Fremd im eigenen Land

Ich würde es wieder genauso machen - na ja, wenn ich noch so fit wäre", sagt Georg Benning. Der 51-Jährige wurde in dem 2000-Seelen-Dorf Sura Mica, Kleinscheuern, in Siebenbürgen geboren und lebte dort mit seiner Verwandtschaft. Die Familie hat deutsche Vorfahren. Er besuchte einen deutschsprachigen Kindergarten und eine deutsche Schule. Er machte Abitur und eine Ausbildung zum Mechaniker, obwohl sein Traumberuf Lehrer war. Der Lehrberuf war ihm verwehrt, da er deutsche Wurzeln hatte. Erstmals wurde Benning nach der Schule bewusst, welche Last eine deutsche Abstammung im damaligen Rumänien bedeutete. Die Zeit beim Militär war hart. "Wir wurden mit Verbrechern gleichgestellt. Wir waren fremd im eigenen Land", klagt er. Um einen Tag freizubekommen, mussten der eher zurückhaltende Mann und seine Freunde den Vorgesetzten sogenannte Gegenleistungen bieten, wie Zigaretten oder knappe Lebensmittel.

Nach und nach wanderten Verwandte und Freunde nach Deutschland aus, da sie in Rumänien aufgrund der wirtschaftlichen Lage keine Zukunft sahen. Zwar musste niemand hungern, doch wussten alle, wie viel besser das Leben in Deutschland war. Bennings Eltern stellten 1974 einen Antrag zum Auswandern, der ohne eindeutige Begründung abgelehnt wurde. Immer wieder versuchte die Familie vergeblich, die Erlaubnis zum Auswandern zu bekommen. Schließlich wurde 1986 Bennings Frau die Ausreise genehmigt, die mit ihrer Familie in Deutschland ein besseres Leben begann. Ein schwacher Trost war, dass seine Frau ohne Probleme als Touristin nach Rumänien reisen und ihren Mann besuchen konnte. Der Trennungsschmerz steigerte sich, als seine Frau schwanger wurde.

Schließlich sah Benning keine andere Möglichkeit als die Flucht. Sein Schwager, der bereits in Deutschland lebte, plante mit ihm die Flucht. Im Januar 1989 war es soweit: Seine Route sollte ihn über Jugoslawien und Österreich nach Deutschland führen. Benning ließ sein gesamtes Hab und Gut zurück und machte sich nur mit den Kleidern, die er trug, auf den gefährlichen Weg. Von einem Bekannten seines Schwagers wurde er zur Grenze zwischen Rumänien und Jugoslawien gebracht. Geplant war ständiger Funkkontakt mit einem Schleuser, jedoch gab es technische Probleme. So war er auf sich selbst gestellt und musste in der Dunkelheit in einem Wald über die Grenze schleichen. "Damals war ich noch fit", sagt der sportliche Mann. "Die Grenzsoldaten hätten sicherlich nicht davor zurückgeschreckt, jemanden zu erschießen oder halbtot zu prügeln, wenn sie ihn bei der Flucht erwischt hätten." Doch er blieb unentdeckt. In Jugoslawien wurde Benning von einem Helfer nach Belgrad gebracht. Von dort fuhr er mit seinem Schwager, der ihn abholte, zur österreichischen Grenze. Wieder musste Benning sich an den jugoslawischen Grenzen vorbei schmuggeln. Er lief geduckt über Hügel, Felder, durch Wälder und sprang hinter der Grenze zu seinem Schwager ins Auto. Jetzt konnte er aufatmen: Er war im Westen.

Am 29. Januar kam Benning nachts in Deutschland an. Für ihn sei es eine unbeschreibliche Erleichterung gewesen, erzählt er. Sein Schwager brachte ihn nach Heidenheim, wo seine Frau, sein mittlerweile geborener Sohn und seine Schwiegereltern lebten. Bennings Augen leuchten, als er davon erzählt, wie er seine Frau und seinen Sohn endlich in die Arme schließen konnte. Die Schwiegereltern hatten in Heidenheim ein Vierfamilienhaus gekauft, in dem alle heute leben.

Da Benning damals noch keine deutschen Papiere hatte, musste er nach Nürnberg in ein Auffanglager, um registriert zu werden. Da er nur einer von Tausenden von Flüchtlingen war und seine Papiere in Rumänien zurückgelassen hatte, dauerte es vier Tage, bis er seine Papiere bekam. In seinem neuen Leben fand er sich schnell zurecht. Rückblickend amüsiert er sich darüber, dass ihn seine Frau sofort zum Einkaufen mitnahm, da er ja nur die Kleider hatte, die er auf dem Leib trug. Für Benning waren die großen Modeläden etwas Neues, denn im kommunistischen Rumänien hatte er nie eine solche Auswahl. Vieles, was sie dort benötigten, hatten sie selbst hergestellt oder eingetauscht.

Beruflich lief es zunächst nicht ganz so wie geplant. Sein Abitur wurde nicht anerkannt, da keinerlei Zeugnisse vorlagen. Mit Hilfe von Verwandten bekam er bei der Firma Voith in Heidenheim einen Arbeitsplatz. Der Mechaniker arbeitete sich zum Pressmantelfertiger hoch. Vom 20. Februar 1989 bis heute ist er dem Unternehmen treu geblieben und feiert nächstes Jahr sein 25. Jubiläum. Er freut sich, dass sein Sohn mit Abschluss Lehramt studiert.

Verbindet er noch etwas mit seinem Geburtsort? Vor drei Jahren war er dort auf einer Beerdigung. "Ich fühle mich dort nicht mehr zu Hause." Es habe sich viel verändert, so gebe es keine deutschstämmigen Familien mehr in seinem Heimatort.

Informationen zum Beitrag

Titel
Fremd im eigenen Land
Autor
Franziska Leder
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2013, Nr. 223, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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