Die Ladiner sind mit ihrem Latein noch nicht am Ende

Die Dolomiten. Wie steinerne Kathedralen ragen sie in den Himmel, manchmal vom Nebel verschwommen, bei Sonnenuntergang von prächtigen Farben umgeben. Zwischen diesen Kolossen wird die Ruhe vom Stimmengewirr der Touristen durchbrochen. Längst sind die Dolomiten ein Synonym für Freizeit und Erholung. Aber trotz der zahlreichen fremden Einflüsse und der radikalen wirtschaftlichen Umwälzung konnten die ladinischen Täler viele ihrer Besonderheiten erhalten. Das gilt auch für ihre Sprache.

Die Touristen werden neugierig, wenn sie diese fremden Laute, von denen sie keinen einzigen verstehen, zum ersten Mal hören. Und wenn man auf ihre Frage, was das für eine Sprache sei, Ladinisch antwortet, rufen sie verwundert: Was? Lateinisch? Das ist doch seit Jahrhunderten tot und begraben. Nein, es ist Ladinisch. In den Dolomitentälern lebt nämlich eine Gemeinschaft, die Italienisch, Deutsch und Ladinisch spricht.

Das Ladinische ist eine romanische Sprache. Im Jahre 15 vor Christus eroberten die Römer die alpinen Regionen Südtirols. Die einheimische Bevölkerung übernahm zwar das Volkslatein der Soldaten und Beamten, verzichtete jedoch nicht gänzlich auf die eigene Sprache. So kam es zur Entstehung der gegenwärtigen fünf ladinischen Idiome: Ladin de Gherdëina (Gröden), Badiot (Gadertal), Fascian (Fassatal), Ampezan (Cortina) und Fodom (Buchenstein). Diese werden jeweils in einem Tal der Dolomiten gesprochen. Da sie jedoch immer nur von einer kleinen Gruppe von Personen gesprochen werden, besteht die Gefahr, dass diese Idiome vom Italienischen oder Deutschen erstickt werden. Zur Zeit der Römer gab es wahrscheinlich ein zusammenhängendes Gebiet mit einer gemeinsamen Sprachfärbung. Heute jedoch beschränkt sich das ladinische Sprachgebiet auf diese kleinen Sprachinseln, wo diese mit ähnlichen Eigenschaften ausgestatteten Idiome gesprochen werden.

Genau hier liegt das Problem: Die Eigenschaften der verschiedenen Sprachvarianten sind nicht gleich. Die Vertreter der jeweiligen Idiome behaupten, ihres wäre das "richtigste", von Fremdwörtern am wenigsten "verseuchte" ladinische Idiom. Deshalb kam in einigen Menschen langsam der Wunsch nach einer ladinischen Einheitssprache auf.

Diese wurde nach einem einfachen Prinzip zusammengewürfelt, wie der Gadertaler Paul Videsott, Professor für Romanische Philologie an der Freien Universität Bozen, erläutert: "Das Ladin Dolomitan ist im Wesentlichen auf dem Prinzip der Mehrheit aufgebaut: Jene Form, die am häufigsten in den ladinischen Idiomen vorkommt, wird in die Einheitssprache aufgenommen. Alle Wörter, die in mindestens zwei der ladinischen Idiome vorkommen, wurden in das Wörterbuch aufgenommen."

Das Ladinische war jahrhundertelang vorwiegend eine gesprochene Sprache, die nur für eigenbezogene Thematiken verwendet wurde, zum Beispiel in der Familie, Landwirtschaft und im Handwerk. Erst nach der Französischen Revolution begann das Ladinische eine gemeinsame Schriftsprache zu entwickeln. Dieses Unternehmen wurde vom "nationalistischen" Zeitalter abrupt unterbrochen. Durch die Konflikte zwischen Italienern und Deutschen war für eine ladinische Schriftsprache kein Platz mehr. Durch den Ersten Weltkrieg, den Faschismus und den Zweiten Weltkrieg änderte sich lange Zeit nichts daran.

