Sie sömmern so gern

Ihre Arbeitstage sind lang, aber das stört die Teilzeitbauern auf der Schweizer Alp wenig. Ein hoher Besuch. Die Kuhglocken hört man irgendwann einfach nicht mehr", sagt Claudia Arnold, die Älplerin auf der Oberalp. Der scheppernde Klang der "Trychlä" genannten Schellen bildet die allgegenwärtige Geräuschkulisse auf der Alp zuhinterst im Isenthal. Die Alp liegt auf 1730 Metern über dem Meer, eine grüne Terrasse, umgeben von hoch aufragenden Felswänden, über die von der Schneeschmelze angeschwollene Bäche hinunterstürzen. In den steilen Grashängen links und rechts sieht man kleine Gruppen von Geißen, und vereinzelt hört man auch das Klingeln ihrer Glöckchen. "Manchmal möchte ich auch eine Geiß hier oben sein, ein schöneres Leben gibt es nicht", sagt die Älplerin, eine kräftig gebaute Frau Mitte 40. Sie hat kurzes, dunkelblondes Haar und ein freundliches Lächeln. Zusammen mit ihrem Mann Sepp sömmert sie schon den 24. Sommer über Vieh auf der Alp. Sie haben 35 Kühe im Stall, der direkt an die Alphütte angebaut ist, dazu noch Geißen und Säue. Die Kühe, die von den Älplern gesömmert werden, gehören eigentlich einem Bauern im Tal. Im Gegenzug für ihre Hirtendienste müssen die Arnolds für einen Teil der Milch, die sie verkäsen, dem Besitzer nichts zahlen. Die Tiere sind auch ein Grund, warum die Familie jeden Sommer so gern wieder auf die Alp geht. Im Winter wohnt sie im Dorf Isenthal, das rund tausend Meter tiefer liegt und etwa 650 Einwohner zählt. Die gelernte Krankenschwester arbeitet dann in der Altenpflege, ihr Mann Josef als Maurer. Er sitzt gerade vor der Hütte und beobachtet mit einem Feldstecher Gämsen in der gegenüberliegenden Felswand. Auch er sagt: "Hier oben verbringe ich die schönste Zeit des ganzen Jahres, ich möchte kein anderes Leben. Das Beste am Leben auf der Alp ist, dass ich mein eigener Chef bin." "Die Arbeitstage sind zwar lang und die Arbeit oft schwer, aber ich freue mich trotzdem jedes Jahr auf den Alpaufzug", sagt Claudia Arnold. Das glaubt man ihr gern, wenn sie einem in der mit Holztafeln ausgekleideten Bauernstube mit zufriedenem Gesichtsausdruck gegenübersitzt. Auf dem mit einem rot-weiß karierten Wachstuch gedeckten Tisch liegt die Zeitung von vergangener Woche. "Ja, hier oben ist man manchmal schon ein wenig abgeschnitten vom Rest der Welt, aber das ist auch das Schöne am Leben auf der Alp. Es gefällt mir, wenn ich mich ganz auf die Natur und mich selbst konzentrieren kann und mich nicht um das neueste Geschehen in der Welt kümmern muss." Auf ein angenehmes Leben muss man trotz der Abgeschiedenheit nicht verzichten. Die Küche ist modern eingerichtet und mit Backofen und Gefrierschrank ausgestattet. Auch auf ein Bad mit Dusche und Warmwasser muss das Ehepaar Arnold nicht verzichten. Einen Fernseher gibt es nicht. "Den braucht man hier sowieso nicht, die Natur bietet viel schönere Bilder", sagt die Älplerin, während sie auch schon wieder zur Stube hinauseilt, um beim Abladen der Milchkannen zu helfen, die ihr Mann gerade mit dem Aebi, einem geländegängigen Transportfahrzeug, gebracht hat. Der Zeitpunkt, wann die Kühe auf die Alp getrieben werden, wird mit anderen Älplern, die der gleichen Alpgenossenschaft angehören, gemeinsam bestimmt. "Diese Abstimmung, die alljährlich in einer Dorfbeiz stattfindet, heißt Mehren, weil es darum geht, eine Mehrheit für das Alpaufzugsdatum zu finden. Hitzige Debatten gibt es dabei allerdings nicht, und wenn kein eindeutiger Beschluss gefasst werden konnte, freuen sich alle auf einen weiteren gemeinsamen Abend am nächsten Wochenende", erklärt die Bäuerin. Das Datum für den Alpaufzug liegt meist im Juni und ist abhängig davon, wann der Schnee geschmolzen ist und wie viel Gras