Einmal im Schwäbischen abtauchen

Du sitzt hier in einem völlig veralteten, männerlastigen Tauchladen, bei dem es immer an der Dekoration fehlt", sagt Erik Sablotny über das Geschäft in Hürben, einem Ortsteil von Giengen an der Brenz. In dem Laden hat sich seit den Anfängen im Jahr 1998 nichts verändert, außer der Wandfarbe, die von Weiß zu einem warmen Gelbton wechselte. Der Laden "Tauchsport Kaulquapp" ist zweckmäßig mit Holzregalen ausgestattet, auf denen man viel Tauchzubehör findet, wie Handschuhe, Taucheranzüge, Flossen oder Neoprenschuhe.

Aus dem Verkaufsraum blickt man geradeaus in eine kleine Küchennische. Rechts neben der Tür steht ein ovaler Holztisch mit vier Klappstühlen. Im Schaufenster sind an einem kleinen Sichtschutz Taucherbrillen aufgereiht, die dort präsentiert oder vielmehr nur gelagert werden. Das Schaufenster, erzählt Sablotny lächelnd, haben drei Mädchen hergerichtet und dekoriert. Sie standen einfach eines Tages mit Tüten voller Dekoration im Laden und haben das Fenster mit blauen Kieselsteinen, einem Leuchtturm und Muscheln umgestaltet. Die drei Besitzer haben seitdem nichts verändert und höchstens abgestaubt, da sie alle kein Händchen für das Dekorieren haben. Dass das Geschäft so unspektakulär wirkt, hat einen guten Grund: Der Laden hat so gut wie keine Laufkundschaft und ist eher eine "Operationsbasis" für Exkursionen.

Sablotny fing vor 25 Jahren mit dem Tauchen an. Auf einer Poolparty lernten der heute 48-Jährige und seine Freunde einen Tauchlehrer kennen, der das Tauchen eigentlich aufgegeben hatte. Sie überredeten ihn, einen Kurs mit ihnen zu machen. Der Theorieunterricht fand beim Tauchlehrer in der Küche statt, getaucht wurde an Seen. Sablotny, der eine kräftige Statur hat, lacht. "Für die Tauchgänge wurde das ganze Gerödel ausgeliehen, nichts hat gepasst, alles hatte Löcher. Die Anzüge gab es in zwei Größen, entweder zu groß oder zu klein." Inzwischen ist Sablotny selber Tauchlehrer und bietet eigene Kurse an. Den Tag über arbeitet er bei einer Firma, die LED-Leuchten herstellt, abends und am Wochenende dreht sich aber alles um den Tauchclub. Den Laden gründeten Sablotny und zwei Freunde 1998, einer schied aus, dafür kam ein anderer mit ins Team. Das Geld steht dabei nicht im Mittelpunkt. "Wenn ich von dem leben müsste, was die Taucherei einbringt, müsste ich im Jahr mit 2000 Euro klarkommen."

Die Arbeit macht den drei Besitzern, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben, Spaß, und so kommen sie auch mit den ungünstigen Rahmenbedingungen auf der trockenen Ostalb klar. "Unser Geschäft hat zwar keinen See vor der Tür, aber er hält sich trotzdem gut über Wasser." Wenn es zu einer Tour geht, kommt Leben in das unscheinbare Haus. Alle Utensilien werden aus dem Laden in einen ehemaligen Polizeibus gepackt, der seine besten Zeiten bereits hinter sich hat.

Auch vor Ort kann es dann recht munter zugehen. Sie erlebten schon viele Tauchgruppen und -schüler, doch eine Gruppe lebhafter Mädchen wurden von den Tauchlehrern nur "die Hühner" genannt und blieb besonders im Gedächtnis. Sie waren ein aufgedrehter Haufen und sorgten in den Theoriestunden und am Friedberger See bei Augsburg für gute Laune und Chaos. Mit der Ausrüstung waren sie heillos überfordert, mit dem Zubehör ebenfalls. Oft mussten sich die Tauchlehrer zwischendurch hinsetzen und entspannen. Da war es viel angenehmer, wenn alle endlich unter Wasser waren und es einfach still wurde. Die meisten Teilnehmer seien glücklicherweise organisierter.

Einen Tauchkurs kann man ab zwölf Jahren belegen. Der Spaß kostet für einen Anfänger 240 Euro, doch um selbständig tauchen zu dürfen, braucht man den Abschluss "Open Water Diver", der 370 Euro kostet. Die Theoriemodule werden im Laden abgehalten. Dann geht es weiter zu den ersten Tauchversuchen im Schwimmbad. Wenn ein bisschen Erfahrung gesammelt wurde, steht dem Tauchvergnügen, zum Beispiel am Gurrensee bei Neu-Ulm, nichts mehr im Wege. Das Highlight ist auch gleichzeitig der gemeinsame Jahresabschluss, allerdings nicht an den Küsten der bekannten Taucherparadiese Italien und Kroatien, sondern unmittelbar vor der Haustür in der schwäbischer Heimat. So endet die Saison für ihn alljährlich mit dem "Brenz Nabada". Während des Herbrechtinger Weihnachtsmarkts steigen mutige Männer, Frauen und einige Kinder in den kalten Fluss. Sie schwimmen in der Dämmerung mit Fackeln flussabwärts und werden von Bewohnern und Schaulustigen bewundert.

Auch professionelle Tauchgänge im Mittelmeer für erfahrene Taucher sind im Angebot, ebenfalls Anfängerkurse für fünf bis zehn Personen. Sablotny freut es, wenn die Teilnehmer von dem bunten Leben im Meer vor der ligurischen Küste fasziniert sind und sich über jede Kleinigkeit freuen. Ihn selbst interessieren die farbigen Fische nach seinen über 1200 Tauchgängen nur am Rande. "Die sehen alle aus, als würden sie frisch vom Lackieren kommen", meinte er lächelnd. Was ihn nach wie vor reizt, ist die Ruhe unter Wasser. Doch auch "versunkene Geschichten" wie Schiff- oder Flugzeugwracks faszinieren ihn. Deswegen würde er gerne zwei besondere Orte besuchen: Die Truk Lagoon, wo japanische Kriegsschiffe liegen, und die Lagune Scapa Flow vor Schottland, wo sich die kaiserliche deutsche Flotte selbst versenkt hat.

Andere interessante Erlebnisse hat er bereits hinter sich. So ist beispielsweise Eistauchen etwas Außergewöhnliches. Man bohrt ein Loch in eine Eisdecke und steigt dort in den See ein, um dann unter der Eisschicht zu tauchen. Um den Weg nach draußen wiederzufinden, wird ein Seilende außerhalb des Eislochs und eines an dem Taucher befestigt. Wenn die Sonne scheint und die Eisschicht klar ist, sei es Unterwasser sehr hell, erklärt Erik Sablotny, doch sollte auf dem See eine Schneedecke liegen, wird es unter Wasser dunkel, und ein beklemmendes Gefühl macht sich breit. Doch ist Sablotny mit den Jahren bequemer geworden. Selbst mit einer guten Ausrüstung gehe er nicht mehr in kälteres Wasser. Dann bleibt er lieber zu Hause.

Informationen zum Beitrag

Titel
Einmal im Schwäbischen abtauchen
Autor
Saskia Rittner
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2013, Nr. 193, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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