Für Sekunden nicht mehr in dieser Welt

Olivier Plaçais prescht auf seinem Pferd mit 50 Stundenkilometern davon. Sieben Pferde reitet der französische Jockey jeden Trainingsmorgen in der Schweiz. Der Mann wiegt 55 Kilogramm und muss sein Gewicht halten.

Ein gedämpftes Wiehern schneidet durch die Morgenstille, als vier Gestalten langsam aus dem dichten Nebel kommen. Es ist zwanzig Minuten nach fünf, und das erste Reiterteam des Stalls Beliar steht auf der Rennbahn in Urdorf nahe Zürich bereit. Ein kurzes Kopfnicken, und die vier Pferde mit ihren jungen Jockeys preschen mit 50 Stundenkilometern davon, angeführt von dem 28-jährigen Starjockey Olivier Plaçais. Nach etwa 20 Sekunden erreicht der 1,67 Meter große, schlanke Jockey das Ende der Bahn und verschwindet wieder im Schritt im Nebel, um beim Stall das Pferd zu wechseln.

Der in Angers, im Westen Frankreichs geborene Jockey begann mit sechs Jahren Ponyrennen zu reiten, mit zwölf gewann er die französische Ponyrennen-Meisterschaft. "Der Preis war ein Wochenaufenthalt in der Jockey-Schule in Chantilly. Ich war so begeistert und wollte sobald wie möglich dort zur Schule gehen. Als ich vierzehn war, erfüllte sich der Wunsch, und zum gleichen Zeitpunkt wechselte ich auch von Ponyrennen zu Pferderennen", schildert Plaçais den Beginn seiner Karriere.

Er hat schon 3000 Rennen bestritten und davon 430 gewonnen. "Zu gewinnen ist ein unglaubliches Gefühl. Für ein paar Sekunden bin ich nicht mehr in dieser Welt, es gibt dann nur mich und das Pferd." Die Gewinnchance hänge zu 75 Prozent vom Pferd ab. Ein guter Jockey kann nicht mit einem schlechten Pferd gewinnen.

Aber was zeichnet einen guten Jockey aus? Man dürfe sich nie aus der Ruhe bringen lassen, sagt Plaçais, der bis vor kurzem wegen des höheren Gehalts noch in Singapur ritt. "In eineinhalb Monaten verdiente ich in Singapur gleich viel Geld, wie ich in einem Jahr in der Schweiz verdiene." Ein Jockey müsse sich in einer halben Sekunde entscheiden können, immer gesund essen und einen Kämpfergeist haben. Plaçais reitet im Durchschnitt etwa sieben Pferde jeden Morgen, die ihm vom langjährigen Champion-Trainer und Stallbesitzer Miro Weiss zugeteilt werden. Um Champion-Trainer zu werden, muss man am Ende des Jahres die meisten Siege erzielt haben.

Jedes Pferd wird bei Beliar von den Jockeys selbst geputzt und gesattelt und danach, bevor sie auf die Rennbahn gehen, werden die Pferde etwa 20 Minuten im Wald aufgewärmt. Der Nachmittag besteht oft auch aus Reiten. "Wenn ich ein Rennen habe, habe ich keine freie Minute am Nachmittag und komme oft erst spät nach Hause. Habe ich jedoch kein Rennen, brauche ich den Nachmittag, um zu entspannen und Schlaf nachzuholen", beschreibt Plaçais seinen strengen Tagesplan.

Das Gewicht ist genauso streng geregelt wie der Tagesablauf im Leben eines Jockeys. "Ich bin sehr oft auf Diät und treibe jeden Tag Sport, um immer die gegessenen Kalorien zu verbrennen. Auf Süßigkeiten muss ich aber zum Glück trotzdem nicht verzichten", erzählt Olivier Plaçais mit einem Schmunzeln, und seine blauen Augen leuchten verschmitzt unter der mit Dreck überzogenen Reitkappe hervor. Das Gewicht wird aber nicht wie oft gedacht vom Trainer bestimmt, sondern ist von Rennen zu Rennen unterschiedlich, weil es vom Rennkomitee festgelegt wird. So durfte Plaçais in Singapur nur knappe 50 Kilogramm wiegen, sechs Kilo weniger als momentan in der Schweiz. Dass war auch der Grund für die Rückkehr nach Europa. "Während meines Aufenthaltes in Singapur bin ich mehrmals nach den Rennen vor Erschöpfung zusammengebrochen. Nach zwei Jahren hatte ich genug und wollte aufhören, bevor ich schwerwiegendere Gesundheitsprobleme bekommen würde. Das vorgegebene Gewicht einzuhalten ist natürlich schwierig und übt einen riesigen Druck auf die Jockeys aus. Der Druck ist sicher eine negative Seite am Beruf, doch er hilft mir persönlich, immer fokussiert zu sein", erklärt der Sportler.

Das Wichtigste sei einfach, sich davon nicht unterkriegen zu lassen. "Man darf nicht zulassen, dass man durch den enormen Leistungsdruck und den Zwang, das Gewicht zu halten, sein Ziel aus den Augen verliert. Es gibt ja auch viele positiven Seiten am Beruf. Zum Beispiel, dass ich um die Welt reisen kann, und das Gehalt für einen guten Jockey ist auch sehr gut. Von dem ersten bis zum fünften Rang bekommt man sieben Prozent des gewonnenen Preisgeldes. Das tönt jetzt nicht nach sehr viel, wenn das Preisgeld des Gewinners aber zum Beispiel 90 000 Franken beträgt und ich gewinne, bekomme ich 6300 Franken."

Träge tanzt der Staub im Licht, das durch die Fenster auf den Stallgang flutet. Abgesehen vom beruhigenden Kauen der rund 60 Rennpferde ist es ruhig im Stall. Langsam, aber mit festen Zügen striegelt Olivier Plaçais Shisun, seine Hoffnung für den diesjährigen Sieg beim Grand Prix Jockey Club, einem der besten Rennen in der Schweiz, das am 29. September in Dielsdorf bei Zürich ausgetragen wird. "Langzeitige Pläne für die Zukunft habe ich noch nicht wirklich, dieses Jahr will ich aber wieder Swiss Champion Jockey werden", lächelt Olivier und tätschelt liebevoll Shisun den Hals.

Informationen zum Beitrag

Titel
Für Sekunden nicht mehr in dieser Welt
Autor
Alexandra Rüegg
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2013, Nr. 217, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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