Vom Fernweh gepackt

Zurzeit besucht Laura Huber die Internationale Deutsche Schule Paris. Durch den Beruf ihres Vaters bei der deutschen Botschaft ist ihre Familie gezwungen, alle vier Jahre das Land zu wechseln. Wo aber ist ihre Heimat? In Deutschland? In Schweden? In Frankreich? Lauras lange braune Haare betonen ihre braunen Augen, in denen kein Anzeichen von Heimweh zu erkennen ist. Seltsamerweise zeigt die aufgeschlossene Jugendliche eher Anzeichen von Fernweh. Die 17-Jährige hat schon viele Länder gesehen: Geboren wurde sie 1992 in Schweden, danach folgte Afrika. Zwischen ihren Berlin-Aufenthalten verbrachte sie vier Jahre in der Schweiz, lebte in Den Haag, momentan lebt sie in Paris, aber nur für kurze Zeit. In einem anderen Land leben heißt aber nicht gleichzeitig, dessen Sprache zu beherrschen. "Es ist sehr schade", bedauert Laura, "dass ich die jeweiligen Landessprachen nicht gelernt habe." In Sambia besuchte sie einen englischsprachigen Kindergarten, doch eigentlich ist ihre erste Fremdsprache Französisch. In Paris besucht Laura seit einem Jahr die deutsche Schule, auf der sie sofort gut aufgenommen wurde. Nur 15 Jugendliche sind in einer Klasse. In Paris ist ihr Vater Kulturattaché, doch seine genaue Aufgabe wechselt von Land zu Land. "Ein halbes Jahr vor einem Umzug bekommt man eine Liste zugeschickt mit allen Posten auf der Welt, für die man sich bewerben kann", erklärt Laura, "man entscheidet sich dann für sechs Städte, in die man bereit wäre umzuziehen. Schicksal und Amt teilen einem dann nach ein paar Monaten mit, wohin es geht." Die Familie muss also flexibel sein. Auch wenn sich viele so ein Leben kompliziert vorstellen, Laura sieht das ganz anders: "Oft spüre ich nach zwei Jahren am gleichen Ort ein starkes Fernweh." So hat sie zum Beispiel auch vor einem Jahr, während ihres Berlin-Aufenthaltes, wie viele andere Jugendliche ein halbes Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht. Die Welt zu erkunden erfordert aber auch Opfer: Lauras Mutter hat ihre Berufstätigkeit aufgegeben. Immer wieder eine neue Anstellung als Lehrerin zu finden war zu schwierig. Von dem Wohnort abhängig, treten auch andere Probleme auf. So waren die Krankenhäuser in Sambia so schlecht, dass Lauras jüngere Schwester in Deutschland geboren ist; ihre Mutter ist zur Geburt in ihr Heimatland geflogen. Gerade in Afrika hatte Laura kaum Kontakt zu Einheimischen. "Umziehen, neue Länder und Kulturen kennenzulernen, ist spannend." Ihre persönlichen Sachen werden von Land zu Land mitgeschleppt. Sie spielt Tennis, entspannt sich mit arabischer Musik oder einem schönen Schmöker. Laura denkt darüber nach, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten, doch das mangelnde Interesse an Wirtschaft und Politik hält sie vielleicht davon ab. Außerdem würde sie auch ab und zu einen festen Wohnsitz bevorzugen: "Am liebsten hätte ich mich in Berlin niedergelassen." Dorthin möchte sie auch nach dem Abitur zurückkehren. Dort hat sie die intensivsten Jahre ihrer Jugend verbracht. Sie hat immer noch Kontakt zu ihrer Freundin aus der ersten Klasse in Holland; auch in der Schweiz besucht sie regelmäßig alte Bekannte. Immer wieder zieht es sie nach Saarbrücken zu ihren Großeltern: "Dort fühle ich mich auch zu Hause, weil das der einzige Ort ist, an den ich seit all den Jahren immer zurückkomme."

Informationen zum Beitrag

Titel
Vom Fernweh gepackt
Autor
Isabel Freese, Eckener-Gymnasium, Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2010, Nr. 226 / Seite N6
Projekt
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