Die Gasse wird zur Meile

Schlendern Sie vorbei an alten Winzerhäusern und ruhen Sie in unserem Südfrüchtegarten gleich hinter der Theresien-Kleinkinderschule. Es gibt Leckereien aus Keller und Küche sowie Stände und Häuschen zum Schauen und Kaufen: etwas für jeden Geschmack." So wirbt der Fremdenverkehrsort Rhodt unter der Rietburg für sein Heimat- und Blütenfest im Juni. Der malerische Weiler, über dessen Dächern der einstmalige Sitz der Herren von Riet thront, ist vom Weinbau geprägt. Das Fest ist eines von 200 Weinfesten in der Pfalz. "Und eines der schönsten", findet Carina aus Großfischlingen. Die Südpfälzerin ist nach Edenkoben geradelt, um sich vom "Historischen Schoppebähnel" gemütlich nach Rhodt kutschieren zu lassen. "Da herrscht eine tolle Stimmung", freut sich die 18-Jährige.

Mit ihr schafft die kleine Dampflok im 30-Minuten-Takt erwartungsvolle Gäste unter die Rietburg: johlende Jugendliche, rege Rentner, vereinzelt Familien. In dem Menschenstrom, der vom Ortseingang Richtung Festmeile pilgert, klackern Leopardenpumps und Mehrfußgehstützen auf dem historischen Pflaster um die Wette. Carina bahnt sich einen Weg zum alten Etagenkarussell, ein zentraler Treffpunkt. Ihre Freundin Lena wartet bereits. Die groß gewachsene Brünette hat im Hof von Winzer Krieger Gewürztraminer besorgt. "In den hat die Lena sich richtig verliebt", lacht Carina und knufft ihr freundschaftlich in die Seite. Für die Geschmackstiefe dieser Weinsorte ist das Weindorf an der Oberhaardt berühmt.

Wenig Beachtung schenkt dieser Tatsache die Gruppe Teenager, die laut lachend neben ihnen steht. Jeder der fünf Sechzehnjährigen hat ein "Pfälzer Dubbeglas" in Händen, gefüllt zur einen Hälfte mit Dornfelder, zur anderen mit Cola. "Cola-Rot" heißt diese bei den Jugendlichen beliebte Mischung, die den Alkoholgeschmack mit Zucker verscheucht. "Aus dem Alter sind wir raus", kommentieren Lena und Carina die Bande Schluckspechte und stürzen sich ins Treiben. Das pulsiert auf der 800 Meter langen Theresienstraße, die sich quer durch Rhodt zieht. Sie ist oft menschenleer, jetzt aber wird die Gasse zur Meile und zieht auch die Urbansten Richtung Dorf, vorbei an mit Geranien und Efeu geschmückten Fassaden. Tausende quetschen, drängen, zwängen und schieben miteinander, gegeneinander, aneinander vorbei. Es schmiegt sich Dekolleté an Dekolleté. Das eine in Besitz einer Siebzig-, das andere Eigentum einer Siebzehnjährigen. Gerüche wabern: Parfumwolken, Zigarettenqualm, Alkoholund Schweißgeruch tun sich zum einzigartigen Weinfestsmog zusammen, der sich in der Kleidung einnistet.

Lena und Carina steuern auf eine Bierbank zu. Ein freundlicher älterer Mann winkt sie herbei. "Kumm, mir rigge noch ä Schdiggel". Tatsächlich tut sich eine unverhoffte Lücke auf, gerade groß genug, um "zwei schlanken Damen Platz zu bieten", wie der Urpfälzer analysiert. "Ludwig", zischt seine Frau und blickt entschuldigend. Aber die beiden lachen nur. "Des esch unsern Schäfers-Lud", tönt es vom anderen Ende des Tisches. Carina hat Schwierigkeiten die Stimme zuzuordnen, denn aus einem Lautsprecher krächzt eine schlecht gestimmte Gitarre vom "Summer of 69". "Was singen die do?", wendet sich Ludwig Schäfer an den jungen Mann neben ihm. "Opa, das ist Englisch", antwortet der belustigt. "Das die nid Deitsch singe kinnen", schüttelt dieser den Kopf und schaut die Schülerinnen auffordernd an. Die nicken und versuchen möglichst unauffällig, die Hollister-Aufschriften auf ihren Shirts zu verdecken. "Do gugg, die sin vun anderem Kaliber wie dei Barbie-Püppel", raunt Ludwig seinem Enkel ins Ohr. Der wird rot und schaut peinlich berührt auf den Tisch. "Ludwig", mahnt Oma Schäfer wieder. Doch ihr Gatte lässt sich nicht beirren und nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Weißherbstschorlenglas. Dass dabei "ein paar Tröpfchen des kostbaren Nasses", wie er in süffisantem Hochdeutsch bemerkt, danebengehen, stört ihn wenig. "Ludwig", stöhnt seine Frau und beginnt den feuchten Fleck auf seinem Janker mit der Serviette ihrer bereits verspeisten Schmelzkäsebockwurst und etwas Spucke zu bearbeiten. Das nehmen die Gymnasiastinnen zum Anlass sich zu verabschieden. Während sie gehen, hören sie "Schäfers-Lud" seinen Enkel ob der verpassten Bekanntschaft tadeln: "Des wär mir nid passiert!" Dafür erntet er vom Enkel ein genervtes "Opa", von der Ehefrau ein letztes resigniertes "Luuuudwig" und vom ganzen Tisch schallendes Gelächter.

Carina hat eine so gar nicht ins Festbild passende, mit pink Lichterketten und blinkenden Emblemen verzierte Bar ausgemacht. Der Schänke ist ein Bambusdach aufgesetzt, mit viel Liebe und Heißkleber befestigt, schmücken Plastikmuscheln, Gummihummer und Styroporanker ihre dünnen Außenwände. Inmitten der Südseeidylle thront entspannt ein dicklicher Mittvierziger im lässig aufgeknöpften Hawaiihemd. Gut gelaunt verteilt er Caipirinhas, Mojitos und Piña Coladas an die Strandgemeinde. Die bewegt sich zu den südamerikanischen Rhythmen von DJ Jorge Dos Santos. "La gente está muy loca", heizt der ein und wirft temperamentvoll das lange Haar zurück.

Ein muskelbepackter, braungebrannter Partygast hat begonnen, Carina anzutanzen. Sein frisch nachgefärbter Vokuhila wippt im Takt des Merengue. Geschmeidig lässt er die Hüften kreisen. Sowohl seine als auch Carinas. Die schaut etwas pikiert und dreht sich hilfesuchend zu Lena um. Die versteht sofort. Anmutig gleitet sie zwischen ihre Freundin und den Tanzbären. Nach wenigen Sekunden wundert der sich, dass er plötzlich allein dasteht.

Carina und Lena sind verschmolzen mit der Menge. Einer Menge voller Gegensätze, zwischen Tradition und Modernität, wo auf dem historischen Weinfass gestrippt und auf der Tanzfläche zu Volksmusik gerockt wird. Einer Menge, die auf ihre Art und Weise unter der Rietburg bis zum Morgenrot feiert.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Gasse wird zur Meile
Autor
Samuel Kirsch, Christoph Löffel
Schule
Eduard-Spranger-Gymnasium , Landau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.05.2013, Nr. 116, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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