Auf die Sänfte, fertig, los

Am 27. Juli heißt es wieder "Auf die Sänfte, fertig, los!" In der malerischen Kleinstadt Ellwangen versammeln sich an diesem Samstag Tausende Zuschauer, um dem in Deutschland einzigartigen Sänftenrennen beizuwohnen. Die Idee für das Rennen entstand vor 13 Jahren in Anlehnung an eine alte Stadtanekdote. Nachdem Ellwangen im Jahre 1803 durch Napoleon zum neuwürttembergischen Regierungssitz ernannt wurde, ließ sich Herzog Friedrich II. auf einer Sänfte von seinen Untertanen durch die Stadt tragen. Als er das menschlichste aller Bedürfnisse verspürte, trieb er seine Träger zu besonderer Eile an, um ein geeignetes Örtchen aufzusuchen. Seit 2001 wird der Wettbewerb jährlich im Rahmen des Programms "Sommer in der Stadt" am ersten Samstag der Sommerferien veranstaltet.

Einer der Mitgründer ist Günther Hirsch. Neben dem Hauptorganisator Franz Brenner ist er für den ordnungsgemäßen Ablauf des Rennens verantwortlich. Selbst hat er jedoch noch nie aktiv an dem Lauf teilgenommen. Vor ein paar Jahren sollte er die Sänfte des damaligen Bürgermeisters, als Clown verkleidet, tragen. Um sich jedoch die körperlichen Strapazen des Wettbewerbs zu ersparen, delegierte er kurzerhand die Rolle an seinen jüngeren Bruder.

Die Regeln des Rennens verlangen eine mindestens 20 Kilogramm schwere Sänfte mit Dach, deren Schwerpunkt unterhalb der Schulter der vier Träger liegen muss. Die zu tragende Person muss ein Mindestalter von 16 Jahren haben. Zudem darf die Trage nicht breiter als zwei Meter sein, um Kollisionen mit anderen Läufern zu vermeiden. Die Rennstrecke verläuft durch das Zentrum der historischen Altstadt. In Einzelläufen qualifizieren sich die Teams für das große und kleine Finale, in dem dann der direkte Vergleich zählt. Die Sänfte darf außerdem nicht direkt mit dem Träger verbunden sein, um gefährliche Stürze zu vermeiden. "Blutige Knie oder leichte Schürfwunden sind eigentlich jedes Jahr dabei", sagt Günther Hirsch, "etwas Schlimmeres als ein gebrochener Arm ist glücklicherweise noch nicht vorgekommen."

Doch nicht allein die Geschwindigkeit ist für den Sieg entscheidend, die Gewinner des Rennens werden durch mehrere Kategorien ermittelt. Sowohl die Gestaltung und das Aussehen der Sänfte als auch die Originalität der Kostüme gehen in die Bewertung mit ein. Eine Jury, die aus verdienstvollen Stadtpersönlichkeiten besteht, und das Publikum ermitteln den Sieger.

Der Kreativität des Sänftenbaus sind keine Grenzen gesetzt. In den vergangenen Jahren wurden die Kostüme und Sänften immer ausgefallener. "Fliegende Klaviere, von Fußballspielern getragene Stadien, sprintende Neandertaler mit ihrer Beute: Alles ist vertreten." Auch historische Sänften mit Bezug zu gesellschaftlichen und kirchlichen Ereignissen in der Geschichte der schwäbischen Kleinstadt werden oft als Vorbild verwendet. In Anlehnung an das Martyrium des Schutzpatrons der Stadt, den heiligen Vitus, wurde eine mit "siedendem Öl" gefüllte Sänfte von Inquisitoren durch die Stadt getragen. Nicht nur regionale Vereine, auch internationale Gruppen nehmen in regelmäßigen Abständen an dem Rennen teil. Zuletzt 2010, als "die Gallier" aus der französischen Partnerstadt Langres mit einer Hinkelsteinsänfte in Asterix- und Obelixverkleidung den Publikumspreis gewannen.

Im vergangenen Jahr erreichten die vier "Wolfskäppchen", als Schneewittchen verkleidet, mit einem überdimensionalen Fleischwolf als Sänfte aufgrund der besten Zeit den ersten Platz. Als Preis erhielten sie neben regionalen Köstlichkeiten auch den sogenannten "Sänftenmann", der jedes Jahr als Siegerpreis vergeben wird. Mit einem Augenzwinkern erzählt Günther Hirsch, dass der Pokal eigentlich aus purem Gold sei und nur mit Blei überzogen wurde, um den Diebstahl zu erschweren. Ganz in schwäbischer Manier wird die Trophäe natürlich als Wanderpokal vergeben, um das Stadtbudget zu schonen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf die Sänfte, fertig, los
Autor
Maximilian Hirsch
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.07.2013, Nr. 157, S. N6 f
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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