Nachdem die Sprache in Südtirol und im Trentiner Fassatal jedoch zur Amtssprache ernannt wurde, hätte auch das Ladinische fast eine Einheitssprache gehabt. Wörter- und Grammatikbücher für die gemeinsame Schriftsprache wurden veröffentlicht. Doch dann kam wieder alles anders. Das Ladin Dolomitan stößt bei großen Teilen der Bevölkerung auf Ablehnung. Viele weigern sich, die künstliche Sprache anzunehmen. Der Grödner Alexander Comploj, selbstsicher auftretender Obmann der Südtiroler Volkspartei (SVP) St. Ulrich, glaubt, den Grund für diese Reaktion zu kennen: "Eine Sprache muss gelebt werden, und das wird bei einer künstlichen Hochsprache nie der Fall sein. Wenn die Sprache nicht gelebt wird, wird sie auch nicht gefühlt, und wenn sie nicht gefühlt wird, wird sie auch nicht umgesetzt. Eine Sprache muss vom Herzen kommen, denn sonst wird sie nie von den Einwohnern akzeptiert werden." Laut Comploj fragen sich einige Einwohner außerdem, wie es überhaupt möglich ist, eine Einheitssprache zu kreieren, wenn die ladinischen Idiome so unterschiedlich voneinander sind.

"Erstens sind die Idiome nicht so unterschiedlich, und zweitens soll die Sprache ja niemand sprechen, sondern schreiben", betont dagegen der Wissenschaftler Videsott. Sie wäre in erster Linie für Berufsschreiber. Natürlich könnten auch "gewöhnliche" Menschen das Ladin Dolomitan erlernen, dafür würden ein paar Unterrichtsstunden genügen. Die ladinischen Idiome würden jedenfalls weiter gesprochen. "Die Idiome werden ja sowieso Tag für Tag vom Italienischen, Deutschen und Englischen beeinflusst. Das Ladin Dolomitan wäre eher ein Schild, das diese fremden Einflüsse filtert. Wenn es vom Ladin Dolomitan Einflüsse auf das Ladinische geben wird, dann sind es zumindest ladinische Einflüsse", sagt Videsott.

Anders sieht es jedoch Alexander Comploj: "Ich bin mir sicher, dass die Einheitssprache den Idiomen gefährlich werden kann. Denn wenn wir Grödnerisch reden, dann ,rujnonse' (reden wir), wenn wir Gadertalerisch reden, dann ,baionse' (reden wir). Und wie würde es dann im Ladin Dolomitan heißen: rujné, baié oder vielleicht parlé (reden wir)? Es könnte zu Verwechslungen kommen. Und wie würde es mit der Schule aussehen? Der Lehrer bringt dem Schüler bei, dass er ,ciasa' (Haus) schreiben soll. Darauf geht der Schüler nach Hause und schreibt in seinem Aufsatz ,ciasa'. Der Vater liest den Aufsatz durch und meint: ,Aber im Grödnerischen heißt es doch cësa!' Der Schüler bessert den Text aus, gibt diesen dem Lehrer ab und bekommt eine negative Note. Was haben wir also davon?"

Videsott glaubt dagegen, dass die schriftliche Verwendung einer Sprache heutzutage überlebensnotwendig ist. "Außerdem wären die Ladiner europaweit die einzige Minderheit, die sich im Wesentlichen über ihre Sprache definiert, die diesen wichtigen Schritt zu einer überlokalen Sprache nicht machen würde. Fünf Schriftidiome werden die Ladiner aber nicht ausbauen können."

Das Ladin Dolomitan sei eine künstliche Hochsprache, die von jedem einzelnen neu erlernt werden müsste, kontert SVP-Obmann Comploj. "Ich sehe den Sinn dahinter nicht. Wir Ladiner können uns mit unseren Idiomen super verständigen." Er fände es auch nicht richtig, dass die in den vergangenen Jahren geleistete Arbeit zum Schutz und zur Aufrechterhaltung der Idiome durch das Ladin Dolomitan zunichtegemacht würde. "Unsere Sprache stellt einen großen Bereich unserer Kultur dar. Sie war, ist und wird immer eine Herzensangelegenheit sein."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Ladiner sind mit ihrem Latein noch nicht am Ende
Autor
Matthias Designori
Schule
Klassisches Gymnasium Vinzentinum , Brixen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2013, Nr. 61, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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