Wenn die Kameras aus waren, war es wie auf einer Klassenfahrt

Sarah Jülich aus Köln war Kandidatin bei Germany's Next Topmodel. An Drehtagen gab es keine Privatsphäre, aber insgesamt fand sie die Stimmung gut. Heute studiert sie und hat kleine Aufträge.

Die Entscheidungstage waren schlimmer als jede Klausur oder gar das Abitur. Auf das Abitur kann man sich ja vorbereiten. Bei Germany's Next Topmodel wusste man nicht, was als Nächstes passiert. Immer wieder wurde man überrascht. Spontanität war gefragt. Die Zeiten waren stressig", berichtet Sarah Jülich, ehemalige Kandidatin von GNTM. Die Zwanzigjährige mit den langen blonden Haaren belegte 2011 in der sechsten Staffel den 11. Platz. In einem Besprechungsraum ihrer alten Schule in Köln gibt sie ein Interview. GNTM ist eine Casting-Show des Senders Pro Sieben. Viele Mädchen träumen davon, Topmodel zu werden, und bewerben sich. In einer Endrunde werden den Teilnehmerinnen Aufgaben gestellt: Laufen auf dem Catwalk, Fotoshootings mit gefährlichen Tieren, sportliche Herausforderungen. Die Mädchen stellen sich Designern vor, um Modeljobs zu erhalten. Die Jury entscheidet Woche für Woche, wer ausscheidet. Im Finale kämpfen drei um den Titel "Germany's Next Top Model".

Sarah fing im Alter von 16 Jahren an zu modeln. Kleine Modeljobs, wie die Teilnahme an einem Musikvideo in Paris oder bei kleineren Fotoshootings für Kataloge, erlangte sie schon vor ihrer Teilnahme bei GNTM. Sie wurde auf der Straße angesprochen oder über Kontakte gebucht. Im Mai 2010 nahm sie als Model an einem Wettbewerb für Maskenbildnerinnen teil und unterstützte damit ihre Freundin Jana Kaminski, die den zweiten Platz belegte. "Ich hatte somit ein wenig Erfahrung, als ich zu GNTM gegangen bin", sagt sie. Eine Freundin hatte in der vorigen Staffel mitgemacht und schlug ihr vor, auch teilzunehmen. Die Teilnahme am öffentlichen Casting in Hannover sei trotzdem "ein spontaner Entschluss" gewesen und "just for fun" erfolgt.

Sarah gefiel den Model-Scouts. Sie musste einen Fragebogen ausfüllen, laufen und ein Interview vor einer Kamera geben, um ihre mediale Wirkung testen zu lassen. Dann wurden Fotos von ihr gemacht. Einige Wochen später bekam Sarah einen Anruf: Sie sei unter den Top 150. "Ich dachte: Schön, dass ich bis hierhin gekommen bin, aber weiter komme ich bestimmt nicht." Daraufhin wurde ein Telefoninterview mit ihr geführt. Schließlich kam ein Brief: Sie sei unter den Top 50. "Nun habe ich mich richtig gefreut. Es war unglaublich, dass ich unter den Top 50 von über 30 000 Bewerberinnen war."

Da Sarah bereits 18 Jahre alt war und die Fachhochschulreife nach der 12. Stufe in der Tasche hatte, durfte sie gehen, nachdem ein Gespräch mit ihrer Mutter und der Schulleitung stattgefunden hatte. Das halbe Jahr, das sie bei GNTM verbracht hat, wurde sie von der Schule beurlaubt. In dieser Zeit hielt sie engen E-Mail-Kontakt mit einer Lehrerin. "Sie war in Sorge und hat mich hervorragend unterstützt. Ich war sehr froh darüber."

Besonderen Bekanntheitsgrad hat eine Szene in der zweiten Folge in einer Londoner Kirche erlangt. Sarah wollte nicht ein extrem gewagtes Hochzeitskleid präsentieren. "Schließlich bin ich auf ein Erzbischöfliches Gymnasium gegangen. Ich dachte, wenn ich mit einem viel zu kurzen, aufreizenden Kleid durch eine Kirche gehe, dürfte ich nicht mehr in diese Schule zurückkehren und meinen Abschluss dort machen." In diesem Moment hatte Sarah das Gefühl, sich zwischen der Sendung und ihrer Schule entscheiden zu müssen. Sie hat sich für ihre Schule entschieden. "Das war mir wichtiger. Ich wollte das Risiko nicht eingehen, auch wenn ich mir denken konnte, dass meine Entscheidung bei den anderen Mitstreiterinnen nicht so gut rüberkommen würde." Wie üblich wurde eine Menge weggeschnitten. "Im Fernsehen kommt dann so manches collagenhaft rüber."

Alle Kandidatinnen hätten sich gut verstanden. "Wir haben zusammen gekocht, gequatscht, eingekauft, uns Sehenswürdigkeiten in unserer Freizeit angeguckt, Strandspaziergänge unternommen, im Meer gebadet, einen Freizeitpark besucht und Sport betrieben. Sobald die Kameras aus waren und der Stresspegel sank, hatte man das Gefühl, man wäre auf einer luxuriösen Klassenfahrt."

