In die Schulden getrieben

Ich habe in den letzten drei Tagen 3000 Euro verloren", beklagt sich der 27-jährige Stammkunde Franz Schmidt (Name geändert) in einer Ingolstädter Spielothek. "Ich muss mir dann morgen bei meiner Schwester Geld für die Miete leihen." Was für den sportlich gekleideten, jungen Mann früher ein harmloser Zeitvertreib war, ist zur Sucht geworden. Als er schließlich sogar einen Kredit aufnehmen musste, um seine Spielschulden auszugleichen, verließ ihn seine langjährige Lebensgefährtin. Dabei ist sein Schicksal kein Einzelfall. Spielsucht ist seit März 2001 in Deutschland offiziell als Krankheit anerkannt, und nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen gibt es geschätzte 150 000 Betroffene, die sich in Therapie befinden. Die Dunkelziffer der tatsächlich Abhängigen ist bei weitem höher. Diese Zahl ist in den vergangenen Jahren stetig angestiegen. Als spielsüchtig gilt jemand, der sowohl die Kontrolle über die Höhe des Geldeinsatzes als auch über die Dauer des Spielens verliert. Oft wird das Glücksspiel erst beendet, wenn kein Geld mehr zur Verfügung steht. Trotz hoher Verluste können einige auf das regelmäßige "Zocken" nicht verzichten und geraten somit immer tiefer in die Schuldenfalle. Die Gefahr wird oft unterschätzt. Die Gründe für den ersten Besuch eines Casinos sind vielfältig: Neugier, Langeweile, Freunde oder auch die Hoffnung auf einen hohen Geldgewinn. Außerdem versuchen manche ihren Sorgen zu entfliehen oder sich von diesen abzulenken. Franz Schmidt begann das Glücksspiel mit einem niedrigen Geldeinsatz. Da er anfangs viel Glück hatte, war er dazu bereit, den Einsatz kontinuierlich zu steigern, in dem Glauben, einen noch höheren Betrag zu erspielen. Sein Aufenthalt am Spielautomaten wurde zum wichtigsten Bestandteil seines Alltags. Dies führte dazu, dass ihm kaum noch Zeit für seine Frau und seine zweijährige Tochter blieb. Sogar die Feiertage verbrachte er manchmal in seinem Stammlokal. Doch seine Familie wurde nicht nur vernachlässigt, sondern auch belogen. Es kam vor, dass der junge Vater Geld vom gemeinsamen Konto ohne das Wissen seiner Frau abhob und es gedankenlos verspielte. Um das Ausmaß seiner Spielschulden zu verheimlichen, nahm er in seiner Verzweiflung einen Kredit auf. Seine Frau war mit der Situation überfordert und ließ sich schließlich nach fünf Jahren Ehe von ihm scheiden. "Wenn ich knapp bei Kasse bin, hole ich mir schon mal was zum Zocken aus dem Geldbeutel meiner Freundin", berichtet der 18-jährige David Müller (Name geändert). Der Schüler verließ sich oft darauf, sich Geld von seinen Freunden leihen zu können, um weiterhin eine Spielothek besuchen zu können. Seine Eltern versuchten häufig, ihm zu helfen, indem sie seine Geldschulden beglichen, um seine angehende Spielsucht nach außen hin zu vertuschen. Das war jedoch keine Hilfe, sondern geradezu eine Einladung, weiterzumachen wie bisher. "Am Anfang habe ich mich in meiner Arbeit richtig unwohl gefühlt. Soll ich den Spielsüchtigen, die teilweise sogar ihre Existenz aufs Spiel setzen, auch noch eine angenehme Atmosphäre schaffen, so dass sie das Spielen nicht für eine Sucht, sondern ein gewöhnliches Hobby halten?", bekennt die 44-jährige Simone Meier (Name geändert), eine Mitarbeiterin einer Ingolstädter Spielothek. Schon seit zwei Jahren arbeitet die Frau in dieser Branche und empfindet dabei nicht selten Mitgefühl mit einigen Kunden. "Einmal habe ich mich sogar geweigert, einem jungen Mann Geld zu wechseln, weil er mir kurz davor von seinen hohen Schulden und den damit verbundenen Eheproblemen erzählt hat." Nach Angaben der Ingolstädterin gibt es einige wenige Spielsüchtige, die ihr Spielproblem zu bekämpfen versuchen, indem sie sich selbst ein Hausverbot erteilen. Dennoch treibt sie ihre Sucht manchmal dazu, eine Spielothek aufzusuchen. In diesem Fall ist es Pflicht der Mitarbeiter, sie zu bitten, das Lokal zu verlassen. Andernfalls können die Spieler das Casino auf Schmerzensgeld verklagen. "Manche Spieler können sehr aggressiv werden, wenn sie kein Glück haben. Es kommt immer wieder vor, dass Automaten und weiteres Eigentum des Spiellokals beschädigt werden. Einmal habe ich sogar miterlebt, wie ein wütender Besucher mit Absicht Kaffee über den Automaten geschüttet hat, da er bereits viel Geld verloren hatte. Um noch schlimmeren Wutanfällen vorzubeugen, darf man unsere Spielothek nicht betrunken betreten." Wegen der gehäuften Aggressionsausbrüche gilt striktes Alkoholverbot in allen Casinos Deutschlands. Diese Regelung dient nicht nur den Spielern selbst, sondern auch den Mitarbeitern und vor allem anderen Besuchern als Schutzmaßnahme. "Nicht selten kommt es zu Streit zwischen Spielsüchtigen, die gleichzeitig an drei oder vier Automaten ihr Glück versuchen. Letztens hat ein Mann zur gleichen Zeit an vier Automaten gespielt. Als ein anderer Kunde ihn fragte, ob er in einen der besetzten Automaten Geld einwerfen könne, kam es zu Streit und beinahe zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung. Ich musste sie bitten, die Angelegenheit außerhalb der Spielothek zu klären", berichtet Simone Meier. Um ernsthaftere Folgen zu verhindern, gibt es mittlerweile zahlreiche Hilfsorganisationen in ganz Deutschland. Nach Angaben von Jakob Reichstein, eines Mitarbeiters der Suchtberatungsstelle der Gesop in Dresden, gibt es therapeutische Angebote wie beispielsweise Reha-Einrichtungen, die spezielle Konzepte entwickelt haben, um Spielsucht zu behandeln. Dabei gibt es sowohl Einzel- als auch Gruppenberatungsangebote. Dort versuchen die Spielabhängigen zusammen mit ausgebildeten Fachleuten herauszufinden, was die Sucht verursacht hat. Doch laut Jakob Reichstein gibt es noch weitere Möglichkeiten: "Wir sind dabei, eine ambulante Behandlung zu installieren." Spielsüchtige, die etwas verändern möchten, können über unterschiedliche Informationsquellen - vor allem über das Internet - Kontakt zu einer Beratungsstelle aufnehmen. Häufig informieren sich aber auch Angehörige Betroffener darüber, wie sie sich dem Erkrankten gegenüber verhalten sollen und wie sie ihn davon überzeugen können, sich in Therapie zu begeben.

Informationen zum Beitrag

Titel
In die Schulden getrieben
Autor
Helena Edich und Lydia Weingart Katharinen-Gymnasium, Ingolstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2010, Nr. 202 / Seite N6
Projekt
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