Bei jedem Wetter und Wellengang

Gabriel Gouret ist Miesmuschelzüchter an der bretonischen Küste. Sieben Stunden täglich fährt er aufs Meer zu den Pfählen. Die Gezeiten bestimmen den Rhythmus seiner Arbeitstage.

Die Bretagne in Frankreich ist für viele eine beliebte Urlaubsregion: Strand, atemberaubende Klippen und zum Essen gibt es Wein und "Moules frites", Miesmuscheln mit Pommes frites. Die schimmernden Muscheln werden in einer Weißweinsoße gekocht und in einer speziellen Schüssel serviert. Man erkennt an der Art, wie der Gast die Muscheln isst, ob hier ein Einheimischer oder ein Tourist speist: Zum einen isst der Experte alle weiteren Muscheln mit einer leeren Muschel, die ihm dann als Besteck dient und einen ähnlichen Effekt wie eine Pinzette hat, zum anderen fächert er die leeren Muscheln zu einem langen Komplex zusammen, um so mehr Platz zu haben.

Gabriel Gouret, ein großer, muskulöser, braungebrannter Mann mit schwarzem schulterlangem Haar ist Muschelzüchter in Pénestin, einem Dorf mit 1900 Einwohnern unmittelbar am Atlantik. Sich selbst und damit seinen Beruf nennt er "Mytiliculteur". Im Frühjahr werden Muschelpfähle senkrecht in den Boden gestampft. Entweder siedeln sich die Muscheln nun auf natürlichem Wege an den Pfählen an, oder sie werden als kleine Muscheln in einem netzartigen Strumpf spiralförmig um die Pfähle gewickelt und befestigt. Danach pflanzen sich die Muscheln selbst fort und wachsen. Nach ungefähr sechs bis zwölf Monaten sind die Muscheln ausgewachsen. Auf einem speziellen Muschelboot befindet sich ein Kran, mit dessen Hilfe die Muscheln von den Pfählen abgezogen werden, da die Muschelnetze nicht nur schwer sind, sondern sich auch vom Pfahl kaum trennen lassen. An Land werden die Muscheln vom Netz separiert, anschließend maschinell geputzt und schließlich direkt an Restaurants verkauft.

Seit elf Jahren verkauft auch Gabriel Gouret die Muscheln, und das, obwohl er keine Mitarbeiter hat. "Ein Kilo unverarbeiteter Muscheln kostet bei mir für Zwischenhändler 1,70 Euro", sagt er grinsend, "doch ihr müsst dann hier im Geschäft drei Euro zahlen, dafür sind diese aber schon geputzt." Ihm selbst schmecken die Muscheln aber nicht mehr so gut, verständlich, wenn man sie jeden Tag sehen und riechen muss.

Der für seine 50 Jahre noch jung aussehende Fischer steht immer drei Stunden vor Beginn der Ebbe auf, um mit seinem Muschelboot auf See zu fahren. Für einen solchen Beruf muss man flexibel sein, denn durch die Gezeiten verschiebt sich der Tagesrhythmus natürlich stetig. Außerdem kann man nie genau kalkulieren, wie lange ein Fischer arbeiten muss. Im Schnitt verbringt Gouret sieben Stunden auf dem Wasser, und hinzu kommt manchmal noch das Vorbereiten der Muschelnetze für die Pfähle.

Schon mit 16 Jahren begann der breitschultrige Mann mit dem Fischen, anfangs nur im Sommer als Muschelfischer, denn ursprünglich zog er Fische auf seinen Kutter, doch seit sechs Jahren ist er vollends auf das Muschelgeschäft umgestiegen, da die Fische nicht mehr so viel Gewinn versprachen. In der Zeit, in der Gabriel Gouret mit dem Fischen begann, war eine Berufsausbildung nötig. Mittlerweile ist sogar ein Abschluss an einer Fachhochschule erforderlich. Natürlich braucht man sowohl heute als auch früher einen Führerschein für die jeweiligen Schiffe, die man besitzt. Weiterhin muss man einen Traktor mit Anhänger fahren können, da man diesen häufig gebraucht, um die Muschelkörbe vom Boot zur Reinigungsanlage zu transportieren. An dem Fischer fallen besonders seine großen Hände auf, vielleicht ein Berufsvorteil. Dass er Fischer werden wollte, stand für ihn frühzeitig fest, trotz der Bedenken seiner Eltern. Sie sahen ein großes Risiko in dem, was ihr Sohn tun wollte, denn man muss bei jedem Wetter und bei jedem Wellengang auf dem Boot stehen, was zusätzlich auch noch eine glatte, bei Regen rutschige Oberfläche bietet. Doch all dies nimmt er in Kauf, nie hat er daran gedacht, etwas anderes zu werden, denn er liebt das Meer.

Wie viele deutsche Touristen hat auch er immer Angst, dass die Sonne zu stark ist. Doch der braungebrannte Mann kümmert sich in dieser Hinsicht herzlich wenig um seine eigene Haut, vielmehr geht es ihm um seine Muscheln, die nicht allzu viel Sonne vertragen. Auf die Frage, ob es Dinge gibt, die ihm nicht gefallen, antwortet er mit einem kleinen Lächeln: "Entweder sind das zu viele Dinge oder gar keine. Wenn man sich eine Arbeit aussucht, hat man nicht das Recht, sich zu beschweren." Ob die anderen Fischer Freunde oder Konkurrenten sind, liege meistens an einem selbst. Gabriel Gouret respektiert andere und wird im Gegenzug auch respektiert. Ein bisschen Konkurrenz gehört allerdings dazu, doch jeder hat, zumindest in Pénestin, ähnliche Bedingungen, da jeder Muschelzüchter zum Beispiel die Werbung bei professionellen Organisationen machen lässt.

"Du siehst mich ja, ich bin nicht unglücklich", lautet seine selbstbewusste Antwort auf die Frage, ob er gut von seinem Geschäft leben könne. Der Mytiliculteur könnte sich auch nicht vorstellen, wegen eines besseren Verdienstes umzuziehen, denn große Städte mag er nicht und sie würden ihn "auch nicht mögen".

Informationen zum Beitrag

Titel
Bei jedem Wetter und Wellengang
Autor
Annika Keilen
Schule
Europaschule Gymnasium , Papenburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2013, Nr. 270, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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