Die Drehs fanden in Europa und den Vereinigten Staaten statt. Sarah war in München, Berlin, Salzburg, Paris, London, New York, Los Angeles, Chicago, São Paulo und im Dschungel von Brasilien. Die Mädchen hatten immer wieder Freizeit. In dieser Zeit waren die Kameras aus. An Drehtagen jedoch hatte Sarah keine Privatsphäre.

Etwa 50 Personen standen hinter den Kameras: Redakteure, Pro-Sieben-Mitarbeiter, die Aufnahmeleitung, Betreuer, die Regie, Stylisten und Fotografen. "Um uns wurde sich immer gekümmert. Ein total lieber Betreuer passte auf uns auf." Am besten haben ihr das Reisen und die Fotoshootings gefallen, am Langweiligsten war das Warten an den Entscheidungstagen, die morgens früh begannen und bis spät in die Nacht dauerten. "Währenddessen habe ich vor lauter Langeweile immer gegessen und ein wenig zugenommen." Bezüglich des Essens oder des Betreibens von Sport gab es keine Regelungen. Die Kandidatinnen sollten alle nur "fit" sein. Für die ärztliche Versorgung wurde ebenfalls gesorgt. Einmal war Sarah krank. Drei Spritzen und Antibiotika bekam sie, um wieder auf den Beinen zu sein. Die Kameras waren dabei, gezeigt wurde die Szene aber nicht.

Sarah hat mit ihrer besten Freundin jeden Morgen geskypt. "Ich bin extra früh dafür aufgestanden. Sie gab mir genauso wie meine Familie Halt. Alle haben mich unterstützt und waren für mich da. Sie sagten, dass ich so lange weitermachen soll, wie ich möchte. Ich habe sogar mit meiner Oma jeden Tag zehn Minuten telefoniert." Das Handy musste Sarah abgeben. Den Laptop jedoch durfte sie behalten. Keiner der Teilnehmerinnen durfte posten, wo sie waren. Schließlich galt höchste Geheimhaltung, da es für den Zuschauer spannend bleiben sollte. "Letztendlich haben es die Paparazzi aber doch irgendwann herausgefunden." Der Kontakt zu den Juroren Heidi Klum, Thomas Hayo und Thomas Rath war sehr gut. "Heidi war oft nicht da, da sie auch noch andere Jobs und Kinder hat. Thomas und Thomas waren quasi immer anwesend und genau wie Heidi immer super nett."

Als Sarah rausgeflogen ist, war das für sie in Ordnung. "Ich war froh darüber, dass ich so weit gekommen bin. Der Stress fiel von mir ab, und es gab keinen Druck mehr." Inzwischen hatte sie die Vorabiturklausuren verpasst. Sie arbeitete bei Hollister, ergatterte ein paar Modeljobs, bis sie nach dem Sommer wieder zur Schule ging. "Ich habe den Anschluss ohne große Probleme gefunden und mich primär auf gute Noten konzentriert. Das war das Wichtigste." Am Ende stand ein Eins-Komma-Abitur. "Manche Lehrer fanden es gut, dass ich bei GNTM mitgemacht habe, andere fanden das nicht gut. Viele blieben auch neutral."

Es gab ein paar negative Kommentare von Mitschülerinnen. Aber sie stehe darüber, erklärt sie. "Nur das, was deine Familie und die besten Freude sagen, ist wirklich wichtig. Man muss lernen, dumme Kommentare hinzunehmen, sich aber nicht davon runterziehen zu lassen." Ihr enger Freundeskreis ist geblieben. Ihr Leben habe sich kaum geändert. "Ich war nun ein bisschen bekannter." Viele sprachen sie auf der Straße an. "Ich konnte nicht unerkannt durch Köln gehen." Sie wurde nach Autogrammen und Fotos gefragt. Viele wollten auch nur wissen, ob sie "die von GNTM" ist.

Dies hat aber mittlerweile stark abgenommen. Sie hat weitergemodelt und einige größere Jobs erledigt, Interviews gegeben und viele neue Menschen kennengelernt. Die meisten Jobs bekommt sie über Kontakte, nicht über die Agentur. Derzeit ist Sarah in der Kartei der Agentur von Heidi Klums Vater. Darüber ist sie froh. Sie hat keine negativen Erfahrungen damit gemacht. Andere Mädels, die keine Lust mehr dazu hatten, hätten sich herausgeklagt. Sarah studiert Italienisch und Geschichte in Bonn, ab Sommer Jura in Köln. Sie arbeitet nebenher als Verkäuferin in einem Modehaus.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wenn die Kameras aus waren, war es wie auf einer Klassenfahrt
Autor
Anna-Laura Güntgen
Schule
Ursulinenschule , Köln
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2013, Nr. 89, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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