aber offener. Zum Beispiel eine Mutter im Park, die von einem Obdachlosen mit dem Vorbehalt, er wisse, er sehe nicht vertrauenerweckend aus, darum gebeten wird, mit ihrem Sohn und seinen Freunden Fußball spielen zu dürfen. Sie sagt ja, der Obdachlose ist glücklich. Und die Kinder sind ohnehin frei von Vorurteilen dem Obdachlosen gegenüber.

Im Gulliver konzentriert man sich jedoch auf Einzelschicksale. Das Verhältnis unter den Mitarbeitern ist gut, und zu vielen hat Ebert einen engen Kontakt. Mit Mitleid komme man in so einem Beruf nicht weiter, sagt er: "Wenn Betroffene weinen, nützt es ihnen auch nichts, wenn ich mitweine." Mehr geholfen wäre den Betroffenen in so einer Situation mit Zuhören, Verstehen und Reden. Was er an der Gesellschaft verändern will, weiß Ebert nicht direkt. Er wünscht sich, dass nichts kaputtgespart wird und dass der Staat das Geld für sinnvolle soziale Einrichtungen nutzt, wie Gulliver eine sei. Vor der Tür liegen noch immer die zwei Hunde, aber anders als beim Eintreten ist die Überlebensstation jetzt voll. Menschen reden, lachen und essen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Gäste arbeiten mit
Autor
Lea Delfmann
Schule
Ursulinengymnasium , Köln
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2013, Nr. 7, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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