schon gewachsen ist. Die Kühe bleiben dann ungefähr 100 Tage auf der Alp, bevor sie wieder in den Stall zum Bauern in einer tiefer gelegenen Gemeinde zurückkehren. "Hier oben ist es wie Urlaub für die Tiere", sagt die Älplerin, "so viel Auslauf bekommen die Tiere nur auf der Alp." Tatsächlich sehen die Kühe, die überall verstreut wiederkäuend im Gras liegen, zufrieden aus, "obwohl manche während der ersten Tage auf der Alp Heimweh nach ihrem gewohnten Stall und ihrem Bauern im Tal haben." Die Milch der Kühe, die morgens und abends gemolken werden, wird direkt auf der Alp zu Käse verarbeitet. Die Herstellung der jährlich etwa sieben Tonnen Käse übernimmt Claudia Arnold. Ihr Arbeitsplatz, die Käserei in der Alphütte, ist hell und weiß gekachelt, der Chromstahl auf den Arbeitsflächen blitzt. Der Raum bietet großzügig Platz für den riesigen Kupferkessel, in dem die Milch erhitzt wird und all die anderen Utensilien, die zur Käseherstellung benötigt werden, wie zum Beispiel die Harfe, ein Stab, an dem mehrere gespannte Saiten befestigt sind und mit dem die durch das Lab dickgelegte Milch im Kessel zerschnitten wird. Daneben stehen große, flache Holzbottiche bereit. In sie wird die Käsemasse abgefüllt. Das Käsen ist ein recht kompliziertes Handwerk. "Es gibt zwar einen Alpsennenkurs, doch dort lernt man nur die Grundlagen. Das meiste Wissen habe ich mir selbst angeeignet, und ich lerne immer noch dazu", sagt die Käserin. In den großen Käsereien im Tal könne man die Milch genau analysieren und entsprechend verarbeiten, so dass genau der Käse mit der gewünschten Härte und der gewollten Geschmacksrichtung entsteht. Auf der Alp gibt es kein Labor, deshalb ist die Qualität des Käses ganz von der Erfahrung und dem Gespür der Käserin abhängig. Das Käsen ist allerdings nicht die einzige Arbeit, die hier verrichtet werden muss. Nach dem Melken in den frühen Morgenstunden müssen die Tiere auf die Weide getrieben und der Stall muss ausgemistet werden. Am Nachmittag kommen dann schon bald die ersten Gäste ins Alpbeizli, das die Arnolds bei ihrer Hütte betreiben. Zudem verlangt die Korporation, die das Weideland zur Verfügung stellt, im Gegenzug mindestens drei Arbeitsstunden, die für die Pflege des Landes eingesetzt werden müssen. Dazu gehört zum Beispiel das Einsammeln von Steinen und das Ausreißen von Gestrüpp. "Wir stellen seit Jahren eine Magd ein, ohne deren Hilfe wäre die ganze Arbeit gar nicht mehr zu bewältigen", sagt Claudia Arnold. Während der Saison ziehen die Älpler sechsmal um, denn sie führen einen Drei-Stufen-Betrieb. Nach dem Alpaufzug weiden die Kühe zuerst etwa zehn Tage auf der untersten Alp auf 1400 Metern und gehen danach auf die Oberalp, die mittlere Stufe, die auch die größte der drei Alpen ist. Wenn auf der obersten Stufe auf 1800 Metern der Schnee geschmolzen und genug Gras gewachsen ist, werden die Kühe dort hinaufgetrieben und bleiben für ungefähr zwei Wochen, um das Gras auf der mittleren Stufe wieder nachwachsen zu lassen. Dann treibt die Kälte den Alpbetrieb wieder Stufe für Stufe nach unten, bis die Saison im September zu Ende ist und die Kühe wieder zu ihren Besitzern zurückkehren. "Am Ende der Saison bin ich froh, wieder in die Wohnung im Dorf zurückzukehren", sagt die Älplerin, nachdem sie gerade den letzten durstigen Wanderern Getränke serviert hat. "Das ganze Jahr so zu arbeiten, wäre mir zu anstrengend. Und wenn im nächsten Jahr der Sommer wieder näher rückt, dann freue ich mich wieder sehr auf das Älplerleben."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie sömmern so gern
Autor
Simon Infanger, Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2010, Nr. 246 / Seite N8
Projekt
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