Im Züricher Regenwald

Kakaobäume mit weißen, faulig-duftenden Blüten und Teddybär-Palmen mit braunrotem Flaum an der Krone. Krächzende Papageien und plätschernde Wasserfälle sorgen für Hintergrundgeräusche. Ein Lemur, genauer ein Roter Vari, springt von Baum zu Baum und verschwindet im Gebüsch. Das grünorange Pantherchamäleon verweilt regungslos auf einem Ast und schnappt sich mit seiner langen Zunge ein Insekt.

Mehr als 100 Baumarten und etwa 60 Tierarten von Insekten über Fische, Frösche, Reptilien bis zu Säugetieren leben auf 11 000 Quadratmetern: eine Flora und Fauna wie in Madagaskar, einfach im Kleinformat und konzentrierter. Im Züricher Zoo steht eine 30 Meter hohe Halle mit gewölbtem Foliendach. Darin befindet sich der Masoala-Regenwald. Die Halle ist nach der Halbinsel Masoala am Zipfel im Nordosten von Madagaskar benannt. Dort schwinden die Regenwälder, unter anderem wegen des Holzschlags. Die Auswirkungen auf die Biodiversität und das Klima sind enorm. Zur Erhaltung des Regenwalds besteht eine enge Zusammenarbeit des Zoos mit dem Masoala-Nationalpark.

Tierpfleger Andreas Lach ist 40 Jahre alt und kommt aus Hannover. Er hat kurze dunkle Haare und trägt ein blaues T-Shirt mit dem Aufdruck "Zoo Zürich". In der Halle schneidet er Bäume, jätet, betreibt Pflanzenaufzucht, betreut die Tiere und erledigt handwerkliche Unterhaltsarbeiten. Technisches Verständnis braucht er, um zum Beispiel die Klimasteuerungen zu überprüfen. Ihn fasziniert das Zusammenspiel der Arten im Lebensraum Wald. In der Halle leben mehr verschiedene Tiere als auf gleicher Fläche in der Natur. "Es kann durchaus vorkommen, dass Vögel Chamäleoneier aus dem Boden herauspicken oder sogar Frösche auffressen, wenn sie ihnen vor den Schnabel kommen", sagt Lach. Andere Tiere haben ein Revier und verteidigen das gegenüber Artgenossen. Bei den Lemuren haben sich der Rotstirnmaki und der Rote Vari ihr Gebiet abgesteckt. Sie haben Kernbereiche, die gegenseitig akzeptiert werden.

Besucher bleiben auf dem Weg stehen und bestaunen einen giftgrünen Madagaskar-Taggecko, der sich sonnt. Die Luftfeuchtigkeit beträgt 80 Prozent, die digitale Temperaturanzeige zeigt 29 Grad Celsius an. Auf engeren Pfaden, die abgesperrt sind und durchs Gestrüpp führen, kann man nur mit einem Führer gehen.

Für die Tiere gibt es eine Grundversorgung. Die Vögel werden einmal am Tag gefüttert, größere Säugetiere wie Lemuren oder Flughunde zweimal. Sie sollten nicht komplett satt sein, sondern den Anreiz behalten, selbst auf Futtersuche zu gehen. Lach und sein Team halten sich an Regeln, damit das Tier nicht lernt, von Besuchern Futter anzunehmen. Sie berühren die Tiere nicht, füttern sie nicht von der Hand, es gibt nur an den Futterstellen Nahrung. "Ich kann mich mit einem vollen Futtergeschirr neben einen Roten Vari stellen, und er wartet an seinem Korb, bis das Futter hineingelegt wird", sagt Lach. Dies sei wichtig. Wenn die Tiere lernen, dass man Futter von der Hand bekommt, sei der Schritt zum Betteln bei Besuchern klein. Würden sie in Kinderwagen oder Taschen Esswaren räubern, müsste man diese Tiere umsiedeln.

Die Beregnung der Masoala-Halle hängt stark mit der Außenwitterung zusammen. In Madagaskar gibt es eine Regen- und eine Trockenzeit. In Zürich sind diese Zeiten um ein halbes Jahr verschoben: Im Winter herrscht Trockenzeit, denn die Tiere und Pflanzen reagieren auf die dunklere Jahreszeit. Einige Tierarten verkriechen sich dann für fünf bis sechs Monate, wie der Mausmaki, ein nachtaktiver Lemur, und kommen erst im nächsten Frühling wieder hervor. Im Winter lässt man es nur einmal in der Woche regnen, da man die Feuchte sonst nicht mehr los wird wegen der kurzen Lüftungszeiten. Im Sommer durchströmt den Regenwald drei bis vier Mal in der Woche meist nachts ein computergesteuerter Platzregen. "Wir können maximal bis zu 80 000 Liter auf einmal herunterregnen lassen", sagt Lach.

Flughunde, Papageien und Vögel können von einem Aussichtspunkt beobachtet werden, zu dem Treppen führen. Dort oben ist es 36 Grad Celsius warm und unglaublich feucht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Im Züricher Regenwald
Autor
Celina Urban
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2013, Nr. 282, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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